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Wolf Singer an seinem Schreibtisch: Er hält Tierversuche für notwendig.

Göpferts Runde

Wolf Singer will aufklären

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In Göpferts Runde schimpft heute der weltbekannte, aber umstrittene Hirnforscher Wolf Singer auf die „Vereinfacher“. Sein Mittel gegen die immer komplexer werdende Welt und die simplifizierte Darstellung wissenschaftlicher Arbeit in den Medien lautet „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung!“

Irgendwo hier muss er verborgen sein, Europas bekanntester Hirnforscher. Doch hier ist eine Großbaustelle. Riesige Lastwagen mit Bauschutt beladen fahren vorbei, Staubfahnen wirbeln auf, es dröhnt und brummt, während sich Bagger und Planierraupen in die Erde wühlen. Alte Gebäude werden hier im Osten des Frankfurter Universitätsklinikums Stück für Stück abgerissen. Die Adresse, unter der das Max-Planck-Institut für Hirnforschung jahrzehntelang zu finden war, existiert nicht mehr. Die Sonne brennt vom Himmel, es ist schweißtreibend schwül. Da endlich, nach langem Herumirren, ein flacher, völlig unscheinbarer Pavillon, der sich zwischen den hohen Häusern wegzuducken scheint.

Direkt nach der Eingangskontrolle öffnet sich die Tür in eine ganz andere Welt, in der die Zeit stehengeblieben scheint: Lange, holzgetäfelte Gänge, viele kleine Räume. In einer Kemenate, mit Büchern angefüllt, tritt dem Besucher ein hochgewachsener Schlacks entgegen, mit einem gewinnenden Lächeln: „Ich bin seit 1982 hier drin“, sagt Wolf Singer.

Und der Wissenschaftler, seit 2011 emeritiert, will auch bleiben: „Einmal Hirnforschung, immer Hirnforschung – da kommen Sie nicht raus“, sagt er kurz und bündig. Der 72-jährige hat sein Leben dieser Aufgabe gewidmet, daran lässt er keinen Zweifel. Auch nach fünf Jahrzehnten Arbeit, die er „dem komplexesten Organ des Menschen“ gewidmet hat, kommt er zu dem knappen Urteil: „Wir wissen noch immer viel, viel zu wenig.“

Nachts riefen Tierversuchsgegner: „Du Mörder!“

Singer spricht klar, druckreif, mit der Geduld des Fachmanns, der sein komplexes Wissensgebiet verständlich zu vermitteln versucht. „Ich habe das gelernt, mir macht das Spaß, mit Laien zu diskutieren“, sagt er und es klingt nicht herablassend.

Das ist erstaunlich bei all dem, was der Neurophysiologe in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Denn Singer ist durchaus umstritten, sorgte mit öffentlichen Äußerungen für heftige Debatten weit über Deutschland hinaus. Dass sein Forschungsinstitut mit lebenden Affen arbeitet, ließ ihn schon vor dreißig Jahren „ins Visier der Tierversuchsgegner“ geraten.

Der Wissenschaftler beschreibt mit leiser Stimme, aber sehr eindringlich, was dann geschah. „Telefonterror jede Nacht, mit Megafonen sind sie nachts vor unser Haus am Sachsenhäuser Berg gefahren und haben gebrüllt: Du Mörder!“ Nur noch unter Polizeischutz konnte er zum Institut gelangen, jeden Tag eine andere Fahrroute, um vor Anschlägen geschützt zu sein. Er erhielt unzählige Briefe, die ihn mit dem Tod bedrohten, er wurde mit Josef Mengele verglichen, dem Mediziner, der in Auschwitz barbarische Menschenversuche angestellt hatte. „Das kränkt mich“, sagt er nur, nicht mehr. In seinem Gesicht ist kaum eine Bewegung abzulesen, er hat sich gut unter Kontrolle.

Singer spricht erstaunlich gelassen über diese Anfeindungen, die bis heute andauern, sitzt auf dem kleinen Sofa in seinem Büro, zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich habe mich daran gewöhnt.“ Er wird nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, dass es zu den Tierversuchen wissenschaftlich keine Alternative gebe, leider nicht, noch nicht. Dass man „sanft und fürsorglich“ mit den Affen im Labor umgehe, ja, er sagt tatsächlich „sanft und fürsorglich.“ Die Tiere sind ganz in der Nähe in einem gesonderten Trakt untergebracht.

„Ich habe die Kehrseite der Welt gesehen“

Er attestiert den Deutschen eine „gewisse Schizophrenie“ gegenüber Tierversuchen: „Es werden zum Beispiel Zigtausende von Tauben und Ratten ständig vergiftet – die verbluten innerlich und sterben ganz elend.“ Darüber aber spreche niemand.

Er spricht über die Menschen, für die er arbeite, die schwer psychisch Kranken. „Man wird sehr demütig – ich habe die Kehrseite der Welt gesehen“, sagt er und meint die geschlossenen Abteilungen der Psychiatrien.

Aber bei Singers Forschungen, die ihn weltbekannt gemacht haben, geht es um mehr. Er will herausfinden, wie Sehstörungen entstehen. Wie das Gehirn verschiedenste sinnliche Informationen zu einem Gesamteindruck zusammensetzt. Starker Kritik sah er sich 2004 bei seinen Thesen zur Willensfreiheit ausgesetzt. Bis zu einem gewissen Grad, so argumentierte er, sei der Mensch in seinen Entscheidungen nicht frei – es entschieden tatsächlich neurophysiologische „Verschaltungen“ im Gehirn. Dabei bleibt er bis heute: „Das Gehirn organisiert sich selbst – das ist sehr aktuell.“ In bestimmten Momenten gebe es im Gehirn „neurobiologisch gesehen nur eine mögliche Entscheidung.“ Natürlich erntete er wütenden Widerspruch von Forschern, die entschieden eine Freiheit des Willens vertreten. Singer schüttelt den Kopf. Er fühlt sich missverstanden, in eine rechte Ecke gedrängt. Genau da möchte er keinesfalls sein.

1981 gab es noch Präparate von Euthanasie-Opfern

Wir reden über seinen Vater, einen Allgemeinmediziner in Bayern. „Er kam zu Fuß aus dem Krieg zurück.“ Und er sprach mit seinem Sohn über das Grauen, das er als Arzt an den Fronten erlebt hatte. Wolf hatte den Vorteil, dass sein Vater „mit mir redete“. Viele aus der Väter-Generation damals schwiegen – und ihre Kinder arbeiteten sich an diesem Schweigen ab. Mehr noch: Der Vater hatte mit seiner Leica „fotografiert, wie beschissen der Krieg ist.“ Der Sohn entschied sich früh, ebenfalls Arzt zu werden: „Ich habe Medizin studiert, weil ich etwas über das Leben wissen wollte.“

Das Erbe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft holte Singer bald ein. Als er 1981 Direktor der Abteilung für Neurophysiologie des Max-Planck-Institutes in Frankfurt wurde, gab es dort noch 33 medizinische Präparate, die von Euthanasie-Opfern stammten. Von behinderten Menschen, die von den Nazis umgebracht worden waren. Der damalige Direktor des Institutes habe „überhaupt kein schlechtes Gewissen“ gezeigt, mit den Präparaten zu arbeiten. Singer schüttelt noch heute den Kopf: „Das war Medizin ohne Menschlichkeit.“ Er sorgte dafür, dass die Überreste auf einem Friedhof in Berlin bestattet wurden.

Der Wissenschaftler definiert für sich selbst Grenzen, die er nicht überschreitet. „Keine wehrtechnische Forschung“: Das ist so ein Grundsatz. Und er leidet unter der manchmal sehr simplifizierten Darstellung wissenschaftlicher Arbeit in den Medien. Singer verschränkt abwehrend die Arme, schaut finster, brummt: „Mich regen diese Vereinfacher so auf!“ Er versteht, warum es diesen Trend gibt: „Die Welt wird immer komplexer, Zusammenhänge werden immer schwieriger – das macht Angst!“

Den Politik-Stil von „Mutti Merkel“ mag er

Singer sieht nur ein probates Gegenmittel: „Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung!“ Mit anderen deutschen Wissenschaftlern plant der vielfach ausgezeichnete Neurophysiologe eine Art Gegenoffensive: „Wir werden uns zusammentun und ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit engagieren.“ Die Wissenschaft müsse endlich wieder „Speerspitze der Aufklärung“ werden. Was Wunder, dass der Forscher auch den abwägenden, abwartenden Politik-Stil der Bundeskanzlerin mag. „Die Mutti Merkel“ nennt er sie halb spöttisch, halb liebevoll. Als die studierte Physikerin vor zehn Jahren ihren 50. Geburtstag feierte, hielt Singer die Laudatio. Ihre Form der politischen Arbeit besitze „Tugend“: „Das ist besser als diese Hau-Ruck-Lösungen.“

In all den Jahren hat der Wissenschaftler stets Abwerbe-Versuchen widerstanden, die ihn von Frankfurt weglocken wollten. „Ich bin der Stadt gegenüber solidarisch geblieben.“ Ihm gefalle die Toleranz und die „Durchlässigkeit“ zwischen gesellschaftlichen Schichten. Hier könne man leicht von einer Gruppe zur anderen wechseln: „Das ist in München nicht so einfach.“

Gewiss, einiges hat er der Stadt Frankfurt bis heute nicht verziehen. Etwa, dass sie in den 80er Jahren den damaligen Opern-Direktor Michael Gielen „so schlecht behandelt hat.“ Und dass die Kommunalpolitik später das avantgardistische Theater am Turm „geschlachtet“ hat. An der Wand seines Büros hängt ein künstlerisches Bekenntnis: Ein tiefblaues Relief des Malers Alfred Lichter, den er so liebt. Und der erst vor drei Jahren, hochbetagt, auf der Insel Mallorca gestorben ist. Stets auf der Suche nach „der reinen Kunst“, wie Lichter es nannte, „weitab von persönlichen Eitelkeiten“. Rechts und links von dem Gemälde finden sich an der Wand chinesische Schriftzeichen, die sich in ihrer Vielschichtigkeit von Singer gar nicht so leicht übersetzen lassen: „Schilf im Morgennebel, im Wasser, still“, das wäre eine mögliche Deutung, die seiner Vorstellung von Kontemplation sehr nahe kommt.

Doch Wolf Singer kann sich auch sehr im Hier und Jetzt engagieren. Etwa gegen den Flughafenausbau. Im Kaisersaal des Rathauses hielt er kürzlich eine vielbeachtete Philippika gegen die Folgen der neuen Landebahn. Die er überflüssig nennt: „Das Flugzeugaufkommen ist seit 2001 nicht gewachsen.“ Nein, Singer wird sich weiter einmischen.

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