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Stühlerücken an der Hauptwache: Beim Protest gegen zu hohe Mieten wollen sich die Teilnehmer „widersetzen“.

Wohnungsnot in Frankfurt

„Mietenwahnsinn“ in Frankfurt: Protest an der Hauptwache

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In Frankfurt steigt die Wohnungsnot. Das Bündnis „Mietenwahnsinn-Hessen“ fordert Demonstranten auf, sich zu „widersetzen“.

Ulrich Riedel ist am frühen Samstagvormittag extra aus Niederrad gekommen, um sich an der Aktion des Bündnisses #Mietenwahnsinn-Hessen an der Hauptwache zu beteiligten. „Wir zahlen 40 Prozent und das ist noch relativ günstig“, sagt der gelernte Kaufmann. 

Er und seine Frau hängen an ihrer 65 Quadratmeter großen Wohnung in unmittelbarer Nähe der einstigen Galopprennbahn, auf deren Gelände jetzt das neue Zentrum des Deutschen Fußball-Bunds entstehen wird, – sicher keine Garantie dafür, dass die Mieten in Niederrad günstig bleiben.

Miete: Viele zahlen inzwischen mehr als 40 Prozent vom Netto

Das Bündnis hat einen „Mietstrahl“ auf dem Pflaster befestigt. Dort kann jeder mit einem roten, grünen oder schwarzen Stift den Anteil der Miete vom Nettoeinkommen eintragen. „Vor 30 Jahren waren das weniger als 30 Prozent“, sagt Thilo Schwarmann vom Bündnis. Inzwischen setzen viele der rund 250 Anwesenden ihren Punkt jenseits der 40-Prozent-Marke, und zwar in Schwarz oder Rot, das heißt, sie sehen, was die Entwicklung der Mieten anbelangt, eher schwarz und rot. Nur wenige wählen die Farbe grün und signalisieren damit die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation.

Um die 60 Stühle haben die Leute vom Bündnis mitgebracht. Eigentlich sollten die Demonstranten weitere Stühle mitbringen – aber wer geht schon mit einem Stuhl unterm Arm über die Zeil? Die Stühle sind geschmückt mit weißen Luftballons, die die Aufschrift „Widersetzen“ tragen. Doch das „Widersetzen“ ist offenbar nicht so einfach wie der übliche Widerstand. Es dauert eine Weile, bis es sich viele, vor allem ältere Leute auf den Stühlen bequem gemacht haben, und langsam entsteht inmitten der quirligen Innenstadt eine Art Wohnzimmeratmosphäre.

Warten auf eine Wende in der Wohnungspolitik

Mit lautem Getrommel erscheinen die IG-Bau-Frauen, die eben noch auf dem Römerberg mit ihren Rhythmen für die Beteiligung an der Europawahl geworben haben und sich hier, an der Hauptwache, mal eben für die 30-Stunden-Woche starkmachen. Auch die Politik ist vertreten: Er sei nicht nur als SPD-Politiker, sondern auch für den Mieterbund da, sagt Sieghard Pawlik, der sich seit vielen Jahren für mehr Gerechtigkeit beim Wohnen einsetzt. „Wohnungspolitik ist Sozialpolitik“, sagt Katharina Alborea von der hessischen Diakonie. Sie ist enttäuscht, dass es nach der Landtagswahl „keine Wende in der Wohnungspolitik“ gegeben habe.

Lesen Sie dazu auch: Die Wut der Mieter - Berliner Initiative plant Volksbegehren, um Großmieter zu enteignen

Eine Forderung der Diakonie laute, dass Grundstücke „nach Konzept“ vergeben würden und nicht denjenigen in die Hände fielen, die am meisten zahlten.

Durch die „Konzepte“ solle die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum auch jener Menschen sichergestellt werden, die „es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben“, etwa Alleinerziehende oder Ältere. Bis zum Jahr 2040 würden in Hessen 500.000 Wohnungen fehlen. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt bleibe „prekär und desolat“.

Mitorganisator Thilo Schwarmann kritisiert die „Flucht in die Sachwerte“ nach der Finanzkrise. Immobilien seien für Investoren attraktiv, die Mieter blieben auf der Strecke.

Mieten in Frankfurt steigen durch Nachverdichtung und Sanierung

Ein Redner schildert, wie durch Nachverdichtung und Sanierung die Mieten in die Höhe schnellten. Und Liv Dizinger vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Hessen und Thüringen wirbt für die europäische Bürgerinitiative „Housing for all“ – bezahlbarer Wohnraum sei nicht nur in Frankfurt ein Problem.

Nach einer Stunde werden die Stühle wieder zusammengeklappt. Die Veranstalter zeigen sich mit der Aktion zufrieden. Man habe „ein Zeichen“ setzen wollen und das sei gelungen.

Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände hatte im Vorfeld der Demonstration das Bündnis aufgefordert, von den Kommunen mehr Bauflächen zu fordern. Um die Mieten „zu dämpfen“, müsse es „mehr neue Bauflächen und mehr private Investitionen in Wohnraum“ geben, meinten die Wirtschaftsvertreter.

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