1. Startseite
  2. Frankfurt

Maskenpflicht und Corona in Frankfurt: „Die Aggression nimmt zu“

Erstellt:

Von: Kathrin Rosendorff

Kommentare

Die Maske ist griffbereit zum Aufsetzen.
Die Maske ist griffbereit zum Aufsetzen. © Renate Hoyer

Mit dem Herbst stecken sich wieder vermehrt Menschen mit dem Coronavirus an. Doch nicht alle verstehen, warum sie weiter Maske tragen sollen. Es kommt zu Konflikten zwischen Masken und Nicht-Maskentragenden in Frankfurt.

Zwei junge Frauen stehen unweit der Frankfurter Konstablerwache und rauchen, die OP-Masken, die sie eben noch in der Bahn getragen haben, baumeln an ihren Armgelenken. „Ich trage immer Maske in der Bahn, weil es Pflicht ist. Ansonsten trage ich nur noch Maske in Läden, wenn es sehr stickig ist oder zu viele Leute im Raum sind. Bislang hat mich das geschützt, ich hatte noch kein Corona“, sagt eine der Frauen. Maske tragen sei für sie auch eine moralische Entscheidung. „Ich will auch andere schützen“, sagt die 26-jährige Studentin aus Gießen.

Mit dem Herbst steigen auch wieder die Corona-Inzidenzen. Die Maskenpflicht bleibt in Hessen im Nahverkehr. In Fernzügen und Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern muss man FFP2-Maske tragen. Ansonsten gibt es keine Maskenpflicht. Die Leute empfinden die Regeln recht unterschiedlich.

Die Gießenerin sagt: „Ich war gerade in der Türkei und es gab bei der Airline schon keine Maskenpflicht. Das war ein komisches Gefühl. Wenn ich fünf Minuten Bahn fahre, muss ich einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn ich aber drei Stunden im Flugzeug mit genauso fremden Menschen auf engstem Raum sitze, brauche ich keine. Was sind das für komische Regeln?“. Sie betont: „Ich wünsche mir, dass in allen öffentlichen Verkehrsmitteln die Maskenpflicht bleibt“.

Ihre gleichaltrige Freundin sagt: „Ich finde jeder sollte selbst entscheiden, ob er Maske tragen will oder nicht. Das sollte nicht gesetzlich geregelt werden. Ich pendle täglich – und ich gebe es zu. Ich trage die Maske auf Halb- acht, weil ich das Gefühl habe, ich bekomme keine Luft“. Dieses Argument macht eine 40 Jahre alte Flugbegleiterin richtig wütend. „Ich höre das so oft. Das nervt. Ich selbst trage zwölf Stunden lang in meiner Arbeitszeit FFP2-Maske und werde diese auch weiter tragen. Denn jetzt ab 1. Oktober fällt die Maskenpflicht auch bei den deutschen Airlines. Ich fühle mich von den neuen Regeln nicht geschützt.“

Die Menschen in Frankfurt reagieren sehr verschieden auf die steigenden Zahlen. Vermehrt sieht man wieder auf den Wochenmärkten, aber auch auf der Straße Menschen mit FFP2-Maske. An der Kleinmarkthalle steht ein Schild: „Maske freiwillig“. Einige Menschen tragen Mund-Nasen-Schutz, andere stehen dicht an dicht in der Schlange ohne einen Schutz, um sich ein Wurstbrötchen zu holen. Bei Hugendubel tragen viele der Mitarbeiter:innen Maske, viele der Kund:innen keine. Im My Zeil sind die Maskenträger:innen in der Minderheit. In einem Drogeriemarkt auf der Leipziger Straße hustet ein Mann vor dem Vitaminen-Regal minutenlang ohne Maske vor sich hin.

Bei den meisten Friseursalons sieht man keine Masken mehr, eine Ausnahme ist der Friseur Schamlos im Nordend, dort gibt es Maskenpflicht. Das ist Hausrecht. Auch viele Apotheken bestehen noch auf Maske. Bei der Optikerkette Fielmann in Bockenheim tragen alle Mitarbeitende FFP2-Maske.

Coronazahlen in Hessen

Die Zahl der registrierten Infektionen mit dem Coronavirus in Hessen ist binnen 24 Stunden um 7069 gestiegen. Das teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitag mit. Die Zahl der Neuansteckungen in den letzten sieben Tagen lag bei 36 938. Es wurden 13 weitere Todesfälle erfasst. Die Gesamtzahl der Toten stieg damit auf 11 093.

Die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz der Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner:innen stieg von 550 auf 587. Die höchsten Werte meldete das RKI für die Kreise Lahn-Dill (956), Bergstraße (824) und Fulda (803). Die niedrigsten für die Stadt Offenbach (320), den Schwalm-Eder-Kreis (369) und Frankfurt (367). In Frankfurt lag die Inzidenz eine Woche zuvor bei 260. Das Gesundheitsamt betonte die hohe Wahrscheinlichkeit vieler unentdeckter Covid-19-Fälle , die nicht in der Meldestatistik erfasst seien.

Auf den Intensivstationen der Kliniken lagen nach Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) 68 erwachsene Patient:innen mit Covid-19. Auch die Hospitalisierungsinzidenz stieg an: Sie lag nach Angaben des Sozialministeriums bei 6,56 – nach 4,42 vor einer Woche. Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen bezogen auf 100 000 Einwohner:innen binnen sieben Tagen neu mit einer Corona-Infektion in Krankenhäusern aufgenommen wurden. rose/dpa

„Ich habe Angst, krank zu werden, ich hatte noch kein Corona und will es auch nicht“, erzählt eine 45-Jährige in der B-Ebene der Hauptwache. Eine andere Frau wartet derweil auf die U7 mit FFP2-Maske, die Luft ist warm und stickig. „Viele Leute glauben, Corona ist schon vorbei. Aber es ist lange noch nicht vorbei. Das Traurige ist, dass ich in der Bahn in letzter Zeit von Nichtmaskenträgern komisch angeschaut werde, so als wäre ich verrückt.“

An der Station Eissporthalle steigt eine Gruppe Jugendlicher ein. Alle ohne Masken, grölend, einer sagt: „Ich glaube ich habe Corona. Haha“. Dann hustet er extra in die Richtung von einer Maskenträgerin. Erst am vergangenen Wochenende war ein 30-Jähriger in der Nacht zum Sonntag in einer S-Bahn auf der Strecke zwischen Frankfurt und Offenbach von zwei Männern zusammengeschlagen worden. Er soll sie zuvor auf die bestehende Maskenpflicht hingewiesen haben.

Ein 20-Jähriger kam ihm zu Hilfe und wurde ebenfalls angegriffen und kam mit dem Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma in eine Klinik. „Die Aggression nimmt zu. Ich traue mich kaum noch, was zu sagen“, sagt eine 82-Jährige auf der Zeil. Erst vor wenigen Tagen habe sie eine Frau ohne Mund-Nasen-Schutz darum gebeten, dass sie sich doch bitte nicht direkt neben sie setze. „Überall waren noch Plätze frei. Sie antwortete aber nur: ‚Nö, wenn Sie Angst haben, müssen Sie Taxi fahren‘“. Eine Frau erzählt, dass sie sich beim Einkaufen im Supermarkt in einem Moment extrem unwohl gefühlt habe als eine der wenigen, die Maske trügen. „Kurz habe ich sie ausgezogen, weil ich die Blicke nicht ausgehalten habe.“

Aber das ist nicht der einzige Fall, wo sich eben Maskenträger:innen unwohl fühlen. In einer Bäckerei im Frankfurter Norden betritt ein Kunde mit FFP2-Maske den Laden. Am Tresen bezahlt gerade ein Mann ohne Mund-Nase-Schutz sein Brot. Als er den Neuen sieht, sagt er zur (ebenfalls maskenlosen) Verkäuferin: „Na, wir zwei werden hoffentlich auch überleben, selbst oben ohne, oder? Hahahaha!“. – „Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben“, sagt der Mann mit der Maske, „aber es gibt eben immer noch Leute, für die eine Corona-Infektion schwere Folgen hätte. Darüber können Sie sich lustig machen, sehr intelligent ist das allerdings nicht.“

Ob er eine Ahnung habe, wie die Kinder unter den Corona-Maßnahmen gelitten hätten, fragt der Unmaskierte grob. Ja, habe er, sagt der Maskierte, aber dass die Kinder jetzt darunter leiden müssten, dass er beim Bäcker eine Maske trage, das sei ihm neu. Dazu fällt dem Unmaskierten nichts mehr ein. Einen Rat hat er trotzdem noch: „Passen Sie auf, nehmen Sie jeden Tag Vitamin-D3-Tropfen! Dann kann Ihnen das gar nichts anhaben.“ Inzwischen sind zwei weitere Kundinnen in den Laden gekommen, eine mit FFP2-, eine mit medizinischer Maske. Alle schauen sich an, während der Vitaminmann die Bäckerei verlässt, und schütteln die Köpfe.

Aber nicht nur die Masken, auch das von der Politik und Virolog:innen immer wieder empfohlene Lüften als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus löst in der beginnenden kalten Jahreszeit Diskussionen aus. In einem Fitnessstudio besteht während eines völlig überfüllten Zumbakurses eine Teilnehmerin darauf, das einzige Fenster zu schließen, weil sie friere. Die Mehrheit stimmt ihr zu. „Ich will hier Spaß haben, Corona hat eure Köpfe verrückt gemacht“, sagt die Zumbatrainerin, als eine andere Teilnehmerin das Fenster wieder öffnet und die Fensterschließerin beleidigt rausrennt. Die Kursleiterin knallt das Fenster zu, schließt auch noch die Tür, der Spiegel beschlägt nach wenigen Minuten. „Ich lüfte nur noch in den Pausen.“ Zwei von 20 Frauen verlassen den Kurs. Die anderen tanzen weiter. „Ich habe keine Angst vor Corona, ich hatte es schon, war nicht so schlimm“, sagt eine der Frauen. Die Angst der anderen zu erkranken, Long Covid zu bekommen, die Eltern anzustecken, sei ihr egal . Sie will Spaß. (Mit ill)

Auch interessant

Kommentare