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Marco Fabian jubelt nach dem Eintracht-Sieg.
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Marco Fabian jubelt nach dem Eintracht-Sieg.

Eintracht Frankfurt

Mental gesund bleiben mit der Eintracht

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Warme und kalte emotionale Wechselbäder stärken Herz und Kreislauf von Eintracht-Fans. Die nächste Therapiesitzung ist in Berlin.

Der Frankfurter hat in Sachen emotionaler Ausgeglichenheit landesweit eine Vorbildfunktion inne. Diese mentale Stärke ist nicht angeboren, sie ist antrainiert. Mithilfe einer physischen Therapieform, bei der warme und kalte emotionale Wechselbäder Herz und Kreislauf stärken. Die Therapie ist auch als Kneip-Kur bekannt, weil sie meistens in Kneipen praktiziert wird.

Am Dienstagabend haben sich etwa 600 Kurbedürftige in der Eintrachtvereinsgaststätte eingefunden. Auf mehreren Bildschirmen wird dort das Pokal-Halbfinale gegen Mönchengladbach gezeigt. Pflegepersonal versorgt die Probanden vor Therapiebeginn mit zumeist alkoholischen Getränken. Die Stimmung ist gut, viele der Anwesenden entdecken, dass sie unabhängig voneinander in Bälde einen Berlin-Besuch planen, erste Fahrgemeinschaften werden gebildet. Zu Beginn der Sitzung halten alle schwarz-weiße Schals in die Höhe und singen „Im Herzen von Europa“. Das ist zwar nicht Teil der Therapie, aber Kult. Dann geht’s los.

Erste Halbzeit: Warmbad. Die Eintracht spielt nicht nur ganz gut. Sie ist die eindeutig bessere Mannschaft. Und geht nach einer Viertelstunde in Führung. Ein Patient in vollem Fan-Wichs rät noch zur Zurückhaltung: „Isch trau dem Brade net, des is die Eintracht…“; „Abpfeife!“, mahnt sein nicht minder eindrucksvoll kostümierter Kumpel. Aber das will keiner hören. Die allgemeine Gemütslage: Wir hol’n den DFB-Pokal (im Mai) und werden Deutscher Meister (nächstes Jahr). Und fast alle sind der Meinung, man lebe in der besten aller vorstellbaren Welten. Aber in der besten aller vorstellbaren Welten werden Abseitstore nicht gegeben. In dieser schon.

Zweite Halbzeit: Kaltbad. Ein paar Kinder wollen dem Verein nicht mehr die nötige audiovisuelle Unterstützung gewähren und fangen an, auf der Aschenbahn selbst ein bisschen zu kicken. Einerseits fällt das eher unter die Kategorie Wechselbälger als Wechselbäder, aber Sturm und Drang sind nun einmal die Privilegien der Jugend, und beides lässt die Eintracht in der zweiten Halbzeit ein wenig vermissen.

Immerhin gibt die spielerische Flaute den Patienten Gelegenheit, ordentlich Dampf abzulassen. Nach den Kommentaren der Zuschauer ist die zweite Halbzeit eine einzige Aneinanderreihung von Missverständnissen, Fehlpässen und Wadenkrämpfen. „Jetzt spiele mer endlisch widder so wie mer immer spiele“, „Der Hector is doch die größte Kapp uffm ganze Platz“ – soweit die Allgemeinplätze. „So ein Tor kurz vor der Halbzeit ist immer tödlich“, gibt sich einer analytisch, „und dann auch noch klares Abseits!“ Ein anderer fasst der Menschheit ganzen Jammer in einem einzigen Ausruf zusammen: „Scheiß-Ball!“ Die ersten Berlin-Fahrgemeinschaften werden mangels Hoffnungsschimmers wieder aufgelöst. Die Welt jedenfalls ist ein elendes Loch und des Lebens nicht wert.

Dritte Halbzeit: Wechselbad. Achtung, jetzt wird’s kompliziert. Während die Novizen beim Elfmeterschießen wie gebannt auf die Bildschirme starren, verhält sich der Profikurer wie folgt:

Für die Eintracht geht Spieler X an den Elfmeterpunkt. Der Profi dreht daraufhin der Glotze den Rücken, rauft sich die Haare, nutzt seinen Fanschal zur angedeuteten Selbststrangulation und hadert wie Hiob. Spieler X, so moniert er in den bangen Sekunden zwischen Anlauf und Tritt, habe noch nie einen Elfer versenkt, der wisse gar nicht, wo das Tor sei, der Kovac sei entweder betrunken oder geistesschwach oder beides, und dieser Elfmeter gehe mit so tödlicher Gewissheit daneben wie Gott ein Offenbacher sei. Er wolle das nicht sehen. Er wolle gar nichts mehr sehen.

Dann schießt Spieler X und trifft. Der Torjubel der weniger erfahrenen Konkneipanten löst nun beim Profi einen Pawlowschen Reflex aus: Er dreht sich herum, starrt mit weit aufgerissenen Augen auf den Bildschirm und brüllt mit einer Inbrunst, wie man sie sonst nur von Mel Gibson am Ende von „Braveheart“ kennt: „Jaaaaaaa!“ Es folgt eine emotionale Hymne auf den Torjäger X und die Weisheit des Trainers. Echte Veteranen bekommen das bis zu acht Mal hin, danach wird es aus medizinischer Sicht aber bedenklich, weil Herzkaspergefahr!

Soweit kommt es am Dienstagabend glücklicherweise nicht. Am Ende liegen sich die meisten Patienten weinend, aber glücklich in den Armen. Eben noch aufgelöste Berlin-Fahrgemeinschaften wiedervereinigen sich.

Und spät in der Nacht, nach einem Wechselbad der Gefühle, verlassen 600 mental kerngesunde Frankfurter die Vereinsgaststätte. Das Gluckern des Erlengrunds klingt für sie wie das Rauschen der Spree. Und für die kommenden Wochen haben sie wieder die emotionale Ausgeglichenheit gespeichert, für die der Frankfurter bekannt ist. Denn der Frankfurter weiß es, und er singt es laut heraus: Ob er auch wandert im finsteren Erlenbruch, so fürchtet er doch kein Unglück, denn immerhin holt er am Ende den DFB-Pokal. Und wird Deutscher Meister. Meister!!!

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