Ganz der Vater: Otto, knapp 70, und eine seiner wohl unvermeidlichsten Schöpfungen.
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Ganz der Vater: Otto, knapp 70, und eine seiner wohl unvermeidlichsten Schöpfungen.

Caricatura

Mein Otto

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Die Caricatura zeigt eine andere Seite des Blödelbarden: seine Bilder. Aber auch die sind ganz Otto. Eine persönliche Hommage.

Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Otto, und Otto war bei Stimme. Und die Stimme sprach: „Scheiße!“ Und ich hörte, dass es gut war.

Es war Mitte der Siebziger, und dass ich als hauptberuflich Pubertierender immer gerne mit dabei war, wenn meine Eltern ihre linken Freunde besuchten, hatte seinen Grund. Die linken Freunde waren in der SPD (das gab’s damals oft), hörten eine Band, die sie fälschlicherweise „die Abbas“ nannten (damals zu wenig Krach) und lasen Günter Grass (damals schon langweilig).

Aber sie hatten Otto im Plattenschrank. Und während meine Eltern und ihre linken Freunde zu den Klängen von „Waterloo“ (schwedischsprachige Version) gemeinsam auf die SPD schimpften, legte ich am anderen Ende der geräumigen Altbauwohnung (Salonsozialisten) die LP „Otto, die Zweite“ auf den Plattenteller und die Kopfhörer an die Ohren. Und lauschte voller Ehrfurcht der Geschichte „Die Stimme seines Herrn“.

In der reitet ein Archäologe am Ostseestrand dahin, als ihm plötzlich eine machtvolle Stimme „Absteigen!“ und „Graben!“ befiehlt. Er findet eine Kiste voller Gold. „Nach Travemünde!“, befiehlt die Stimme, „ins Spielcasino!“ Dort am Roulettetisch angekommen spricht die Stimme „14!“ Der Archäologe setzt das gesamte Gold auf die 14. Die 12 gewinnt. Die Stimme sagt „Scheiße!“

Die Geschichte lehrte mich mehr über Gott und die Welt als Schule und Konfirmandenunterricht zusammen. Auch wenn ziemlich schnell klar wurde, dass die machtvolle Stimme vom Ostseestrand keinesfalls Gott, sondern vielmehr Susi Sorglos‘ Föhn gehörte. Otto aber war, was Humor betrifft, fortan der Held meiner Kindheit. Und ich begann zu ahnen, dass meine Eltern mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hatten über den Hochhumor und dass es neben Loriot und Heinz Erhardt noch etwas anderes gab und geben musste. Ein unentdecktes Land. Wo man vor Lachen brüllen muss.

Als Jüngling erst lernte ich, dass dieses Land bereits entdeckt war und England hieß. Und ebenfalls als Jüngling wechselte mein humoristisches Idol, und Robert Gernhardt stieß Otto Waalkes vom Thron. Doch erst zum Manne gereift erkannte ich, dass ich damit eigentlich nur den Interpreten, nicht aber das Lied gewechselt hatte.

Ich fand nicht alles, was Otto später machte, rasend komisch. Aber Genies dürfen ja auch mal schwächeln (David Bowie).

Otto – die Ausstellung
Otto kann alles. Blödeln, jodeln, musizieren. Auch schreiben: Mitte Mai erscheint im Heyne-Verlag seine Autobiographie „Kleinhirn an alle“. Und er malt. Schon seit Ewigkeiten. Anfang der 70er hatte Otto, der am 22. Juli dieses Jahres 70 wird, ein Studium der Kunstpädagogik an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste begonnen. Auch wenn’s beruflich anders kam, hat ihn das Zeichnen nie losgelassen – da geht es Waalkes so ähnlich wie seinem alten WG-Mitbewohner Udo Lindenberg, der auch in der aktuellen Ausstellung mehrfach porträtiert wird. Lindenberg malt mit Eierlikör, Otto tüncht seine Leinwände nach eigenen Angaben vor der Bemalung mit Ostfriesentee.

„Ich bin ein Fan von allen Malern“, gibt sich Otto zur Eröffnungskonferenz nach allen Seiten offen, vor allem von Rembrandt, wenn auch nur teilweise: „Der ist ja in Armut gestorben, das finde ich nicht so gut.“ Diese Gefahr besteht bei ihm nicht. Direkt an der Eingangstür der Caricatura steht ein Tisch mit Otto-Devotionalien, vom Plüsch-Ottifanten bis zur Baseball-Cap mit Hermes-Flügeln.

Die Bilder der Auszeichnung sind bunt, in aller Ottohaftigkeit bedient sich Waalkes in der Popkultur (Darth Waalkes, Ottifanten pusten Marilyns Rock in die Luft) und der hohen Kunst (Picasso, Lichtenstein, die üblichen Verdächtigen). Eine der schönsten Verfremdungen ist die von Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“: Statt einer schlafenden Schönen liegt hier Otto auf der Chaiselongue, statt der zwei Nachtgespenster hocken auf seiner Brust ein Ottifant und Sid, das Faultier aus dem Zeichentrickfilm „Ice Age“, das von Otto synchronisiert wird. Wenn einer Frieden mit seinen ganz persönlichen Dämonen gemacht hat, dann Otto Waalkes.

„Dass du zeichnen kannst, das muss man zugeben“, gesteht ihm sein alter Weggefährte Bernd Eilert bei der Pressekonferenz auf dem Podium zu. Unter den Zuschauern ist auch Pit Knorr. Eilert, Knorr und Gernhardt waren es denn auch, die viele von Ottos legendären Sketchen verfasst hatten – nachdem Otto zuvor ein paar ihrer Gedichte geklaut hatte. Aus dem Diebstahl erwuchs eine gedeihliche Zusammenarbeit: Einen besseren Propheten als Otto Waalkes hätte die Neue Frankfurter Schule nicht finden können. Als sich Otto auf dem Podium an Gernhardt erinnert, wird er kurz ernst: „Ich bin immer noch traurig, weil ich ihn so vermisse.“

Otto – der Mensch
Im Sommer 2006 sah ich Otto Waalkes das erste mal live. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof hatte sich zu Robert Gernhardts Beerdigung eine illustre Trauergemeinde eingefunden. Otto Waalkes stand an Gernhardts Grab, schwarzer Anzug, schwarze Baseball-Cap. Er machte keine fahrigen Bewegungen, strich sich nicht durchs schüttere Haupthaar. Er stand starr am Grab und heulte Rotz und Wasser, weil er nicht anders konnte. Das war wahrscheinlich das Traurigste, was ich je gesehen habe. Aber nie hatte ich Otto so lieb wie in diesem Moment.

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