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Michael Quast auf der Probebühne der „Fliegenden Volksbühne“ am Großen Hirschgraben in Frankfurt.

Direktor der „Fliegenden Volksbühne“

Michael Quast: „Dialekt ist ein Stück Heimat“

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Michael Quast, Direktor der „Fliegenden Volksbühne“, über das Volkstheater von heute und die Tradition von Liesel Christ.

Herr Quast, Sie sehen sich mit ihrer „Fliegenden Volksbühne“ in der Tradition von Liesel Christ.
Absolut. Liesel Christ ein Solitär in unserer Theaterlandschaft. Es gibt ja nur sehr wenige Volksschauspieler in Hessen und in Frankfurt. Und da ist sie schon eine ganz besondere Gestalt, die eine riesige Bedeutung hatte und auch noch hat. Das ist nicht zu vergleichen mit München, Hamburg oder Köln. Frankfurt hat doch eine literarische Tradition. Aber im Volkstheater gab es fast nur Liesel Christ. Da war noch Carl Luley in den 20er bis 50er Jahren, aber den kennt heute keiner mehr. 

Was Sie verbindet mit Liesel Christ, ist die hessische Mundart. Christ hat sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder an Klassiker gewagt, hat den Urfaust gemacht und die Mutter Courage gespielt. So ähnlich adaptieren Sie heute auch klassische Stoffe.
Ich fand diesen Ansatz, den die damals hatten in den 70er Jahren, „dem Volksstück einen zeitgemäßen Ausdruck zu verleihen“, sehr wichtig und sehr interessant. Dieses Zitat habe ich auch jetzt wieder verwendet, als wir den Cantatesaal für die „Fliegende Volksbühne“ eröffnet haben. Wichtig war beim Volkstheater auch der literarische Ansatz, der sich dann später leider immer mehr verloren hat. Liesel Christ hat ja als Schauspielerin auch vorher anderweitig gearbeitet und über den Tellerrand geschaut. 

Heute wird immer gerne übersehen, dass Christ ja eine ausgebildete Schauspielerin war, sie war schon 40 Jahre alt, als sie die Mama Hesselbach spielte.
Ja, sie war Schauspielerin an kleinen und mittleren Häusern und das ist schon beachtenswert. Davon hat sie ihr ganzes weiteres Leben profitiert.

Sie haben damals versucht, beim Volkstheater anzudocken. Das hat leider nicht geklappt. Wahrscheinlich auch, weil die handelnden Personen zu verschieden waren, oder? Sie mussten sich verständigen mit Gisela Dahlem-Christ, der Tochter von Liesel Christ, die ja nach deren Tod 1996 das Theater weiterführte.
Ich bin Liesel Christ selbst nie begegnet. Ich kam Mitte der 80er Jahre nach Frankfurt und war am Schauspiel engagiert. Da wurde am Schauspiel das umstrittene Stück von Rainer Werner Fassbinder angesetzt, „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Und Liesel Christ sollte im „Datterich“ mitspielen und da spielte ich auch mit, ich spielte den Drehergesellen Schmidt. Wegen der Fassbindeaffäre aber hat Liesel Christ ihre Mitwirkung am „Datterich“ abgesagt. Sie hatte gemeint, an so einem Hause trete sie nicht auf. Das war schade, denn so bin ich ihr nie begegnet. Aber Kollegen, die sie kannten, wie etwa der Mundartautor Wolfgang Deichsel, haben mir von ihr erzählt. Deichsel erzählte, dass Christ im Pelzmantel im Theater am Turm erschien, als die anfingen, Mundart zu spielen. Sie wollte sehen, was die jungen Leute da so treiben. Deichsel und Liesel Christ haben als Tourneeproduktion „Loch im Kopp“ zusammen gemacht. Da prallten Theaterwelten aufeinander. Deichsel erzählte mir, dass Christ nach drei Wochen Proben sagte: So, ich brauch‘ jetzt mein Publikum. 

Warum hat es mit Ihnen und dem Volkstheater nicht geklappt am Ende?
Wir hatten ganz unterschiedliche Einschätzungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation. Ich hatte mit Weggefährten und Freunden des Volkstheaters die Lage analysiert und ein Sanierungskonzept entworfen. Das hat aber das Team dort nicht akzeptiert. Sie konnten nicht akzeptieren, dass das Haus in einer wirtschaftlichen Schieflage ist und dass es Hilfe braucht. Die andere Sache war, dass wir auch inhaltlich gefremdelt haben.

Heute muss man Volkstheater anders machen als damals in den 70er und 80er Jahren, oder? Was genau muss man heute anders machen?
Sie müssen ihr Profil schärfen. Es geht um den Grund, warum auf der Bühne Mundart geredet wird. Da reicht es nicht, dass es so schön ist und dass aus Sentimentalität gebabbelt wird. Sondern es geht um inhaltliche Gründe. Das Frankfurter Volkstheater war ein Boulevardtheater geworden, wo auf der Bühne hessisch gebabbelt wurde, ohne dass es Gründe gab. Warum sollte man „Mein Freund Harvey“ auf Hessisch machen? Der Wolfgang Deichsel zeigt dagegen bei „Bleiwe Losse“ oder beim hessischen Molière einen ganz bewussten Umgang mit der Mundart, da ist keine Silbe zu viel. Das waren dann auch theatralische Mittel, die dem alten Team im Volkstheater zu weit gegangen sind, die denen zu drastisch waren. Wir haben keine falsch verstandene Rücksicht auf das Publikum genommen. Der Erfolg von „Barock am Main“ hat uns recht gegeben. Da haben wir eine stilisierte Komik, wo Leute schon gesagt haben: Das geht uns zu weit. Aber damit haben wir ein neues Publikum gewonnen, das ganz andere Sehgewohnheiten hat.

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Ist das Volkstheater heute schneller geworden?
Bestimmt, ja, auch. Es ist schneller, bunter, frecher. Einfach näher am Zeitgeist, am Puls der Zeit. Sie können auch ein altes Stück so präsentieren, dass uns das heute noch interessiert.

Was hat uns Mundart heute noch zu sagen?
Sie hat uns sehr viel zu sagen. Sie gewinnt sogar an Bedeutung. Weil die Leute immer mehr Heimat vermissen. Der Dialekt ist ein Stück Heimat. Das liegt in uns begraben irgendwo. Die Mundart bietet großen Ausdrucksreichtum. Wir merken das bei unserem Publikum.

Sie haben am 19. September Premiere im Cantatesaal, was werden wir sehen?
Wir wollen mit „Reineke Fuchs“ eröffnen von Goethe. Das liegt natürlich auch am Genius Loci, an der Nachbarschaft zum Goethehaus. Aber es ist auch ein volkstümlicher Stoff. Alle Figuren sind Tiere. Ein großer Spaß für die Schauspieler und für das Publikum.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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