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Fast 100 000 Euro kostete der Wachcontainer der Jüdischen Gemeinde, damit sie rund um die Uhr geschützt werden.

Jüdische Gemeinde

Mehr Schutz für jüdisches Leben in Frankfurt

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Jüdische Gemeinde investierte zwei Millionen Euro für ihre Sicherheit. Neueste Maßnahme ist ein sogenannter Wachcontainer für die Polizei. Die Kosten liegen bei fast 100 000 Euro.

Das massive Eingangstor der Jüdischen Gemeinde öffnet sich. Eine Gruppe von Kindern verlässt in Zweierreihen mit ihren Erzieher:innen das Gelände. Am Gebäude der Gemeinde hängen Überwachungskameras, die zum Teil auf das Eingangstor gerichtet sind. Neben dem Tor steht ein Dutzend Journalist:innen und ein Polizist, in den Händen hält er eine Maschinenpistole. Doch die Kinder bleiben von alldem völlig unbeeindruckt.

„Diese Zustände sind für sie normal. Die Kinder lernen damit klarzukommen und die Eltern sind sehr froh über die Schutzmaßnahmen“, sagt Harry Schnabel, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde. Die Presse ist an diesem Dienstagvormittag wegen eines Teils der Schutzmaßnahmen der Gemeinde ins Westend gekommen.

Denn Harry Schnabel und sein Vorstandskollege Leo Latasch überreichen an diesem Vormittag symbolisch einen Wachcontainer an Polizeipräsident Gerhard Bereswill.

Jüdische Gemeinde

Dreh- und Angelpunkt der Jüdischen Gemeine ist das Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum in der Savigynstraße 66 im Frankfurter Westend. Es wurde 1986 errichtet. Der Bau geht zurück auf die Initiative des langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Ignatz Bubis. Das Gemeindezentrum beherbergt neben der Verwaltung einen Kindergarten, eine Krippe, die Eingangsstufe der I. E. Lichtigfeld-Schule, den Hort, das Jugendzentrum, den Seniorenclub, den Gemeinderatssaal und das Restaurant Sohar’s. (stn)

In dem Container, der nicht so aussieht wie die Module auf Baustellen, stehen ein Tisch und ein Bildschirm mit Blick auf das Gelände, außerdem seien eine Klimaanlage und eine Heizung darin vorhanden, sagt Latasch. „Damit sie wenigstens menschenwürdig darin sitzen können.“ Die Gemeinde stellt den Container den Polizist:innen zur Verfügung, die die Gemeinde bewachen.

Polizeipräsident Bereswill ergänzt, dass die Polizeikräfte vorher in einem VW-Bus saßen und bei bestimmten Witterungsverhältnissen die Sicht auf das Gelände eingeschränkt war. Der Container sei vorbildlich, sagt Bereswill. „Die Beamten sind rund um die Uhr für den Schutz im Einsatz. Die Sicherheit wird nun deutlich erhöht, weil sie eben unter anderem eine bessere Sicht auf das Gelände haben.“

Vor zwei Jahren noch waren die Eingänge zum Gelände offen. Doch dann einigte sich die Jüdische Gemeinde auf Empfehlungen des Landeskriminalamts (LKA) auf ein neues Sicherheitskonzept. „Wir haben die Sicherheitsmaßnahmen gleich zu Beginn der Umbaumaßnahmen erhöht“, sagt Schnabel. Denn die Empfehlungen des LKAs „beruhten lediglich auf der jetzigen Gefährdungslage. Doch wenn es zu einem Angriff kommt, wie letztes Jahr in Halle, dann können wir ein Gebäude nicht innerhalb von ein bis zwei Monaten an die Sicherheitslage anpassen“, erläutert er.

Für die Gemeinde sei es zudem ein großes Anliegen gewesen, den Wachcontainer aus eigener Tasche zu finanzieren. Einerseits wegen der, wie Latasch sagt „exzellenten Zusammenarbeit“ mit der Polizei, andererseits auch aus eigenem Sicherheitsempfinden. Neunzig- bis Hunderttausend Euro habe der Bau gekostet. Die Umbaumaßnahmen für das gesamte Gelände belaufen sich auf zwei Millionen Euro. Dazu zählen das elektronisch verschließbare Eingangstor, mehrere Überwachungskameras, Sicherheitsschleusen und eigenes Sicherheitspersonal im Gelände. Die Polizei ist rechtlich gesehen nur für den Objektschutz zuständig, in das Gebäude dürfe sie nicht hinein, so Latasch. Hinzu kommen dicke schuss- und sprengsichere Fenster mit schweren Türrahmen. „Das kostet eben Geld. Es ist schon traurig, dass das heutzutage noch sein muss“, sagt Schnabel. Vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt gab es für die Errichtung der Sicherheitsmaßnahmen keinen Cent. „Wir stehen mit der Landesregierung und Innenminister Peter Beuth seit einem Jahr wegen der Sicherheitslage in Gesprächen“, sagt Schnabel. Doch von der Landesregierung habe es bisher wenig Entgegenkommen gegeben.

Die Jüdische Gemeinde finanziert die Sicherheitsvorkehrungen aus Einnahmen der Kultussteuer, die in etwa gleichzusetzen ist mit der Kirchensteuer. Außerdem aus Einnahmen aus dem Stadtvertrag mit der Stadt Frankfurt und dem Staatsvertrag des Landes Hessen und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinde.

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