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Menschenmassen auf dem Opernplatz.

Stadtentwicklung

Frankfurt: Mehr Menschen machen die Stadt nicht lebenswerter

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Frankfurt muss aufpassen, städtebaulich nicht nur an Wachstum zu denken.

Die Entwicklung Frankfurts erinnert ein bisschen an eine Geschirrspülwerbung aus den 90er Jahren, als Villariba immer schon ein bisschen weiter war als Villabajo. Frankfurt läuft Gefahr, städteplanerisch ein bisschen zum Villabajo zu werden. Während in Frankfurt noch „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen“ geschrien wird, schreien sie in anderen Großstädten schon „Bäume, Bäume, Bäume“. Der Serientitel „Frankfurt wächst“ verschweigt, dass Frankfurt nur an Menschen zulegt, nicht aber an Fläche. Die Stadt wird also immer dichter. Im FR-Stadtgespräch zur Wohnungskrise sagte der Bauunternehmer Wolfgang Ries Mitte September vollmundig: „Frankfurt ist noch nicht dicht genug.“ Soweit die Meinung eines Unternehmers, der mit dem Bau von Wohnungen Geld verdient.

Bei der derzeitigen Bevölkerungsentwicklung Frankfurts geht das Planungsdezernat davon aus, dass bis 2030 rund 90 000 zusätzliche Wohnungen in der Stadt benötigt werden. Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats, sagt: „Realistisch haben wir Flächen für 70 000 bis 90 000 Wohnungen identifiziert.“ Etwa 19 000 Wohnungen sollen durch Nachverdichten entstehen, 40 000 durch sogenannte Innenentwicklung.

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Innenentwicklung bedeutet, die Wohnungen könnten dort entstehen, wo bereits existierende Bebauungspläne noch nicht voll ausgeschöpft sind. Doch für ein erträgliches Leben in der Stadt wird ja nicht allein die Fläche für Wohnungen gebraucht, sondern auch für Infrastruktur. Schon jetzt klagen Schulen und Sportvereine über zu wenig Hallen und Schwimmbäder, immer weniger Kinder können schwimmen. Auch die Grünflächen und Parks werden wegen des Andrangs immer mehr zur Kampfzone.

Das Argument derjenigen, die sagen, Frankfurt sei noch nicht dicht genug, lautet: München und Berlin sind noch dichter besiedelt und auch lebenswert. Die Argumentation im Planungsdezernat ist ähnlich. „Paris ist viel dichter besiedelt und niemand würde sagen, dass die Stadt nicht lebenswert ist“, so Sprecher Gellert.

Gegensteuern

Doch es ist ein Unterschied, ob man ein verlängertes Wochenende an Seine und in Montmartre flaniert oder dort dauerhaft lebt. Paris ist mittlerweile schon Villariba. Denn zwischen 2011 und 2016 nahm die Zahl der Pariser um rund 300 000 ab, auf der eigens eingerichteten Internetseite paris-jetequitte.com berichten Stadtflüchtlinge, warum sie nicht länger in der überfüllten Metropole leben mochten.

Die Stadt steuert gegen und will grüner werden. Bis zum kommenden Jahr sollen 20 000 Bäume gepflanzt werden, 100 Hektar Grünflächen und vier Stadtwälder entstehen. Auf einem Messegebäude wächst zudem die größte Dachfarm der Welt.

Die Begrünung von Gebäuden ist auch in Frankfurt ein Thema, wird aber noch nicht konsequent verfolgt. Dabei fordert Hans-Georg Dannert, Leiter des Bereichs Stadtklima und Klimawandel, „das Ruder herumzureißen“. Denn Frankfurt ist nicht gerade ein Gewinner des Klimawandels. Die Mainmetropole hat mehr Verkehrsflächen als alle anderen deutschen Großstädte und liegt zudem in einer windschwachen Gegend – Faktoren, die eine Überhitzung eher begünstigen als hemmen. Noch mehr Gebäude machen es nicht besser und versperren womöglich Frischluftschneisen. „Jedes Bauvorhaben ist immer auch ein Eingriff“, warnt Stadtklimaexperte Dannert.

Mehr Wohnungen bedeuten übrigens mehr Menschen und mehr Menschen leider immer noch mehr Autos. Keine guten Aussichten für Villabajo. Das Leben in der Stadt wird vielleicht nicht unerträglich, aber lebenswerter wird Frankfurt mit 70 000 weiteren Wohnungen sicherlich auch nicht.

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