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Sozialmediziner Gerhard Trabert untersucht einen Patienten.

Gerechtigkeit

Mediziner im Einsatz für Menschen in Not

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Mediziner betreiben in Mainz eine Klinik für Menschen ohne Krankenversicherung, die „Ambulanz ohne Grenzen“. Die Mediziner engagieren sich in ihrer Freizeit, damit es anderen besser geht.

Zahnärzte haben oft mittwochmittags frei. Nicht jedoch Jürgen Apitz. Während seine Kollegen Besorgungen machen oder die freie Zeit genießen, kümmert sich Apitz ehrenamtlich um Menschen, die woanders nicht oder nur selten behandelt werden. Über zwanzig Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern tun es Apitz auch an anderen Wochentagen gleich. Zusammen betreiben sie in Mainz die „Ambulanz ohne Grenzen“ – eine Art Krankenhaus für all diejenigen, die durch das Netz des deutschen Gesundheitssystems fallen.

Es sind Menschen wie Elena N. Als die in Mainz lebende Rumänin krank wurde, merkte sie, dass ihr im Krankenhaus nicht so einfach geholfen werden konnte. Man wollte ihre kleine Plastikkarte sehen, die bestätigt, dass sie Mitglied in einer Krankenversicherung ist. Doch N. hatte eine solche Karte nicht: „Mein Mann hatte den falschen Arbeitsvertrag“, erzählt sie. Ihr Mann arbeitete zwar in Deutschland – sein Arbeitgeber hatte ihn aber nicht sozialversicherungspflichtig angestellt. N. stand vor der Frage, wie sie ihre Behandlung und die ihrer Kinder bezahlen soll.

Über den Hilfsverein Medinetz hat N. dann erfahren, dass es am Rand der Mainzer Altstadt, etwas versteckt neben dem barocken Festungsbau der Zitadelle gelegen, Hilfe gibt für Menschen wie sie. Einen Ort, an dem niemand nach der Plastikkarte fragt, die N. nicht hat. Ein Ort, an dem N. und ihren Kindern von Ärzten wie Jürgen Apitz kostenlos geholfen wird.

Ärzte spenden Mobiliar

„Es ist unsere Pflicht, hier etwas zu tun und den Menschen ohne Krankenversicherung zu helfen“, sagt Gerhard Trabert. Der in Rheinhessen lebende Arzt und Hochschullehrer ist Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit“ und Mitbegründer des kleinen Krankenhauses, das der Verein seit rund anderthalb Jahren im Schatten der alten Festung betreibt. Läuft man durch den hellen, mit bunten Bildern behangenen Gang der kleinen Poliklinik, wähnt man sich fast in einem normalen Krankenhaus. Denn neben den Zahnärzten sind in den sechs mit professionellem Equipment ausgestatteten Behandlungszimmern beispielsweise auch Gynäkologen, Kinderärzte und Neurologen aktiv. Es gibt sogar einen Psychiater, der sich an drei Stunden in der Woche vor allem um traumatisierte Asylbewerber kümmert.

„Wir schicken niemanden weg“, erklärt Sozialarbeiterin Nele Kleinehanding den Grundkonsens, welcher der Arbeit der Ambulanz ohne Grenzen zugrunde liegt. Heißt: Wenn ein Patient keinen gültigen Aufenthaltstitel hat, gibt er einfach einen Fantasienamen am Empfang der Ambulanz an. Auf diese Weise trauen sich auch Flüchtlinge in die Einrichtung, die ansonsten – von ihren finanziellen Möglichkeiten einmal ganz abgesehen – wohl niemals einen Arzt in Deutschland aufsuchen würden. „Dass es uns gibt, spricht sich herum“, sagt Apitz. Neben den Flüchtlingen und den EU-Bürgern wie Elena N. aus Rumänien sind es beispielsweise aus der Haft Entlassene, die noch keine Gesundheitskarte ausgestellt bekommen haben, die sich in der Ambulanz ohne Grenzen behandeln lassen. Oder alte Menschen, die ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können und sich deshalb nicht mehr trauen, zum „regulären“ Arzt zu gehen.

Das kleine Krankenhaus ist für die vielen Menschen, die es mittlerweile nutzen – deutlich über Hundert im Monat – grundsätzlich gut gerüstet. So haben Ärzte, die in den Ruhestand gegangen sind, zur Einrichtung der Behandlungsräume ihr Praxismobiliar gespendet. Medikamente kommen vor allem von Privatpersonen und die Zahntechnikerinnung Rheinland-Pfalz hat kostenlos Zahnprothesen zur Verfügung gestellt – um nur einige Beispiele zu nennen.

Unbezahlbare Zuzahlungen

Dennoch mangelt es den Medizinern zur Behandlung ihrer Patienten an vielen Ecken und Enden – und wenn es nur die Mittelchen gegen Erkältung sind, deren Vorräte womöglich auch in diesem Winter wieder zur Neige gehen werden. „Den normalen Zahnersatz können wir hier machen, Implantate und aufwendigere Sachen aber leider nicht“, umschreibt Apitz die Beschränkungen, denen er und seine ehrenamtlichen Kollegen in der „Ambulanz ohne Grenzen“ unterworfen sind. Deshalb wollten die Mediziner mit der Zeit „ein Netzwerk aufbauen“, so Apitz. Ein Netzwerk an Unterstützern. Vor allem aber ein Netzwerk an noch praktizierenden Medizinern, die ihre teure Technik den Ärzten und Patienten der „Ambulanz ohne Grenzen“ zur Verfügung stellen wollen. Einige Partner gibt es bereits: Etwa die Kollegen, die in ihrer Praxis in der Mainzer Südstadt regelmäßig ihr Röntgengerät für die Patienten der Ambulanz anwerfen.

Vor allem zu den Zahnmedizinern kommen allerdings auch Patienten, die zwar krankenversichert sind, sich jedoch die teils erheblichen Zuzahlungen nicht leisten können, die ihre Krankenkassen von ihnen verlangen. „Wer 1000 Euro Rente bekommt, kann nicht 500 Euro für Zahnersatz ausgeben“, erklärt Apitz nüchtern. Außerdem hätten manche Leute schlicht „Scham“. Das ist auch der Grund, warum er und seine Kollegen bei ihrer Arbeit generell keine weißen Kittel tragen. Das Angebot soll niederschwellig sein.

Deshalb arbeiten die Mediziner in der Ambulanz auch regelmäßig mit Dolmetschern zusammen. „Vieles geht zwar mit Hand und Fuß“, sagt Zahnarzt Jens Kohl, der häufig mit Apitz zusammenarbeitet. Doch gerade bei größeren Behandlungen bedürfe es fachlicher Unterstützung. Dazu kommt die interkulturelle Kompetenz, die nicht unterschätzt werden darf, wie Rahim Schmidt zu bedenken gibt. Der Allgemeinmediziner, der für die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag sitzt, ist 2. Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit“ und ist der Überzeugung, dass man bei der Behandlung von Patienten aus verschiedenen Kulturkreisen – die Patienten der Ambulanz kommen aus 31 Nationen – besonders feinfühlig sein müsse. Schmidt selbst sucht regelmäßig Migranten auf, um sich mit ihnen über ihren Gesundheitszustand auszutauschen.

Mit dem Kleinbus zu Obdachlosen

Auch Gerhard Trabert ist – wenn er sich nicht gerade in der Ambulanz oder der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden aufhält – ständig unterwegs. So fährt er seit den Neunzigern wann immer sich eine freie Stunde ergibt mit einem Kleinbus durch Mainz, um Ausschau nach Wohnungslosen zu halten und ihnen kostenlose medizinische Versorgung anzubieten. Seinen „Urlaub“ verbringt er beispielsweise in Äthiopien, um dort Gefängnisinsassen und deren Angehörige sowie Vollzugsangestellte medizinisch zu versorgen. Für sein Engagement hat Trabert diverse Preise – unter anderem das Bundesverdienstkreuz – erhalten. Sein Team ist eingespielt. Und viele Unversicherte haben mittlerweile Vertrauen in „ihre Ärzte“ gefasst.

Was für die Wohnungslosen nur bedingt gelten kann, ist in der „Ambulanz ohne Grenzen“ höchstes Ziel der gemeinsamen Anstrengungen: Die Leute (wieder) in das Versicherungssystem integrieren, damit sie ganz normal, wie die Menschen, denen sie täglich auf der Straße begegnen, zum Arzt gehen können. Sozialarbeiterin Kleinehanding klappert mit ihnen Ämter ab und hilft dabei, wieder regulären Versicherungsschutz zu bekommen. „Viele unserer Patienten wissen gar nicht, welche Ansprüche sie eigentlich haben“, so Kleinehanding – wenn sie welche haben.

Wie viele Unterstützer der Verein Armut und Gesundheit und das sogenannte Mainzer Modell der medizinischen Versorgung mittlerweile haben, das zeigte sich Ende August, als der Verein vor dem Ambulanzgebäude im schützenden Schatten einer großen Platane sein Spätsommerfest feierte. Etliche Ärzte und Unterstützer waren gekommen, aber auch viele dankbare Patienten – manche von ihnen hatten ihren Ärzten und Beratern trotz knappem Budget Blumen mitgebracht.

Lauten Applaus gab es an diesem Nachmittag für Traberts nachdenkliche Rede. Auch nach zwanzig Jahren Lobbyarbeit kämpfe der Verein noch immer gegen „politische Ignoranz“, sagte er verärgert. Und dann etwas kämpferischer: „Es ist unsere Pflicht, etwas dagegen zu tun.“

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