Wiedereröffnung Deutsche Nationalbibliothek,
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Wiedereröffnung Deutsche Nationalbibliothek.

Bibliothek

Maskierte im Lesesaal

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Deutsche Nationalbibliothek öffnet wieder, aber sehr eingeschränkt.

Die Warteschlange gerät zum Symbol dieser Tage. Vor der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt bildet sie sich schon am frühen Montagmorgen. Überwiegend junge Menschen mit Rucksack stehen da, die Gesichter allesamt hinter Masken verborgen. Mehr als sechs Wochen war das riesige Gebäude an der Adickesallee mit seinen mehr als 20 Millionen Medien nicht öffentlich zugänglich. Jetzt öffnet die DNB in Frankfurt und Leipzig gleichzeitig wieder. Doch die Bibliothekarin hinter dem Schalter, an dem bestellte Medien abgeholt werden können, bringt es auf den Punkt: „Alles ist anders“, ruft sie. Und es hört sich fast fröhlich an.

Stephan Jockel zum Beispiel, der DNB-Sprecher, ist hinter seiner Maske überhaupt nicht zu erkennen. Nur mit Mund-Nasen-Schutz darf die Bibliothek betreten werden, und das bringt eine große Fremdheit in die Begegnung. Viele Studierende drängen sich vor dem Eingang. Sie suchen Material für Prüfungen. „Ich hoffe, wieder ein bisschen Normalität ins Leben zu bekommen“, sagt eine junge Frau. Doch an diesem Tag wird klar, wie weit der Weg noch ist.

Nur mit vorheriger schriftlicher Anmeldung dürfen Besucher ins Haus. Mehr als 100 am Tag sind nicht zulässig, sonst können die strengen Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Zum Vergleich: Der Durchschnittsbesuch der Leseplätze liegt üblicherweise bei 438 Menschen am Tag. Direkt hinter dem Eingang ist ein Tresen aufgebaut. Maskierte Mitarbeiter empfangen die Ankömmlinge. Als Erstes müssen die Hände desinfiziert werden, Spender sind aufgebaut.

Die großen Lesesäle sind mit rot-weißen Absperrbändern in einem wilden Muster unterteilt. Von den 305 Leseplätzen, berichtet Jockel bei seiner Führung durch die Stockwerke, darf lediglich ein Drittel genutzt werden. Eine Jurastudentin sucht Bücher für eine Seminararbeit. „Es geht um Gesetzlichkeit.“

Jockel weiß: „Wir haben Medien im Angebot, die sonst keiner hat.“ Auch er bestätigt, dass die Studierenden zu den Hauptnutzern der Bibliothek zählen. Es gebe aber auch immer noch die Bibliophilen, die Bücherliebhaber, die oft von weit her anreisten, um ein altes, ein schönes, ein wertvolles Buch in Händen zu halten. Allein die Handbibliothek umfasst 50 000 Bände.

In der DNB entstehen Doktorarbeiten und Habilitationsschriften. Jockel erzählt aber auch von Romanen und vielen Fachbüchern, die im Haus geschrieben werden. Einerseits genössen die Menschen die Stille sehr. Andererseits aber auch die Begegnung mit anderen. „Wir sind ein sozialer Ort.“ Doch das gilt bis auf Weiteres nur sehr eingeschränkt. Denn „Robs Kulinarium“, das Café und Restaurant, der Treffpunkt, an dem man sich verabredet, bleibt geschlossen.

Auch der Weg nach oben in die wunderbare Dauerausstellung über das Exil („Erfahrung und Zeugnis“) und in das Deutsche Exilarchiv bleibt versperrt. „Es wird noch Monate dauern, bis wir wieder zur Normalität zurückkehren können“, sagt Jockel. Sein Urteil: „Es ist einerseits wie immer, aber andererseits sehr befremdlich.“ Die Mitarbeiter der Bibliothek bleiben denn auch größtenteils ins Homeoffice verbannt. Wo bisher zwei Menschen in einem Büro saßen, ist jetzt nur noch einer erlaubt.

In den großen Lesesälen verlieren sich einige Maskierte. Im Lichtkreis der Leselampen blättern die Besucher eifrig, machen sich Notizen. Immer wieder mahnt das Aufsichtspersonal, Abstand zu halten. Ein Student fragt genervt, ob man denn tatsächlich die ganze Zeit über Mund und Nase bedecken müsse. Brillenträger fluchen, weil ihre Gläser ständig beschlagen.

Noch aber arrangieren sich die Besucher mit den neuen Regeln, die in Corona-Zeiten gelten. Die Frage steht auch hier im Raum: Wie lange dauert es noch? „Wir alle“, sagt Jockel, „haben den Wunsch nach Normalität.“

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