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Mehr wir, weniger ich

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Der Kandidat zähmt das Kapital... mit strengem Blick.
Der Kandidat zähmt das Kapital... mit strengem Blick. © Christoph Boeckheler

Viele kommen zu Peer Steinbrück – und Peer Steinbrück kommt ins noble Gesellschaftshaus des Frankfurter Palmengartens. Dort will er nämlich den Kapitalismus zähmen. Zumindest hieß die Veranstaltung am Montagabend dort so. Was daraus wurde?

Sie strömen schon eine Stunde vor Beginn. Vor allem ältere Menschen kommen, Frauen in der Minderzahl. Sie wollen sehen, „was der noch draufhat“, wie es einer beim Kaffee vorher an der Bar sagt. Der, der in den Umfragen so schlecht dasteht. Den viele schon abgeschrieben haben als hoffnungslosen Fall, einige auch in der SPD. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Am Ende sind mehr als 300 gekommen, die teils ein wenig scheu den prachtvollen Saal des Palmengarten-Gesellschaftshauses betreten. Mit seinen hoheitlichen Kassettendecken, den Stuck-Ornamenten, dem ganzen Prunk des 19. Jahrhunderts. Ausgerechnet hierher hat die Bundes-SPD geladen zur Veranstaltung unter dem Titel „Die Zähmung des Kapitalismus“.

Es hat einigen Ärger gegeben in der Partei vorher, wie in Gesprächen im Saal zu hören ist. Die Frankfurter Partei habe von dem Termin erst erfahren, als er schon feststand – so musste die geplante Sitzung des Parteibeirates verschoben werden. Kopfschütteln hat bei einigen auch die Wahl des Ortes ausgelöst. „Lesen die in Berlin keine Zeitungen?“ Wochenlang stand das Palmengarten-Gesellschaftshaus in der Kritik: Wegen der hohen Mieten, wegen der hohen Preise im luxuriösen Restaurant. Oberbürgermeister Peter Feldmann meint, dass „der Ort richtig gewählt“ sei – meint aber Frankfurt. „Der Kapitalismus spielt in keiner Stadt in Deutschland eine so große Rolle wie in Frankfurt.“

"Es geht nicht gerecht zu"

Der OB sieht seine Partei im Aufwind, läuft mit dem Mikrofon in der Hand über das Podium, meistert die Begrüßung locker: „Diese SPD wird in diesem Land gebraucht – denn es geht nicht gerecht zu!“ Großer Applaus. Es ist ein Abend der trotzigen Selbstvergewisserung. Er gehört zu den Terminen im Rahmen des bundesweiten Programms zum 150-jährigen Bestehen der Partei.

Dass die Frankfurter SPD ein linker Unterbezirk ist, bekommt Peer Steinbrück zu spüren. Einer klatscht doch tatsächlich, als der Spitzenkandidat erwähnt, dass die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher an diesem Tag gestorben ist. „Das finde ich pietätlos“, sagt Steinbrück irritiert. Ein anderer Zwischenrufer fordert eine Gedenkminute für den kürzlich gestorbenen Ottmar Schreiner, eine Galionsfigur der SPD-Linken. „Das wird der Veranstalter sicher gerne machen“, sagt der Kandidat – mehr Distanzierung geht nicht.

Nein, Steinbrück will viel lieber über sein Kernthema reden, das ihn retten soll in den Monaten bis zur Bundestagswahl am 22. September: Er fordert eine „Renaissance der sozialen Marktwirtschaft“ in Deutschland. Besetzt also einen Begriff aus der Hochzeit der CDU-Vorherrschaft in Deutschland in den 50er und 60er Jahren.

Frei und gut

Am Anfang sind einige noch skeptisch, als er ankündigt, sein Redemanuskript „in die Ecke zu schmeißen“. Einer ruft: „Besser nicht!“ Aber dann kommt Steinbrück immer besser in Schwung, reißt die Leute mit. Er setzt die „demokratiekonforme Marktwirtschaft“ gegen die „marktkonforme Demokratie“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das ist einfach, das kann man sich gut merken. Und Steinbrück tigert mit dem Mikro über die Bühne, hält sich zwischendurch mal am Tisch fest, spricht frei. Das kann er gut.

Er hämmert den Leuten ein, dass „Steuerhinterziehung kriminell“ sei, dass es eine Schuldenbremse brauche, mehr Geld für die Bildung, mehr erwerbstätige Frauen, eine bessere Infrastruktur im Land – zum Teil sei sie marode.

„Die Menschen wollen mehr wir, weniger ich“, heißt sein Schlussappell. Noch ein knappes halbes Jahr bis zur Wahl.

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