1. Startseite
  2. Frankfurt

Maskenmuffel zieht Berufung in Frankfurt zurück

Erstellt:

Von: Stefan Behr

Kommentare

Im Bus randaliert, Mitreisende schwer verletzt – die Freiheitsstrafe dafür fand der vorbestrafte 29-Jährige unangemessen.

Am Nachmittag des 7. Dezember 2021 nimmt Jerzy W. in Höchst den Bus. Er tut dies mit einer für die Uhrzeit bestaunenswerten Trunkenheit und ohne Schutzmaske. Er fordert die anderen Fahrgäste penetrant auf, es ihm gleichzutun, zumindest was die Maskenfreiheit angeht. Eine Gruppe Jugendlicher pöbelt er besonders akribisch an, bis ein Passagier ihn auffordert, die jungen Leute in Frieden zu lassen. Jerzy W. bricht ihm als Antwort mit der bloßen Faust mehrere Gesichtsknochen. Als sein Opfer ihn daraufhin in den Schwitzkasten klemmt, zückt W. ein Cuttermesser, das ihm aber – Suff sei Dank – entgleitet. Die Polizisten, die ihn festnehmen, bekämpft er nach besten Kräften. Einem verdreht er den Finger, einem anderen tut er kund: „Du Fotze, mein Schwanz findet dein Loch!“

Könne ja mal passieren, werden jetzt viele denken, aber dann dürfe man sich auch nicht beschweren, wenn das Amtsgericht einen wegen gefährlicher Körperverletzung, Angriff auf und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt – ohne Bewährung, wenn man wie W. wegen diverser Diebstähle bereits unter Bewährung steht.

Falsch gedacht! Man darf. Und Jerzy W. hat es auch getan, weshalb am Mittwochmorgen vor dem Landgericht sein Berufungsprozess beginnt. Denn der 29-Jährige hat tatsächlich das Loch gefunden: Seit der Tat sitzt er im Gefängnis – erst in U-, seit dem Urteil in regulärer Haft. Doch der 29-Jährige fühlt sich zu Unrecht weggesperrt.

Interessant ist, dass er damit gar nicht so ganz falsch liegt. Immer wieder treten vor Gericht Angeklagte auf, die es irgendwie geschafft haben, dutzendfach gegen Bewährungen zu verstoßen, ohne je einen Knast von innen gesehen zu haben. Da ist freilich auch immer ein bisschen Glück dabei. Manche Gerichte sind der Meinung, dass nur einschlägige Vorstrafen von Relevanz seien – was bei Jerzy W. nicht der Fall war.

Viel passieren kann auch nicht. Für den Angeklagten gilt das Verschlechterungsverbot, vor allem dann, wenn wie in diesem Fall die Staatsanwaltschaft nicht auch Berufung eingelegt hat. Das bedeutet für das Strafmaß: Schlimmer wird’s nimmer, besser geht immer. Das Ärgste, was passieren kann, ist, dass der Angeklagte bei Verwerfung oder Zurücknahme der Berufung die Kosten des Verfahrens zahlen muss. Da W. das ohnehin nicht könnte, ist diese Sorge hier eher akademischer Natur.

Jerzy W.s Pech ist, dass er beim Vorsitzenden Richter Uwe Steitz an den Falschen geraten ist. Der hat vor dem Prozess die Akten studiert und wundert sich. Der Spruch des Amtsgerichts von Anfang Mai dieses Jahres sei doch „ein deutlich mildes Urteil“. Für Steitz wiegt schwer, dass hier ein Mensch zum Opfer roher Gewalt wurde, weil er Zivilcourage gezeigt hatte. Da gebe es nichts zu beschönigen. Und was die Sache mit der Bewährung angeht, ist Steitz etwas wertkonservativ: „Sie haben Ihre Chance gehabt – und die haben Sie nicht genutzt!“

W.s Verteidiger gibt sein Bestes. Sein Mandant habe „es wirklich eingesehen“, dass so eine Busfahrt nicht lustig sei. Außerdem sei ihm eingefallen, dass er am Tattag nicht nur getrunken, sondern auch gekokst und gekifft habe, und wenn man ihn jetzt freiließe, würde er sich gerne und flugs in Therapie begeben.

Steitz ist nicht wirklich überzeugt. In der Tat ist das Einzige, was für den Angeklagten spricht, die Tatsache, dass Schutzmasken keine Familientradition sind. Seine Eltern und seine Verlobte sitzen im Publikum. Als sie erfahren, dass hier kein Maskenzwang herrscht, reißen sie sich die Lappen vom Gesicht und unterstützen Jerzy W. durch ein spektakuläres Hustkonzert, das die ganze Verhandlung über andauert.

Zum Glück dauert die nicht allzu lange. W.s Verteidiger macht seinem Mandanten klar, dass man hier bedauerlicherweise auf Richter Gnadenlos gestoßen sei und die Aussichten auf Erfolg entsprechend trübe seien. W. zieht seine Berufung daraufhin zurück. Aber man kann’s ja mal versuchen. Es kann ja nicht schaden.

Auch interessant

Kommentare