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Ein ausgebranntes Polizeifahrzeug - das Auto ist Teil des Videokunstwerks.

Städelschul-Rundgang 2018

Im Hof steht das Polizeiautowrack

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Die „Frankfurter Hauptschule“ hat das ausgebrannte Polizeiauto im Hof der Städelschule platziert - eines der auffälligsten Kunstwerke beim diesjährigen Rundgang.

Es ist frostig auf dem Hof der Städelschule. Rektor Philippe Pirotte steht vor einem ausgebrannten Polizeiauto und raucht. Gerade hat er durch die Ausstellung geführt und erklärt, was die Trägerschaft der Landes Hessen für die Städelschule bedeute, „Eigenständigkeit“ und einen höheren Etat. Der werde „nicht in die Bürokratie, sondern in das Kreative fließen“.

Nun steht er vor einem Ausdruck des Kreativen und fragt die Journalisten, warum sie sich gerade dafür besonders interessierten. Worte wie „Relevanz“, „politische Botschaft“, „öffentliches Interesse“ fallen.

„Ich sehe nur Farbe, Eisen und Buchstaben“, sagt Pirotte („das ist provokativ gemeint“). Er erkenne auch Bezüge zu Edward Kienholz und zum Straßenkampf („riots“).

Vor gut einer Woche hatte die Künstlergruppe „Frankfurter Hauptschule“ ein vermeintliches Polizeiauto zertrümmert, angezündet und im Frankfurter Bahnhofsviertel abgestellt. Elf Stunden stand es da, ein belebtes Kunstwerk, auf das Passanten kletterten und andere Sachen damit anstellten, dokumentiert in Internetvideos.

„Wir sehen Horden von vercrackten Zombies mit abgesägten Schrotflinten durch die Münchener Straße patrouillieren. Wir sehen den Rauch ausbrennender Einsatzwagen, der sich mit dem warmen Licht der Abendsonne mischt“, heißt es im Video des Künstlerkollektivs.

Es sei eine Botschaft „gegen die Verdrängung von Drogenabhängigen, gegen die zunehmende Polizeipräsenz im Bahnhofsviertel“, sagt einer der Städelschüler, der Teil der „Frankfurter Hauptschule“ ist. „Viele Passanten haben gelächelt, als sie den ausgebrannten Wagen gesehen haben.“

Fotografiert werden will er nicht. Zur Herkunft des Autos sagt er auch nichts. Wie das Auto auf den Hof der Städelschule kam? Pirotte: „Wir haben den Abschleppdienst bezahlt“.

Das Auto ist Teil des Videokunstwerks „242 Titel besser als Martin Kippenberger“, das im Büro der Kanzlerin Caroline Fuchs läuft. Die Videoarbeit reagiert mit Witz auf das Buch „241 Bildtitel zum Ausleihen für Künstler“ von Martin Kippenberger.

In der Säulenhalle der Städelschule steht in diesem Jahr kein überdimensionaler Spediteur wie im Sommer 2017, sondern ein Bett aus Holz. Titel: „Kiste 1“. „Das ist sibirische Lärche und afrikanisches Mahagoni“, sagt Janusch Ertler. Der Künstler hat das Bett selbst gezimmert, in der Holzwerkstatt der Städelschule. „Ich kann auf der Platte arbeiten, im Bett schlafen, und im Bettkasten meine Sachen verstauen.“

Während des Rundgangs soll das Bett ebenfalls zum belebten Kunstwerk werden. Besucher dürfen es anfassen, sich hineinlegen. Aber nicht zu viele auf einmal, „mehr als 150 Kilo hält es nicht aus“. Zeigen will Janusch Ertler, der in einem halben Jahr die Städelschule abschließt, eine Auswahl von frühen, aktuellen und künftigen Werken. Das Bett habe auch einen praktischen Aspekt. „Ich gehe davon aus, dass ich nach meine Abschluss eine Weile in meinen Arbeitsräumen leben werde“.

Bob van den Wal, aus der Klasse von Willem de Rooij, zeigt in einem Atelier vier Studien der Wachowski-Geschwister, beides berühmte US-Regisseure, die die Matrix-Trilogie, V wie Vendetta, Cloud Atlas und die Netflix-Serie Sense 8 gedreht haben. Als Laurence und Andrew Paul geboren, wandelten sie ihre Namen und sexuellen Identitäten im Laufe des Lebens um. Sie heißen nun Lana und Lilly Wachowski.

„Gender und Transgender spielen eine große Rolle in den Arbeiten von Bob van den Wal, sagt Rektor Philippe Pirotte. Auch Bob van den Wals Kunstwerk im Zentrum des Ateliers hat eine Verwandlung hinter sich: Eine unbetitelte, ausrangierte Telefonzelle der Deutschen Telekom aus dem Jahr 1999 hängt – als wäre sie explodiert – an roten Fäden von der Decke.

Dies sind nur einige der Arbeiten, die die rund 200 Städelschüler in diesem Jahr ausstellen. Der Anteil der internationalen Studenten liegt mittlerweile bei 70 Prozent. „Wir bringen interessante Leute zusammen, dann passiert immer etwas“, so erklärt Pirotte das Prinzip der Städelschule. Die Absolventen stellen in diesem Jahr vom 11. Juli bis 5. August im Städel-Museum aus. „Wenn die Rubens-Ausstellung vorbei ist, werden sie sich mit der Ausstellungsarchitektur auseinandersetzen“, sagt Pirotte. In den Jahren zuvor hatten die Meisterschüler im früheren Zollamt, dem MMK3, ausgestellt, im Sommer 2017, aufgrund des 200-Jährigen Jubiläums der Städelschule, zusätzlich im Erdgeschoss des MMK1. „Städel-Direktor Philipp Demandt ist mit diesem wunderbaren Angebot auf uns zugekommen“, sagt Pirotte, „wir brauchten auch mehr Platz.

Städelschüler Immanuel Birkert thematisiert die neue Zusammenarbeit. In einer Nische der Außenwand des Städel-Museums hat er eine Vase mit Blumenstrauß platziert. Titel: „Tears Drip Down on My Retina Display“. Ein „romantischer Bezug“, sagt Il-Jin Atem Choi, der künstlerische Koordinator und Assistent von Rektor Pirotte.

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