1. Startseite
  2. Frankfurt

Maritimer Zahlenmensch

Erstellt:

Von: Oliver Teutsch

Kommentare

Hat immer viel auf seinem Schreibtisch liegen: der Vorsitzende Richter Werner Gröschel.
F © Rolf Oeser

Richter Werner Gröschel führt die Verhandlung gegen Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann vor dem Landgericht Frankfurt/

Wenn am Dienstag der Prozess gegen Oberbürgermeister Peter Feldmann beginnt, wird Werner Gröschel einmal mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Der Vorsitzende der 24. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts wird darüber entscheiden müssen, ob Feldmann sich der Vorteilsannahme schuldig gemacht hat. Es ist nicht der einzige Prozess von großem öffentlichen Interesse, den der 61-Jährige dieser Tage leitet. Seit Mai 2021 verhandelt Gröschels Wirtschaftsstrafkammer bereits das sogenannte Cum-ex-Verfahren, in dem es um Steuerhinterziehung in ganz großem Stil geht. Ein Mammutprozess mit nun schon 57 Verhandlungstagen. Nach dem Feldmann-Prozess wird sich Gröschel um die Anklage gegen den mutmaßlich korrupten Oberstaatsanwalt Alexander B. kümmern müssen. Die beiden Prozesse wurden Gröschel zugewiesen, weil seine Strafkammer eine Spezialzuständigkeit für Korruptionsstrafsachen hat.

Dabei war es Gröschel zufolge „fast Zufall“, dass er in der Justiz gelandet ist. Nach seinem Abitur am Herder-Gymnasium macht der „Frankfurter Junge“, der auch leidenschaftlicher Eintracht-Fan ist, zunächst eine Banklehre. „Meine Eltern wollten das so, weil es was Handfestes sei“, erinnert sich Gröschel, dem die Lehre bei der Deutschen Bank aber auch Spaß macht: „Ich bin ein Zahlenmensch.“ Doch nach der Lehre kann er sich mit den einfachen Tätigkeiten, die ihm zugeteilt werden, nicht so richtig anfreunden. „Das war ein bisschen wenig.“ Gerne hätte Gröschel Medizin studiert. Denn in seinem Ersatzdienst für die Bundeswehr fährt der junge Mann über einen Zeitraum von zehn Jahren immer wieder Rettungsdiensteinsätze für den Arbeiter-Samariter-Bund. „Ich hatte Berührungspunkte mit der Medizin, aber ich bin damals leider am Numerus clausus hängengeblieben. Ich bedauere es auch ein bisschen, nicht Medizin studiert zu haben“, gesteht Gröschel. Stattdessen studiert er Jura, weil ihm Ex-Kollegen aus der Bank von ihrem Jurastudium und den Anknüpfungspunkten zum Finanzsektor berichten.

Nach seinem Studium verdingt sich der junge Jurist zunächst freiberuflich als Rechtsanwalt für eine Kanzlei. Doch das ist nichts für ihn. „Die Selbstständigkeit hat mich damals ein bisschen eingeschüchtert.“ Also beginnt Gröschel am 1. September 1992 bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Zunächst ist er dort für Verkehrsstrafsachen zuständig, bald darauf wechselt er in den Bereich der organisierten Kriminalität. Im Mai 1997 wird Gröschel für rund drei Jahre zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe abgeordnet. Dort kümmert er sich zunächst um die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und reist später auch selbst zehn Tage in den Kosovo, um Beweismaterial zu sichern. Zum Ende seiner Abordnung arbeitet Gröschel in der Revisionsabteilung der Bundesanwaltschaft. „Das war hochinteressant, dort habe ich meinen Schliff für das Prozessuale bekommen, das hilft mir heute noch“, so Gröschel.

Auch zum Landeskriminalamt in Wiesbaden wird Gröschel einige Jahre später abgeordnet. Dort hat es ihm rückblickend aber nicht so gut gefallen. So heuert er 2007 beim Amtsgericht als Richter fürs Handelsregister an. 2013 wechselt er ans Landgericht und übernimmt dort zunächst eine kleine Strafkammer, bevor er im Januar 2014 den Vorsitz der 24. Strafkammer übernimmt, den er heute noch innehat. Seine einstige Ausbildung kommt ihm dabei zugute. „Die Banklehre hat mir sehr geholfen, wenn es zum Beispiel um das Nachvollziehen von Geldflüssen geht“, sagt Gröschel. Die Grundzüge der Buchhaltung zu kennen, nutze ihm teilweise auch heute noch.

Seit 2015 ist Gröschel auch Pressesprecher des Landgerichts für Strafsachen. Über mangelnde Arbeit kann er sich wie das übrige Richterkollegium nicht beschweren. Das hat er insbesondere im vergangenen Jahr gemerkt. Als die 12. Strafkammer vorübergehend keinen Vorsitzenden hat, übernimmt er auch deren Vorsitz für ein halbes Jahr. „Da bin ich teilweise ein bisschen auf dem Zahnfleisch gegangen. Den Vorsitz von zwei Strafkammern und auch noch Pressesprecher, da wissen Sie abends, was Sie getan haben“, erinnert sich Gröschel.

Zum Glück könne er relativ schnell abschalten. Beim Lesen von Biografien, Radtouren oder auf den gemeinsamen Reisen mit seiner Frau, Oberstaatsanwältin Nadja Niesen, die genau wie er Pressesprecherin in ihrer Behörde ist. Besonders die Nord- und Ostsee hat es den beiden angetan. „Wir sind beide eher maritime Typen.“ Da verwundert es nicht, dass Gröschel während einer Schwedenrundreise in Stockholm aus dem Staunen nicht mehr raus kam. „Die Stadt ist genial.“ Für eine kleine Auszeit reicht dem Pressesprecher-Ehepaar aber auch schon die Lübecker Bucht. Dort wollen sie mittelfristig hinziehen, denn wenn alles gut läuft, soll Ende 2023 Schluss sein mit der täglichen Juristerei.

Nun aber steht erst mal der Prozess gegen Peter Feldmann an. „Das ist ein politisches Verfahren, das lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagt Gröschel. Aber zur Kernkompetenz eines Richters gehöre es nun mal, zu differenzieren. „Es interessiert mich nicht, wer da auf der Anklagebank sitzt, es geht lediglich um die Feststellung der individuellen Schuld“, so Gröschel, der sich dennoch gewünscht hätte, dass das Abwahlverfahren gegen den OB nicht zeitgleich laufen würde. So oder so wird der Vorsitzende aber am Dienstag in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

Auch interessant

Kommentare