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Franziska Nori, Museumsdirektorin im Frankfurter Kunstverein, inmitten von Kisten.

Franziska Nori

Kunstverein ins Gespräch bringen

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Die umtriebige Direktorin will, dass der Frankfurter Kunstverein in aller Munde ist. „Das erste Jahr ist zentral wichtig – da kann man sich nicht zurücklehnen, da muss man im fünften Gang bleiben“, sagt Franziska Nori.

Überall Kisten und Kartons, Paletten und Packmaterial. Das Foyer des Frankfurter Kunstvereins mit seiner wunderbar geschwungenen Treppe im Hintergrund ist eine Baustelle, über die an diesem Morgen Menschen wuseln. Umbruch zwischen zwei Ausstellungen. Umbruch aber auch grundsätzlich, denn seit November 2014 hat die altehrwürdige Kulturinstitution, 1829 gegründet, eine neue Direktorin. Franziska Nori schießt geradezu aus ihrem kleinen Büro heraus, bewegt sich schnell durch das Chaos. „Wenig geschlafen, kein Urlaub!“, sagt sie nur rasch. Es zieht die Kunsthistorikerin ins Freie, sie muss jetzt erst mal raus, eine Zigarette rauchen. Stressabbau. „Das erste Jahr ist zentral wichtig – da kann man sich nicht zurücklehnen, da muss man im fünften Gang bleiben.“

Und diesem Motto folgt die 47-Jährige, die geradezu mädchenhaft wirkt, getreulich, seit sie hier ist. Die Kunsthistorikerin möchte eine merkwürdige Schieflage korrigieren: Das Haus genießt bei der Vermittlung zeitgenössischer Kunst international hohes Ansehen, wird aber in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region in der Öffentlichkeit eher stiefmütterlich behandelt. „Ich habe die Ambition, den Kunstverein wieder ins Gespräch zu bringen“. Ein tiefer Zug an der Zigarette, jetzt draußen unter freiem Himmel, bei einem Espresso. „Wir haben Boden gutzumachen, in Frankfurt, nicht international,“, fügt sie nachdenklich hinzu.

Die gebürtige Römerin ist keine Fremde in Frankfurt. Ihre Mutter stammt von hier. In Frankfurt studierte die Direktorin Kulturanthropologie, Romanistik und Kunstgeschichte. Doch bei dem Thema Familie gibt sie sich unvermittelt zugeknöpft. „Ich möchte mein Privatleben nicht gerne auf dem öffentlichen Teller ausbreiten“, sagt sie knapp. Punktum. Schon während des Studiums in den 90er Jahren hatte sie mit Freunden einen kleinen Kunstverein gegründet, hatte in der Leipziger Straße in Bockenheim in Läden und im öffentlichen Raum Kunst ausgestellt. Später arbeitete sie als freie Kuratorin, von 2000 bis 2003 leitete sie die Abteilung für digitale Kunst im Museum Angewandte Kunst.

Die Italienerin ist also immer ihrer halben Heimat Frankfurt treu geblieben. Als Kollegen sie darauf aufmerksam machten, dass für den Kunstverein eine neue Leitungsperson gesucht wurde, zögerte sie keine Sekunde. Frankfurt liegt ihr: eine Stadt mit hohem Tempo. Und die Hauptstadt Berlin, in die es doch alle Kulturmenschen angeblich zieht? Ein müdes Abwinken. „Versuchen Sie doch mal, in Berlin morgens vor zehn jemanden zu erreichen!“ Nein, Frankfurt sei viel „konzentrierter, schneller“. Und am Partyleben ist die Kunsthistorikerin nicht interessiert: „Ich bin kein Nachtmensch.“

Einen Lieblingsort in Frankfurt nennen mag sie oder kann sie nicht: „Ich bin den ganzen Tag hier im Haus.“ Vom Café-Tisch aus vor dem Kunstverein ist nicht zu übersehen, wie nahe die Gebäude der neuen Altstadt mittlerweile herangerückt sind. Drei Meter Abstand bleiben vielleicht noch zur bedrohlich aufragenden ersten Brandmauer. Als Nori sich um die Führungsposition des Kunstvereins bewarb, sagt sie, habe sie das nicht gewusst. Die Kulturinstitution wird buchstäblich in den Schatten gestellt. Doch die Kulturmanagerin reagierte auf diese Herausforderung in typischer Manier. Schon als sie sich im Kulturausschuss des Rathauses den Kommunalpolitikern offiziell vorstellte, forderte sie den Bau eines neuen Haupteingangs. Der Kunstverein soll sich künftig an der heutigen Flanke zur Altstadt hin öffnen – mit einer „verglasten Eingangssituation“ und mehr Platz vor der Tür. Wie weit ist sie gekommen mit dieser Idee? Die Direktorin bleibt vage. Alles sei auf einem guten Wege, sagt sie. Sie fühle sich unterstützt.

Tatsächlich weiß die Deutsch-Italienerin, wie mühsam der Kampf mit Politik und Bürokratie sein kann – aus Italien. In Florenz wurde 2007 im historischen Palazzo Strozzi ein Haus für zeitgenössische Kunst eröffnet – Nori war dort als Direktorin für das künstlerische Programm zuständig, bis sie nach Frankfurt kam. „In Italien ist alles schwieriger und dauert länger“, sagt sie.

Es gebe dort für die Kulturschaffenden „ganz andere Abhängigkeiten von der Politik.“ Es werde viel stärker von der Politik hineinregiert in die tägliche Arbeit. Sie traut dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi zu, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen – gerade sind ausländische Führungsfiguren an wichtige italienische Kulturinstitutionen berufen worden, was für großen Ärger sorgt.

Doch das ist weit weg, ihre Priorität liegt jetzt beim Kunstverein. Nori ist als Persönlichkeit ein ziemliches Kontrastprogramm zu ihrem eher introvertierten Vorgänger Holger Kube Ventura, der vom April 2009 bis November 2014 an der Spitze des Hauses stand. Sie bekennt sich dazu, offensiv für ihre Institution zu werben – nach dem Vorbild anderer Direktoren in Frankfurt. Max Hollein, der Chef von Städel-Museum, Liebieghaus und Kunsthalle Schirn, hat da neue Maßstäbe gesetzt. Bei konservativen Kritikern aber auch Naserümpfen ausgelöst. Nori sagt: „Es gibt einen Wandel beim Stellenwert der Kultur – das darf aber nicht zu einem falsch verstandenen Populismus führen.“

Die Kunsthistorikerin bekennt sich zum politischen Impetus ihrer Arbeit. Die gerade zu Ende gegangene Ausstellung des US-Künstlers Trevor Paglen über geheime militärische Orte und Überwachungstechniken traf absolut einen Nerv der Zeit. Das nächste Projekt „Körper-Ich: Körper im Zeitalter digitaler Technologien“ ab 26. September will zeigen, wie sehr die Neuen Medien auch die körperliche Selbstwahrnehmung des Menschen verändern. Ein hochaktuelles Thema.

Aber die Direktorin trägt auch dem Verlangen nach Schauwerten Rechnung. Der indonesische Künstler Joko Avianto wird die Fassade des Kunstvereins hinter einer spektakulären Bambus-Installation verschwinden lassen – als Teil der Ausstellung „Roots Indonesian Contemporary Art“ ab 26. September. Indonesien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.

Gerade dieses Event kostete Monate intensiver Vorbereitung, Verhandlungen mit Frankfurter Ämtern und Behörden. „Ich bin überall auf offene Ohren gestoßen und dafür sehr dankbar“.

Parallel webt die Kunsthistorikerin an ihrem persönlichen Netzwerk in Frankfurt. Mit Philippe Pirotte, dem Rektor der Städelschule, und Matthias Pees, der an der Spitze des Künstlerhauses Mousonturm steht, „verstehe ich mich hervorragend“. Ein wichtiger, geradezu „natürlicher Partner“ ist für sie auch Matthias Wagner K., der Direktor des Museums Angewandte Kunst.

Abwanderung junger Künstler stoppen

Sie ist Mitglied der Jury, die Künstler für das städtische Atelierprogramm auswählt. Ein ganz besonderes Anliegen. „Wir müssen die Abwanderung junger Künstler aus Frankfurt irgendwie stoppen“ – das hat sie sich fest vorgenommen. Noch immer verlassen vielversprechende Talente die Stadt – in Richtung Berlin, aber auch in die Nachbar-Kommune Offenbach. Dort sind die Mieten niedriger, die Lebenshaltungskosten überhaupt viel günstiger.

Von Berlin, sagt die passionierte Frankfurt-Liebhaberin, lasse sich eines lernen: gutes Stadt-Marketing. Dem müsse Frankfurt etwas entgegensetzen. Ein Traum wäre in ihren Augen „eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit des Kunst-Standortes Frankfurt.“ Heute werkelt jede Institution weitgehend alleine vor sich hin und ist sich selbst die Nächste.

Es rumpelt und kracht hinter uns, während Arbeiter Kisten und Kartons rausschleppen. Nori ist stolz auf ihr kleines Team, sie sind nur zu fünft im Kunstverein, „nicht mal alle Vollzeit“. „So ein kleines Haus kann Schnelligkeit haben“, sagt sie liebevoll, und schon ist sie wieder bei ihrem Lieblings-Thema: „Ich bin ein großer Fan von Schnelligkeit – Dienst nach Vorschrift ist nicht meine Welt.“

Sie zieht heftig an ihrer Zigarette, Rauch kräuselt sich über dem Caféhaus-Tisch. Franziska Nori geht es aber um mehr als Tempo. Ihr italienisches Temperament scheint gepaart mit geradezu preußischem Pflichtbewusstsein.

„Mir wurde eine Verantwortung übertragen“, sagt sie unvermittelt, wie zu sich selbst. Ihr rasantes Leben erscheint ihr „als eine Qualität, eine Passion“. Eine Selbstvergewisserung: „Man kann sich potenzieren.“

Das hat Fransziska Nori jedenfalls versucht, in der kurzen Zeit, in der sie erst an der Spitze des Kunstvereins steht. Es ist ihr gelungen, neue Sponsoren zu finden und sich in der Stadtgesellschaft erstes Gehör zu verschaffen.

Dafür überwindet sie sogar ihre Scheu, vor Publikum zu sprechen. Diese Frau hat sich noch viel vorgenommen.

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