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Die Staatsanwaltschaft hat für diese Form der Konfliktlösung wenig Verständnis und nennt sie versuchten Totschlag.

Prozess

Die Wut zum Marktplatz getragen

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Zweiter Versuch eines Prozesses wegen lebensgefährlicher Messerstiche eines zornigen Vaters.

Zugegeben, es war nicht die feine englische Art, mit der der 42 Jahre alte Pole am 20. Februar 2019 um die Hand der Tochter des 52-jährigen Italieners anhielt. Denn laut Anklage rief er der 16-Jährigen, als diese am frühen Nachmittag über den Marktplatz von Kelkheim wandelte, zu: „Du geile Sau, komm her, ich fick dich ganz gut.“

Zu Recht war der Vater, als ihm die Tochter daheim von dem Antrag berichtete, darob sehr erzürnt. Denn auch wenn er auf der Anklagebank des Landgerichts eine Dolmetscherin benötigt, so ist sein Deutsch doch gut genug zu wissen, dass „ganz gut“ die kleine Schwester von „miserabel“ ist. Er schnappte sich also zwei seiner Söhne, die betroffene Tochter, zwei zufällig anwesende Freunde, die – Klischee, Klischee! – auf die Vornamen Giovanni und Giuseppe hören, ein Messer und eine Metallkleiderstange und begab sich zum Marktplatz, um den Polen Mores zu lehren. Da sowohl der Italiener als auch der Pole sich an jenem Tag unabhängig voneinander in einen fragwürdigen Zustand gesoffen hatten, fanden Vernunft und Maß bei diesem Disput keine Heimstatt, und am Ende drosch der Italiener mit der Kleiderstange auf den Polen ein und stach ihm vier Mal in den Bauch, was eine Notoperation noch am selben Tag zur Folge hatte.

Die Staatsanwaltschaft hat für diese Form der Konfliktlösung wenig Verständnis und nennt sie versuchten Totschlag. Seitdem sitzt der Italiener in Untersuchungshaft. Die Sache hätte eigentlich bereits vor fünf Wochen verhandelt werden sollen, doch der Prozess endete im Desaster. Nicht ganz unschuldig daran war die Tochter, die plötzlich in Begleitung eines Anwalts in die Verhandlung platzte und beteuerte, sie alleine haben die lebensgefährdenden Messerhiebe geführt und ihr armer alter Vater schmachte schuldlos im Kerker. Dem Vorsitzenden Richter platzte daraufhin der Kragen, und seiner Überzeugung, die Beteiligten verwechselten offenbar eine Landgerichtsverhandlung mit einer Opera buffa, verlieh er mit kraftvollen Worten Nachdruck. Die Verteidigung fand das ganz gut, bescherte ihr dies doch einen jener seltenen Momente, in denen ein Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter mal Erfolg hat.

Am Dienstagmorgen also der zweite Versuch. Normalerweise würde der Fall jetzt von einer anderen Kammer verhandelt werden, aber da beide Schwurgerichtskammern derzeit an der Belastungsgrenze laborieren, hat das Landgericht einen Kunstgriff angewandt: Die Kammer ist die gleiche, aber eine der damaligen Beisitzerinnen ist jetzt die Vorsitzende Richterin, während der Vorsitzende Richter bei einer anderen Kammer in diesem Prozess als Beisitzer einspringt.

Die Verteidigung freilich hält das eher für einen Kunstfehler denn einen -griff, und so beginnt der zweite Prozess, wie der erste endete: mit einem Befangenheitsantrag, über den jetzt entschieden werden muss. Nach Verlesung der Anklage und des Befangenheitsantrags ist daher erst mal wieder Schluss.

Nach knapp einem Jahr U-Haft scheint der Furor der italienischen Familie weitgehend abgeklungen, zumindest tauchen außer der Ehefrau des Angeklagten im Zuschauerraum keine weiteren Angehörigen auf. Das ist schon mal ganz gut.

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