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Menschen, im Frankfurter Zoo ausgestellt wie Tiere

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Von: Thomas Stillbauer

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Plakat von 1895. Bei einer zweiten Schau in jenem Jahr sollen nur noch drei Menschen dabei gewesen sein.
Plakat von 1895. Bei einer zweiten Schau in jenem Jahr sollen nur noch drei Menschen dabei gewesen sein. © Zoo Frankfurt

Eine Kunstaktion namens „Wilde werden“ führt zurück zu „Völkerschauen“ der Kolonialzeit. Die wissenschaftliche Aufarbeitung soll folgen.

Eines der dunkelsten Kapitel in Zoologischen Gärten war die sogenannte Völkerschau: mit Menschen aus fernen Ländern, deren vermeintlicher Alltag dem Publikum vorgeführt wurde – neben den Tieren. Auch der Frankfurter Zoo beteiligte sich zwischen 1878 und 1931 an solchen Veranstaltungen. Darauf blicken drei „Audiowalks“ an den kommenden Wochenenden zurück.

Katja Kämmerer und Jan Deck vom Frankfurter Performancelabel Profikollektion haben diese Audiowalks, also Spaziergänge mit Ton, recherchiert und zusammengestellt. Als Sprecherinnen sind Cornelia Niemann und Judith Altmeyer zu hören, mit O-Tönen die Ozeanistin Eva Raabe vom Weltkulturen-Museum, Sebastian Garbe von der Initiative Frankfurt Postkolonial und der Historiker Johannes Häfner. Das Frankfurter Kulturamt fördert das Projekt mit 20 000 Euro.

„Zum über 160-jährigen Bestehen des Frankfurter Zoos gehören auch die zutiefst verstörenden Völkerschauen“, sagt die für den Zoo zuständige Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig (SPD). Diese Ausstellungen hätten Menschen als exotische Objekte erniedrigend zur Schau gestellt – „eine durch die offensichtliche Parallele zu den präsentierten Tieren besonders menschenverachtende Praxis“.

Dass in der Kolonialzeit seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in Europa und den USA Menschen in Zoos ausgestellt wurden, auch in Frankfurt, ist laut Hartwig ein eher unbekanntes Kapitel. Dass sich das Performancelabel erstmalig des Themas künstlerisch annehme, „ersetzt aber nicht die wissenschaftliche Aufarbeitung, der wir uns stellen müssen, und die zwingend erforderlich ist“, betont die Stadträtin. „Das sind wir nicht nur den Familien und ihren Angehörigen schuldig.“ Eine Auseinandersetzung sei auch deshalb wichtig, weil rassistische Stereotype und Vorurteile, die zur Zeit der „Völkerschauen“ gebildet wurden, bis heute fortwirkten.

Unternehmer wie der Tierhändler Carl Hagenbeck schlossen zwar Arbeitsverträge mit den Menschen ab, die sie in ihren Tierfanggebieten anwarben, und zahlten auch Löhne. Allerdings seien die meisten dieser Menschen kaum in der Lage gewesen, die Verträge zu lesen. „Belegt ist, dass die Tourneen für manche in der Katastrophe endeten“, berichtet der Zoo. Zu den Demütigungen und der langen Abwesenheit von daheim kamen Infektionskrankheiten. 1881 sei eine achtköpfige Familie nach ihrem Aufenthalt in Frankfurt an Pocken erkrankt und gestorben.

Profikollektion, seit 2008 in Frankfurt aktiv, erforscht hier seit 2016 künstlerisch historische Orte: „Wir haben zum Thema ‚Völkerschau‘ recherchiert und uns auf diejenigen konzentriert, die in Frankfurt zu sehen waren“, berichten die Performancer. Vier Schauen behandelten sie ausführlicher: jene mit damals sogenannten Eskimos aus Labrador 1880, die Dahomey-Schau von 1891, die Samoa-Schauen zwischen 1896 und 1910 und die Zurschaustellung sogenannter Südsee-Insulaner 1931. „Von Anfang an war uns wichtig, keine Bilder von ausgestellten Personen zu zeigen, um den kolonialen Blick auf die ausgestellten Menschen nicht zu reproduzieren.“

Der Audiowalk führt das Publikum einzeln durch verschiedene Stationen im Zoo und bringt eine Collage aus eingesprochenem Text, Sound und den Stimmen der Fachleute zu Gehör. Zoodirektorin Christina Geiger begrüßt die Initiative von Profikollektion: Der Zoo und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt sähen sich in der Verantwortung, die Geschichte der „Völkerschauen“ aufzuarbeiten und einen Beitrag zur Antirassismusdebatte zu leisten. Auch Geiger kündigt über die künstlerische Aktion hinaus eine wissenschaftliche Bearbeitung des Themas durch unabhängige Expertinnen und Experten an.

Die Audiowalks unter dem Titel „Wilde werden“ gibt es am Samstag, 2., Sonntag, 3., und Samstag, 9. Juli, jeweils zwischen 12 und 17 Uhr im Zoo. Kostenlose Buchungen online: profikollektion.de Spenden sind willkommen.

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