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Jaguar Basti, präpariert von Udo Becker.

Tiere in Frankfurt

Aus dem Zoo ins Museum

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Der Schädel des an einem Tennisball qualvoll verendeten Flusspferds Maikel dient jetzt der Forschung - und so manch anderes Zootier, das die Frankfurter liebten. Gorilla Matze ist beispielsweise nach seinem Tod in der Senckenberg-Sammlung gelandet.

Wenigstens ist Maikel nicht ganz umsonst gestorben. Der Flusspferdbulle, im August von einem verschluckten Tennisball dahingerafft, dient nun der Forschung. Sein beeindruckender Schädel ist wie geplant in der wissenschaftlichen Sammlung des Senckenberg-Museums angekommen – Ehre, wem Ehre gebührt. Sauber skelettiert und freipräpariert bereichert er das Archiv, nebst 15 weiteren Flusspferdschädeln. Ein Schild weist ihn als Nummer 95.064 des Senckenberg-Inventars aus.

Wer dem 39 Jahre alten Hippopotamus im Sommer den Tennisball brachte, der im Verdauungstrakt steckenblieb und den qualvollen Tod verursachte, ob die Täter Maikel den Ball direkt ins Maul warfen oder ob er vielleicht versehentlich ins Gehege fiel – all das ist ungeklärt und wird wohl auch nicht so bald ans Licht kommen. „Wir haben keine neuen Erkenntnisse“, sagt Polizeisprecher Rüdiger Reges. „Das hätten wir sonst auch längst bekanntgemacht. Der Fall Maikel war ja sehr in der Öffentlichkeit.“

Eine kleine Vitrine mit den Abschiedsbildern und -briefen der Kinder und der Tierpaten erinnert im Zoo an Maikel. Seine Partnerin Petra blieb vorerst allein zurück und wartet darauf, wahrscheinlich in einen anderen Zoo weitergegeben zu werden. Eine solche Lösung hatte Zoodirektor Manfred Niekisch in Aussicht gestellt. „Wenn wir eine gute Unterbringung für Petra finden, geben wir sie ab“, sagte er im August. Die Haltungsbedingungen im kleinen Frankfurter Zoo seien für die großen Dickhäuter schon seit längerem nicht optimal.

Derweil trifft Maikel – jedenfalls das, was von Maikel übrig blieb – bei Senckenberg so manch alten Bekannten wieder. Einer der prominentesten Zoobewohner, dessen Tod viele Frankfurter betrauerten, war der Gorilla Matze. Er starb 2008 im Alter von 51 Jahren als einer der ältesten Berggorillas auf dem Planeten. Mitte August von seinen Leiden befreit (Magengeschwüre, schlimme Gelenkschmerzen), war er schon Anfang September fertig präpariert: die Haut abgezogen, jede Körperfaser von der Konservierungsflüssigkeit durchdrungen.

Matze kann nun bis in alle Ewigkeit in seinem Edelstahltank im Institut liegen, so schnell wird ihm nichts mehr passieren. Der Primat war so prominent, dass er nicht nur dem Museum erhaltenswert erschien. Matzes Bronzeskulptur, die der Künstler Wolfgang Weber schuf, ziert im Zoo auch den Eingang des Menschenaffengeländes, den Borgori-Wald.

Die Wissenschaftler sind froh über ihre Forschungsobjekte. Fürs Publikum bleiben die Tiere jedoch meist unsichtbar hinter den Kulissen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Erst im November präsentierte das Senckenberg-Museum einen wunderschönen Jaguar, der zu Lebzeiten die Zoobesucher in Landau erfreute und nun in der Säugetier-Ausstellung zu bewundern ist. Präparator Udo Becker machte in penibler Kleinarbeit ein Meisterstück aus der Raubkatze.

Baby-Giraffe schwer zu präparieren

Schon seit 2011 grüßt ebendort, ein paar Vitrinen weiter, eine Baby-Giraffe. Eigentlich eine furchtbar traurige Geschichte: Das Kleine kam am 20. Juli 2010 im Kronberger Opel-Zoo auf die Welt – und starb tags darauf. Organversagen. Aber wiederum war es Udo Becker, der das Tier unsterblich machte. Seit 50 Jahren hatte Senckenberg seinerzeit keine Giraffe mehr in der Ausstellung gehabt. Becker sagte sofort Ja, als Opel-Zoodirektor Thomas Kauffels das tote Tier anbot, und fertigte eine Dermoplastik an.

Das war gar nicht einfach. „Giraffen sind unter Präparatoren als kritische Ware bekannt“, sagte der Fachmann bei der Präsentation. Die Haare fallen aus dem Fell, wenn man nicht schnell genug arbeitet, und dann ist so ein Giraffenkörper in seiner recht speziellen Erscheinungsform ja auch nicht direkt mit anderen Tieren zu vergleichen. Der muss erst einmal modelliert werden. Das Innenleben einer solchen Dermoplastik ist komplett neu, nichts Organisches mehr drin.

Am Ende der Bemühungen stand die kleine Giraffe im Museum und schaut bis heute die Besucher unverwandt an. Sie soll die Natur abbilden, das ist das Ziel. Und das tut sie zweifellos. Bei einer unvermuteten Begegnung in der Serengeti würde man sie sofort für echt halten.

Ähnliches wird Iban nicht mehr widerfahren, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Frankfurter Tiger, Vater zahlreicher kleiner (und inzwischen längst großer) Sumatra-Tiger überall in Europa. Seine sterblichen Überreste wurden untersucht, um die Todesursache zu ermitteln; er hatte Krebs. Auch Charly, der wahrscheinlich älteste Orang-Utan der Welt, ebenfalls 2014 im Frankfurter Zoo gestorben, wird nie wieder in seiner ganzen Schönheit zu sehen sein. Aber: Verschiedene Forschungseinrichtungen, darunter das Max-Planck-Institut und Senckenberg, haben Proben seines Körpers erbeten.

Zoos melden Tierkörper

„Das kommt häufig vor, dass unsere Sammlungen Teile von verstorbenen Tieren übernehmen“, sagt Senckenberg-Sprecherin Alexandra Donecker, „oder auch kleine Tiere.“ Die Zoos melden, wenn ein Tierkörper frei wird, und meist bemühen sich dann mehrere Institute darum. Gemeinsam achten sie dann auch darauf, dass die Präparate gerecht verteilt sind.

Erst kürzlich wechselte wieder ein Borstenhörnchen aus dem Zoo ins Senckenberg-Museum. So kann selbst aus vergleichsweise unprominenten Vertretern ihrer Art noch etwas werden. Auch wenn sie nichts mehr davon mitkriegen. Aber immer noch weitaus besser, als zu Lebzeiten Versuchstier zu werden.

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