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Frankfurter Vision an der Holzmannschule.

Jugend im Beruf

Gebäudereiniger ist nicht das Schlechteste

Die „Frankfurter Vision“ verhilft Förderschülern zu einer Ausbildung. Nicht zum Lieblingsberuf, aber vielleicht zu etwas Realem mit Ausblick.

Von Anita Strecker

Sie waren anfangs schon mehr als skeptisch, wollten eigentlich gar nicht so richtig – von „Traumberuf“ war schon gar nicht die Rede, sagen beide. Aber dann hat doch die Pragmatik und die Überzeugungskraft ihrer Lehrer gesiegt: Sascha und Florian haben eine Lehre als Gebäudereiniger angefangen – vermutlich ihre einzige Chance auf eine reguläre Ausbildung als Förderschulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Aber nicht nur das: Mit ihren Lehrstellen haben die beiden 16-Jährigen die „Frankfurter Vision“ eröffnet, die am Montag vor illustrem Publikum mit Sektempfang, Musik und zig Reden in der Philipp-Holzmann-Schule gefeiert wurde.

Zwei Jahre haben Claudia Keck, Leiterin der Bürgermeister-Grimm-Förderschule, und ihre Kollegen gemeinsam mit Lehrern der Philipp-Holzmann-Berufsschule für dieses Ziel gearbeitet. Haben in zig Gesprächen nicht nur die DB Services Südwest ins Boot geholt, die Praktikumsplätze und pro Jahr drei Lehrstellen und einen Ausbildungsmeister für Förderschüler bereitstellen wollen. Immerhin ein erfahrener Partner, wie Michael Schmid, Geschäftsführer der DB Services, ausführt: In Berlin bietet die Bahn-Tochter bereits mit dem Projekt „Einsteigen“ Jugendlichen an, den Hauptschulabschluss nachzuholen und eine Lehre anzufangen.

Für die große „Frankfurter Vision“ legen sich aber noch weitaus mehr Partner ins Zeug: Die Agentur für Arbeit zahlt einen Ausbildungszuschuss an den Förderverein der Philipp-Holzmann-Schule, der wiederum als Anstellungsträger firmiert. Das Stadtschulamt stellt Sascha und Florian einen Sonderpädagogen mit der Stundenzahl einer halben Stelle zur Seite. Das Kultusministerium finanziert überdies sechs Stunden sonderpädagogischen Förderbedarf, die Handwerkskammer hat eigens den Ausbildungsablauf etwas verändert und mehr „Stützunterricht“ an den Anfang gepackt, wie Oliver Flaß, Ausbildungsberater der Handwerkskammer Rhein-Main sagt.

„Erstaunlich viele Partner“, bemerkt Bildungsdezernentin Jutta Ebeling, die es aber offensichtlich brauche, um das zu schaffen, was gemeinhin als schier unmöglich scheint: dass Förderschüler ohne Hauptschulabschluss auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen und nicht – wie sonst Realität – Schleifen drehen in der Schule, in Berufsvorbereitungskursen, Qualifizierungs-Kursen der Arbeitsagentur, um am Ende auf dem „sekundären Ausbildungsmarkt eine Ausbildung beim Internationen Bund oder beim Internationalen Familienzentrum“ zu machen.

Niemanden zurücklassen

Jutta Ebeling nennt die Frankfurter Vision eine kleine Vorwegnahme des großen Themas Inklusion, das durch die Übernahme der UN-Behindertenrechtskommission und dem Recht auf gleiche Bildungschancen für alle, das Schulsystem vor „große Herausforderungen“ stelle: „Meine Hochachtung, Sie haben Inklusion im Bildungs- und Ausbildungsbereich mit diesem Projekt im Ansatz umgesetzt, ich gratuliere den beiden Schülern ebenso wie den zahlreichen Kooperationsschülern.“

Und auch Gerhard Ebert, stellvertretender Amtsleiter des Staatlichen Schulamts, oder Klaus-Wilhelm Ring vom Kultusministerium wollten beim Loben nicht zurückstehen. Ebert mahnte zudem, bei den Schlagworten „Keine Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz“, „nicht ausbildungsreif“ oder „Fachkräftemangel“ nicht nur Haupt- und schlechte Realschüler im Blick für Förderprogramme zu haben. Auch die Schüler aus Lernhilfeschulen – pro Jahrgang immerhin 150 in der Stadt – müssten im Fokus stehen. Die Gesellschaft dürfe niemanden zurücklassen, mahnte Ring: „Nur die Gesellschaft, die es schafft, alle Menschen in die Berufs- und Arbeitswelt zu integrieren, wird den globalen Wettbewerb optimal gewinnen“.

Sascha und Florian indes wurde ob der vielen Reden und der geballten Aufmerksamkeit ganz mulmig zumute – auch angesichts der Bürde, die Pioniere der „Frankfurter Vision“ zu sein, die nun auf ihren Schultern lastet. Und das noch nicht mal mit dem Traumberuf. Ein Dilemma, das Gottfried Bertz, Leiter der Philipp-Holzmann-Schule, gut nachvollziehen kann. Gebäudereiniger stehe gemeinhin nicht hoch im Kurs, erfordere aber dennoch eine qualifizierte Ausbildung, in der Chemie, Inhaltsstoffe wie Tenside, Biozide, Löse- und Reinigungsmittel eine große Rolle spiele. Und: „Der Beruf ist zukunftssicher, Gebäudereiniger werden immer gebraucht.“

Dass die Arbeit gar nicht so schlecht ist, beteuern auch die angehenden Gebäudereiniger Manuela, Patrick, Christian und Omir, die im dritten Jahr lernen: „Der Job ist vielseitig, man lernt viele Leute kennen“, sagen sie. Und nicht zuletzt eröffneten sich viele Aufstiegs- und Weiterbildungschancen: zum Schädlingsbekämpfer etwa und mit dem Meisterbrief könne jeder auch seinen eigenen Betrieb aufbauen.

Sascha und Florians Klassenkameraden Kai und Marc sind von der Beachtung ihres Lehrberufs und der „Frankfurter Vision“ am Ende hellauf begeistert: „Ein tolles Projekt.“ Und auch sie wollen sich ins Zeug legen und die beiden unterstützen: Damit sie nicht unterwegs die Flinte ins Korn werfen.

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