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Der Hochhausbau in Frankfurt boomt (Archivbild).

Interview

„Ein Hochhaus ist der nachhaltigste und wirtschaftlichste Weg des Bauens“

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Der 80-jährige Architekt Helmut Jahn über den Bau bezahlbarer Wohnungen und über die Zukunft des Hochhauses.

Herr Jahn, mit welchen Gefühlen betreten Sie heute 30 Jahre nach dem Bau den von Ihnen entworfenen Messeturm?
Das Interessante ist: Der Messeturm ist heute bedeutender als damals nach seiner Fertigstellung. Die guten Gebäude werden besser mit dem Abstand der Zeit und die schlechten vergisst man. Der Messeturm war damals umstritten. Hochhäuser sind immer umstritten. Der Eiffelturm in Paris wurde gehasst wie die Pest. Das Empire State Building in New York zunächst auch.

Der Messeturm hat damals einen ganz neuen Maßstab des Bauens nach Deutschland gebracht. Er war das erste Hochhaus mit US-amerikanischen Dimensionen in Deutschland.
Es waren der damalige Messedirektor Horstmar Stauber und der damalige Oberbürgermeister Walter Wallmann, die den Mut besaßen, dieses Gebäude zu verwirklichen. Nach einem dreistufigen Wettbewerb haben sie die Geduld verloren und gesagt: Wir nehmen jetzt den Jahn. Stauber und Wallmann hatten die Weitsicht zu erkennen, dass dieser Turm ein Zeichen setzen würde für Frankfurt in der Welt. Danach kam es geradezu zu einer Explosion von Hochhäusern in Frankfurt, es entstand die heutige Skyline. Frankfurt wurde zu einer Weltstadt, die sich messen kann mit London und Paris. Alle Befürchtungen, dass der Verkehr zusammenbrechen würde, haben sich nicht bewahrheitet.

„München ist verschlafen“

Warum ist gerade Frankfurt zur Stadt der Hochhäuser geworden?
Welche Stadt in Deutschland hätte es denn sonst werden können? München ist verschlafen. Wir hatten 2011/2012 den Highlight Tower entworfen in einer Höhe von 125 Metern. Dann wurde festgestellt, dass er von der Ludwigstraße aus gesehen den Triumphbogen überragen würde und dann hat der damalige Oberbürgermeister Kronawitter ein Bürgerbegehren zugelassen. Da wurde festgehalten, dass in München kein Hochhaus höher werden darf als die Frauenkirche mit 99 Metern.

Glauben Sie, dass diese Grenze einmal fallen wird?
Gerade haben Herzog & de Meuron in einer städtebaulichen Studie für das Gelände der Paketposthalle in München zwei Türme vorgeschlagen, die 155 Meter hoch sind. Ich sehe da kein Problem. Die Diskussion über die Höhe von Hochhäusern gibt es auch in Berlin. Unser Büro arbeitet gerade an einem Entwurf für ein Gebäude nahe dem Europacenter, das 300 Meter hoch sein soll.

Lesen Sie auch: Umbau des Messeturms soll wirtschaftliche Perspektive sichern

Hier ganz in der Nähe der Messe gibt es noch den Bauplatz für den Millennium-Tower, den mal Donald Trump verwirklichen wollte und der 300 Meter hoch sein sollte. Würde es Sie reizen, dieses Hochhaus zu bauen?
Ich antworte mal mit der Situation in Berlin am Breitscheidplatz, wo das Europacenter steht, das mit knapp 100 Metern Höhe das höchste Gebäude in Berlin war. Das war im Jahr 1962. Doch heute reicht das nicht mehr aus. Die Städte müssen heute dichter werden. 2030 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Wir dürfen auf diesen Bedarf nicht nur mit Luxuswohnungen reagieren. Wir müssen Platz schaffen für gemischte Bebauungen, die allen Schichten der Bevölkerung die Möglichkeit gibt, in der Stadt zu leben.

Ein Bau aus Fertigteilen

Sie haben die notwendige Verdichtung angesprochen. Brauchen wir auch mehr Wohnhochhäuser?
Ein Hochhaus ist immer noch, wenn es richtig angefasst wird mit modernster digitaler Bautechnik, der nachhaltigste und wirtschaftlichste Weg des Bauens.

Mit 80 Jahren noch sehr aktiv: Stararchitekt Helmut Jahn beim Interview der FR.

Aber leider bieten ja die Wohnhochhäuser, die es derzeit gibt, nur sehr teure Wohnungen.
Das ist vollkommen richtig. Aber in Kreuzberg in Berlin bauen wir zum Beispiel ein Gebäude, das für Einwanderer bestimmt ist und Wohnungen von 20 bis 60 Quadratmeter Größe umfasst. Dieses Haus ist erschwinglich.

Wie gelingt es, dieses Haus erschwinglich zu machen? Das ist ja ein ganz wichtiger Hinweis für Frankfurt.
Es ist ein Bau aus Fertigteilen. Es besitzt eine einfache Fassade und einfache Nasszellen.

Von Türmen in Florida und Hochhäusern in Frankfurt

Es wäre an der Zeit, ein solches Wohngebäude in Frankfurt zu bauen. Wäre das keine Herausforderung für Sie?
Wir machen zwei Hochhäuser in Tampa/Florida mit Mikroapartments, die sind erschwinglich. Ein solches Hochhaus könnte man in Frankfurt bauen. Leider ist der Druck hier in Frankfurt immer noch nicht groß genug, das zu machen.

Obwohl der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Frankfurt groß ist.
Wir sind ja am Tower 90 am Güterplatz hier in Frankfurt beteiligt, das sogar Gärten in der Höhe bietet. Der heißt jetzt Eden. Die Türme in Florida sind viel einfacher, mit kleinen Balkonen.

Kommen wir zum Messeturm zurück. Wie wird der Messeturm jetzt umgebaut, wie wird er sich verändern?
Als wir den Bauantrag eingereicht haben, gab es ja Stimmen, die gesagt haben, der Messeturm wird unter Denkmalschutz gestellt, der darf nicht verändert werden.

Denkmalschutz bei Hochhäusern ist eine „zweischneidige Sache“

Wer hat das gesagt?
Die Fachleute vom Denkmalschutz. Ich habe mich mit ihnen getroffen. Man muss den Messeturm an die Anforderungen eines modernen Bürogebäudes anpassen, sonst wird er am Ende leerstehen. Die wichtigsten Veränderungen gibt es jetzt unten in der Lobby. Die Lobby war früher nur ein Durchgangsbereich. Jetzt wandelt sie sich zum Aufenthaltsbereich, in dem man auch arbeiten kann. Man kann dort zu allen Tageszeiten etwas essen und Kunden treffen. Dort entsteht auch ein Ausstellungs- und Veranstaltungsbereich.

Macht es Sie stolz als Architekt, dass man den Messeturm unter Denkmalschutz stellen wollte?
Das ist eine zweischneidige Sache. Auch das Thompson Centre in Chicago soll unter Schutz gestellt werden. Leider hat der Staat 30 Jahre lang kein Geld ausgegeben. Und die Läden sind in einem schlechten Zustand. Das ist hier im Messeturm zum Glück anders.

Darf ich Ihnen zum Abschluss noch eine persönliche Frage stellen?
Bitte.

Wie lange werden Sie weiter arbeiten als Architekt?
So lange ich kann. Ich bin im Januar 80 Jahre alt geworden. Ich segele noch und fahre Fahrrad. Mein Beruf ist mein größtes Hobby. Ich mache das, weil ich es gerne tue.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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