Prozess

Messer kam in den Rücken „geflogen“

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Opfer wird von Cousin niedergestochen, bereut aber vor Gericht seine Anzeige.

In Zeiten der Krise rückt die Familie dichter zusammen. Der 23-jährige Metin S. sitzt jedoch auf der Anklagebank des Landgerichts, weil es mitunter auch Zores mit der Mischpoke gibt.

Faik S., Metins Vater, sei, so erzählt es die Anklage, im April 2019 der irrigen Ansicht gewesen, sein Neffe Gökan S., der Sohn seines Bruders Düsgün S., schulde ihm aufgrund dieser und jener Umstände 40 000 Schweizer Franken und 30 000 Euro. Neffe Gökan sei anderer Ansicht gewesen. Aus „Rage“ über den „Ungehorsam“ habe Faik seinen Sohn Metin damit beauftragt, dessen Cousin Gökan anzurufen und ihm mitzuteilen, man werde bei Zahlungsschwierigkeiten entweder ihn oder seine Frau und die Kinder umbringen. Als Gökan stur geblieben sei, habe Metins Bruder Goran S., der der Sohn Faiks und damit der Neffe Düsgüns ist, Gökan, also seinen Cousin und damit auch den Cousin Metins, hinterrücks niedergestochen.

Im Zeugenstand revidiert Gökan S. überraschend seine Aussage. Das Messer im Rücken sei ihm damals zugeflogen. In „Stress und Panik“ habe er aus Versehen seine Sippschaft beschuldigt und damit seine lieben Cousins Metin (versuchte räuberische Erpressung und Verbrechensverabredung) und Goran (versuchter Mord, gesondert verhandelt) in U-Haft und Schande gebracht und seinen braven Onkel Faik in die Türkei getrieben. Das reue ihn nun bitterlich: „Wenn ich ein Missverständnis verursacht habe, dann bin ich bereit zu büßen.“

Er widerspricht der Verwertung der Abhöraufnahmen, die gemacht worden waren, nachdem Gökan seinen Onkel wegen Erpressung angezeigt hatte, und die protokollieren, was Cousins einander so erzählen, wenn Druck auf dem Kessel ist. Etwa dass man den beiden Söhnen des Gesprächspartners am ersten Schultag auflauern und sie niedermetzeln werde. Angst habe er heute nicht mehr, schwört Gökan, auch nicht vor den vielen Brüdern Metins und Gorans, die derzeit nicht inhaftiert sind. Und die alten Wunden seien längst spurlos verheilt. Gut, mit der Arbeit als Gebäudereiniger laufe es noch immer nicht so recht, und Sport werde er nie wieder treiben können. Aber sonst: spurlos verheilt. Mehr will er nicht verraten.

Metin S., der Angeklagte, ist mehrfach vorbestraft und stand zur Tatzeit unter Bewährung. Davor hatte er eine Jugendstrafe abgesessen, weil er als Heranwachsender seine damals ebenso ohnmächtige wie jungfräuliche Freundin vergewaltigt hatte. Aber auch das ist wohl verheilt: Das Kind wurde abgetrieben, und die Vergewaltigte versprach Metin, zu ihm zurückzukehren, sobald er aus der Haft entlassen und sie volljährig sei. Metin hat dem Landgericht Briefe aus der Zelle mitgebracht, die beweisen sollen, dass sie Wort gehalten hat. Sonst will er sich zur Sache nicht äußern.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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