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Krisenzeichen: Mehr Arbeitslose in Hessen und weniger Auszubildende als Lehrstellen

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Von: Peter Hanack

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Ein Passant geht an dem Logo der Agentur für Arbeit vorbei. Die Linke kritisiert Hartz-4-Sonderzahlungen als „mickrig“.
Ein Passant geht an dem Logo der Agentur für Arbeit vorbei. © Sebastian Kahnert / dpa

Sommerferien und die Zahl Geflüchteter aus der Ukraine lassen in Hessen die Zahl der Arbeitssuchenden steigen. Zugleich sind viele Stellen frei und Ausbildungsplätze können nicht besetzt werden, weil der Nachwuchs fehlt.

Zwei Faktoren sind es, die nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit im August zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote in Hessen geführt haben. Zunehmend werden ukrainische Flüchtlinge, die mehr als drei Monate in Hessen leben, in der Statistik als arbeitssuchend erfasst. Und dann sind da die Sommerferien, die traditionell die Zahlen steigen lassen. Erstaunlich dabei: Auch die Zahl offener Stellen ist wie die der nicht besetzten Ausbildungsstellen sehr hoch.

Knapp 176 000 Männer und Frauen waren im August in Hessen arbeitssuchend gemeldet, 9000 mehr als im Monat davor. Die Arbeitslosenquote stieg damit nach Angaben der Bundesagentur auf 5,1 Prozent, im Juli lag sie noch bei 4,9 Prozent.

120 000 unbesetzte Jobs

Gleichzeitig ist auch die Zahl offener Stellen gewachsen. Zurzeit sind in Hessen 55 400 der Bundesagentur gemeldet – das sind fast zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) spricht sogar von 120 000 unbesetzten Jobs. Die Differenz entsteht, weil viele Unternehmen ihre offenen Stellen erst gar nicht mehr melden, weil sie keine Chance auf die Vermittlung geeigneter Fachkräfte sehen.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit zieht sich durch alle Personengruppen. Bei den Unter-25-Jährigen nahm sie sogar um knapp 20 Prozent zu, was vor allem mit dem Ende des Schuljahres zusammenhängt, an dem viele junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen. Ebenfalls überdurchschnittlich gestiegen ist die Arbeitslosigkeit bei Frauen (plus 7,5 Prozent) und Menschen ohne deutschen Pass (plus 7,1 Prozent).

Gegen Bürgergeld

Die hessischen Arbeitgeber:innen verlangen eine „stärkere Aktivierung“ der Arbeitslosen. Sonst könnten die mittlerweile 120 000 unbesetzten Jobs nicht besetzt werden.

Das Bürgergeld , das auf Bundesebene geplant ist, sende die falschen Signale aus. Damit würden Anreize gesetzt, weiterhin Sozialleistungen zu beziehen, erklärte die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Deren Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert fordert zudem eine Neuregelung von Hinzuverdiensten: „Die Anrechnungsregeln müssen so reformiert werden, dass die Aufnahme einer Vollzeittätigkeit für Arbeitslose immer die attraktivste Option ist.“ pgh

Der Anstieg in den beiden letztgenannten Gruppen ist laut Bundesagentur vor allem auf die Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine zurückzuführen, von denen viele Frauen im Alter von 25 bis 55 Jahren sind. So stammen von den aktuell etwa 80 000 arbeitslos gemeldeten Menschen ohne deutschen Pass rund 16 000 aus der Ukraine, die zumeist auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur, betont vor allem die Chancen, die sich für junge Leute aus der großen Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ergeben. Ein Großteil von ihnen werde bis zum Herbst eine Stelle gefunden haben, sagt er. Dies gelte vor allem für frisch ausgelernte Fachkräfte, die von ihren Ausbildungsbetrieben nicht übernommen wurden. Viele Unternehmen hätten große Schwierigkeiten, ihre offenen Stellen zu besetzen. Allein im August seien den hessischen Arbeitsagenturen rund 11 600 neue Stellen gemeldet worden. Auch für die Geflüchteten seien die Aussichten daher gut, sagt Martin. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Menschen Deutsch sprächen. Der Spracherwerb brauche aber seine Zeit.

11 000 frei Lehrstellen

Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es weit mehr unbesetzte Stellen als Interessent:innen. So sind knapp 11 000 Lehrstellen frei, dem stehen lediglich rund 6500 Bewerber oder Bewerberinnen gegenüber. Viele Betriebe werden ihre Stellen also kaum besetzen können. Für die Interessent:innen dagegen seien die Chancen selten besser gewesen, sagt Martin. Voraussetzung sei, dass sie auch einen anderen als ihren Wunschberuf lernen wollten und räumlich flexibel seien.

Die Arbeitslosenzahl in Frankfurt ist den dritten Monat hintereinander angestiegen. Insgesamt waren im August mehr als 26 000 Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen, 921 mehr als im Juli, ein Plus von 3,7 Prozent. Mehr als 10 000 offene Stellen sind bei der Arbeitsagentur Frankfurt gemeldet.

Siehe „Lehre trotz fünf Kindern: Berufsausbildung in Teilzeit“

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