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Ein Leben für die Literatur: Klaus Schöffling. 

Klaus Schöffling

Klaus Schöffling - ein Leben für die Literatur

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Der Verleger Klaus Schöffling publiziert seit 25 Jahren sehr erfolgreich Literatur. Nun feiert er  seinen 65. Geburtstag.

Aus dem Zimmer des Verlegers fällt der Blick auf obdachlose und drogenkranke Menschen, die in Gruppen im Kaisersack vor dem Hauptbahnhof zusammenstehen. Aber auch auf Banker, die im Anzug zu einer kurzen Mittagspause hasten. Harte soziale Gegensätze, wie sie für Frankfurt charakteristisch sind. Klaus Schöffling ist der Stadt in Jahrzehnten dennoch treu geblieben. „Es ist die ideale Größe, hier habe ich alles, was ich brauche, die Buchmesse und den Börsenverein“, brummt er. Und Berlin, die Hauptstadt der Autorinnen und Autoren? Die Antwort kommt prompt: „Viel zu groß, viel zu viel los – und in jedem Café, in das ich reingehe, sitzt schon Judith Hermann drin!“

Das ist eine typische Schöffling-Sequenz. Trocken, ironisch, ohne Schnörkel. Am heutigen Dienstag feiert der gebürtige Frankfurter seinen 65. Geburtstag. Vor einem Vierteljahrhundert erschienen die ersten Bücher seines neu gegründeten Verlages. Anlass genug, eine (Zwischen-)Bilanz zu ziehen. Auch wenn es der gelernte Verlagsbuchhändler gar nicht mag, lange zu reden – und erst recht nicht über sich. Er hat sein Haus in die erste Reihe der literarischen Verlage Deutschlands geführt. Große Erfolge gefeiert. Zwei Preise bei der Leipziger Frühjahrsbuchmesse 2016, in der Belletristik für das 1000-seitige Opus magnum „Frohburg“ von Guntram Vesper. Für die beste Übersetzung: Brigitte Döbert übertrug „Die Tutoren“ von Bora Cosic aus dem Serbischen ins Deutsche.

Schöffling war Verleger des Jahres in Deutschland, gewann den mit 50 000 Euro dotierten Binding-Kulturpreis, seine Autorin Silke Scheuermann errang den Hölty-Preis, die wichtigste Auszeichnung für Lyrik im deutschsprachigen Roman. Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Liste der Preise.

Wenn von Schöffling die Rede ist, dann muss von Ida Schöffling gesprochen werden, der Verlegerin an seiner Seite. „Nächstes Jahr sind wir 40 Jahre zusammen.“ Die beiden bilden ein symbiotisches Paar, ergänzen sich formidabel. Sie lernten sich kennen, als sie bei S. Fischer in Frankfurt arbeitete und er Lektor bei Suhrkamp war, dem damals wichtigsten Verlag in Deutschland.

Vom Suhrkamp-Patriarchen Siegfried Unseld habe er alles gelernt, sagt Schöffling. Wie man Autoren betreut und Stoffe entwickelt, Bücher groß macht. Anfang der 80er Jahre allerdings fragte sich der junge Mann: „Willst Du das für alle Zeiten machen?“ Und die Antwort war klar. Zu sehr drängte es ihn, Bücher in eigener Verantwortung zu verlegen. Werke, die er auf dem Markt vermisste. Die Erzählungen von Klaus Mann. Die Gedichte von Sylvia Plath.

1987 gründete der Lektor die Frankfurter Verlagsanstalt, brachte tatsächlich Sylvia Plath heraus, aber auch die Frankfurterin Eva Demski und den famosen literarischen Einzelgänger Ror Wolf. Doch diese erste Selbstständigkeit währte nur fünf Jahre, dann wurde der Verleger von einem Finanzier aus dem Unternehmen gedrängt. Doch seine Autorinnen und Autoren hielten ihm die Treue – und so wagte er 1994 mit Schöffling & Co einen neuen Anfang. Co: Das war Eva Demski, die bis 2004 Gesellschafterin blieb.

Es begann ein unaufhaltsamer Aufstieg. Wer nach den Gründen des Erfolges sucht, der stößt zuerst auf Bescheidenheit. 30 Bücher erscheinen jedes Jahr, mehr nicht. „Mein Lieblingswort ist überschaubar“, sagt der Verleger trocken. Und fügt hinzu: „Man muss nicht jedes Buch machen – aber alle, die man macht, sollten sehr gut sein.“

Als warnendes Gegenbeispiel sieht Schöffling den Verlagsriesen S. Fischer in Frankfurt. „Die haben sich verloren bei dem Versuch, auf allen Klavieren zu spielen – sie haben es übertrieben.“ Nein, der Schöffling-Verlag, das sind mit dem Verleger-Paar gerade einmal zehn engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Geschäftsführerin ist Silke Tabbert. Anfang 2018 hatte Schöffling schon Tabbert und den Berliner Patrick Hutsch als designierte Nachfolger vorgestellt. Doch im März 2019 ging Hutsch nach Berlin zurück. Es ist ein Kapitel, über das der Verleger nicht gerne spricht. „Es hat nicht gepasst“, sagt er knapp.

Es ist halt so, dass Schöffling die wirklich wichtigen Dinge gerne selbst macht. Die liebevolle Pflege der Autoren zum Beispiel: „Sie müssen sich wirklich kümmern.“ Und hinfahren. Wie zu Guntram Vesper zum Beispiel, der – vom Buchmarkt vergessen – zurückgezogen in Göttingen lebte. Und über einem 1000 seitigen Manuskript brütete: „Frohburg“, einem autobiografischen Gang durch Nazi-Zeit und deutsche Nachkriegsgeschichte. Schöffling ermutigte ihn, das Werk abzuschließen – der Rest ist bekannt.

Der Einsatz des Verlegers gilt vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, deren Arbeit durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft rüde abgebrochen und oft genug für immer abgewürgt wurde. „Sie sind von uns vertrieben worden“, sagt der Verleger: „Was ich tue, ist eine spezielle Form der Wiedergutmachung.“

Mit großer Akribie und Liebe spürt Schöffling diesen Vergessenen und Verdrängten nach. Der Frankfurter Kommunist Valentin Senger und sein Roman „Kaiserhofstraße 12“ war vor mehr als zehn Jahren ein gutes Beispiel. In der Badewanne entwickelte der Verleger die Idee des Literaturfestivals „Frankfurt liest ein Buch“ und stellte die „Kaiserhofstraße 12“ in den Mittelpunkt. Auch das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte: In diesem Jahr feiert das Lesefest seinen zehnten Geburtstag. Gabriele Tergit, Paul Kornfeld, Bernhard von Brentano, Martin Kessel, Dieter Meichsner: Sie alle und viele mehr hat Schöffling wieder ins Bewusstsein gerückt. Im Herbst 2019 erscheinen die Jugenderinnerungen des Frankfurters Horst Krüger (1919-1999), „Das zerbrochene Haus“.

Von seiner Stadt fordert der Verleger zum Geburtstag nur eines: „Dass sie sich endlich zur Lyrik bekennt und den höchstdotierten deutschen Lyrikpreis stiftet.“ Denn Lyrik, urteilt der Kenner, sei nun mal „die Basis von allem“.

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