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Das Haus an der Eschersheimer stehe nicht in einer Top-Lage, findet die Nordendlerin.

Wohnen in Frankfurt

Alles andere als "sehr gute Wohnlage"

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Der Frankfurter Mietspiegel ist nach Ansicht von Christiane Bayer eine komplette Fehleinschätzung. Die Miete für ihre Wohnung an der Eschersheimer Landstraße hält sie deshalb nicht für gerechtfertigt.

Christiane Bayer will niemandem eine böse Absicht unterstellen. Sie geht davon aus, dass ein Fehler gemacht wurde. „Und der soll korrigiert werden.“ Die Rede ist vom Mietspiegel, ein Thema, dem die Frankfurterin bislang wenig Beachtung geschenkt hatte. Das änderte sich am 31. Oktober, als sie ein Schreiben in ihrem Briefkasten fand, in dem ihr der Vermieter eine Mieterhöhung um monatlich knapp 150 Euro ankündigte – und das mit Verweis auf den Mietspiegel begründete. Erst dann stellte Bayer fest, dass ihr Haus in der Eschersheimer Landstraße als „sehr gute Wohnlage“ ausgewiesen war. Ihrer Meinung nach eine komplette Fehleinschätzung.

Der Mietspiegel 2018 wurde am 15. Juni rückwirkend zum 1. Juni vom Magistrat in Kraft gesetzt. Das vom Amt für Wohnungswesen herausgegebene Nachschlagewerk soll Mietern und Vermietern einen qualifizierten Überblick über die Mietpreise in der Stadt geben und unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Wohnlagen: sehr gut, gehoben, mittel, einfach und sehr einfach. 

Das alte, rote Backsteinhaus in der Eschersheimer Landstraße neben der U-Bahn-Station Holzhausenstraße wurde in die höchstmögliche Kategorie einsortiert – wie auch beim 2016er Mietspiegel schon. Allerdings: Nur der Abschnitt zwischen Holzhausenstraße und Heinestraße ist als „sehr gute Wohnlage“ markiert. Der Rest der Eschersheimer gilt laut Mietspiegel als „mittlere Wohnlage“. 

Christiane Bayer, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hält das für überzogen. Seit zwölf Jahren wohnt sie in dem Haus, zu einer verhältnismäßig geringen Miete, wie sie zugibt. Im Gegenzug habe sie aber auch vieles in Kauf genommen. So wache sie etwa jeden morgen um 4 Uhr auf, wenn unter dem Haus die erste U-Bahn losrolle. Zudem kämen täglich tausende Menschen am Haus vorbei, vor allem Studenten auf dem Weg zur Goethe-Uni oder Kinder der angrenzenden Schulen. „Hier wird jeden Tag gereinigt, aber es ist trotzdem immer zugemüllt“, klagt Bayer.

Dazu sei die Fassade mit Graffiti beschmiert, aus einem benachbarten Restaurant ziehe Essensdunst in die Wohnungen, im Hof gebe es Ratten, vor dem Block werde Sperrmüll abgestellt, manchmal stünden fremde Menschen im Eingang, manche hätten auch schon dorthin uriniert. Allein in diesem Jahr seien ein Roller aus dem Hof und mehrere Fahrräder aus dem Keller gestohlen worden. Außerdem sorge die Sanierung der Elisabethenschule seit Jahren für Lärm und Dreck. Und nicht zu vergessen der Lärm und die Abgase einer vierspurigen Straße direkt vor der Haustür. Zehn Parteien leben in dem Haus, sieben sei ebenfalls eine Erhöhung angekündigt worden. 

Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats, verteidigt den Mietspiegel. Es handele sich um ein „nach allen Regeln der Wissenschaft und Statistik erstelltes Werk“, das auf „sehr umfangreichen Datenerhebungen“ basiere. Zur Erstellung habe man zwei externe Institute beauftragt, es seien mehrere hundert Vermieter und über 3000 Mieter befragt worden. „Ich glaube, dass der Mietspiegel haltbar ist und zutreffende Aussagen macht.“ Grundsätzlich sei das Holzhausenviertel „eine der hochwertigsten Wohnlagen“ in Frankfurt. 

Er könne Bayers Kritik in gewisser Weise nachvollziehen, so Gellert, manche Punkte seien jedoch in der Wahrnehmung sehr individuell und deswegen schwer in einem Mietspiegel zu berücksichtigen. Die wichtigsten Faktoren seien die Lage und die Ausstattung der Wohnung. „Die Schüler zum Beispiel – manchen stört das nicht.“ Ein Graffiti könne theoretisch auf jedem anderen Haus auch auftauchen. „Und wenn die Wände wackeln, wenn die U-Bahn losfährt, hat das nichts mit der Lage zu tun, sondern damit, wie das Haus gebaut ist.“ 

Gellert rät, sich eher mit dem Mieterschutzverein, der mietrechtlichen Beratung vom Amt für Wohnungswesen oder einem Fachanwalt kurzzuschließen. Bei Mängeln an der Wohnung sei eine Mietminderung denkbar, Baulärm könne ein Argument für eine niedrigere Miete sein. Hier könne der Vermieter das sogar dem Verursacher in Rechnung stellen, so Gellert. 

Bayer hat sich mit ihrem Anwalt beraten und der Erhöhung widersprochen. Gellert macht ihr wenig Hoffnung: „Wenn die Mieterhöhung dem Mietspiegel entspricht, wird das schwierig. Der Mietspiegel hatte bislang vor Gericht immer Bestand.“

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