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Aus dem Marianengraben

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Die Zwillingsschwester Ingrid und Renate Müller hatten Brustkrebs, beide. Nun haben sie ein Buch darüber geschrieben.
Die Zwillingsschwester Ingrid und Renate Müller hatten Brustkrebs, beide. Nun haben sie ein Buch darüber geschrieben. © FR/Christoph Boeckheler

Die Zwillinge Renate und Ingrid Müller erkrankten 2008 an Brustkrebs. Erst Renate, zwei Monate später auch ihre Schwester. Heute erscheint ihr Buch „Zwillingskrebs. Ein Schicksal, zwei Geschichten“.

Von Lia Venn

Das Buch beginnt mit der vermutlich eigentümlichsten Folge eines One-Night-Stands. Ein bisher Fremder, Markus, ertastet einen Knoten in der Brust und rät Renate, das unbedingt untersuchen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt war sie zehn Jahre lang bei keinem Frauenarzt mehr gewesen. Eigentlich wollte sie die Markus-Geschichte gar nicht ins Buch lassen, „wenn das mein Vater liest…“ Renate schaut ihre eineiige Zwillingsschwester Ingrid an, identisches Schmunzeln in zwei Gesichtern. „Aber dass ein vollkommen Fremder an meinem Körper etwas besorgniserregend findet, das mir noch nie aufgefallen war, hat mich so aufgewühlt und ich glaube, viele Frauen tasten sich nicht selbst ab. Großer Fehler.“

Renate und Ingrid Müller sind 43 Jahre alt, beide haben Biologie studiert, beide sind Journalistinnen. Renate Müller arbeitet beim Hessischen Rundfunk, lebt im Nordend, ihre Schwester ist Chefredakteurin des Münchner Onlineportals „netdoktor.de“. Im Sommer 2008 befolgt Renate den Rat des nächtlich-nahen Fremden. Wochen voller Angst, unbekannter Gefühle, Grauen; wohl auch manchmal verzweifelte Koketterie mit der Endlichkeit. Am 3. September bekommt Renate die Diagnose: Brustkrebs. Zwei Monate später hört Ingrid denselben Befund. Den Eltern, 76 und 77 Jahre alt, erzählen die in Würzburg geborenen Schwestern erstmal nichts, sie wollten sich umeinander kümmern, nicht auch noch um die Eltern. Später wird dann die Mutter eine große Hilfe, als Ingrid wegen ihrer eigenen Chemo ausfällt und der Schwester nicht beistehen kann.

„Alles ist dunkel geworden, wir waren wie eingefroren“

Ingrid begleitet ihre zwei Minuten ältere Schwester von Anfang an. Auch am Tag der Diagnose. „Es ist ganz wichtig, jemanden dabei zu haben, man bekommt nämlich gar nicht alles mit“, sagt Renate. Während die Ärztin den kompletten Therapieweg aufzeigt, sitzen die Zwillinge nebeneinander. „Alles ist dunkel geworden, wir waren wie eingefroren“, sagt Renate. Zur Ärztin sagt sie, fast tadelnd: „Aber ich wollte nach Istanbul fahren.“ Die antwortet: „Städte laufen nicht weg.“ Zwei Tage nach der Diagnose geht es im Krankenhaus um den Plan für die Operation, das Krankenhaus teilt mit: „Kommen Sie am 16. September um zehn Uhr, bringen Sie weite Oberteile mit, keine eng anliegenden Sachen, dazu zwei Sport-BHs.“

Die Schwestern wollten schon immer ein gemeinsames Projekt machen, wie damals in Würzburg eine Kneipe. Auch mal ein Buch, Thema: Wenn ein Zwilling stirbt, wie lebt der andere weiter? Fanden sie aber zu hart und ließen die Idee fallen. Jetzt müsse sie das Buch alleine schreiben, sagte Renate 2008 zu Ingrid. Nun haben sie aber doch ein Buch gemeinsam geschrieben. Sie wollen damit anderen Mut machen, auf die immense Wichtigkeit von Zweitdiagnosen hinweisen. Ihre Geschichte erzählen. Und vielleicht haben sie sich auch schreibend aneinandergeklammert, der Krankheit gleich zwei Stirnen geboten, den Schock abgearbeitet. Dabei beginnt jedes Kapitel mit einem Schmunzeln: Cartoons von ihrem Freund Achim Greser. „Witze und Krebs? Das ist eine echte Herausforderung“, hat der Titanic-, Stern- und FAZ-Cartoonist gesagt – und diese Herausforderung so zart-empathisch wie erleichternd-derb und intelligent gemeistert.

Chemo zur Obama-Wahl

Das erste Kapitel heißt Angst. Der Cartoon: Ein überdimensionierter Krebs droht bösen Blickes und mit erhobener Schere, nachts das Zimmer einer schlafenden Frau zu entern. „Worum es hier geht, ist ja klar“, sagt Renate. Das zweite Kapitel: Die Loreley auf ihrem Felsen, eine Windbö pustet ihr die langen Haare vom Kopf. „In dem Kapitel geht es um die Wartezeit vor der Diagnose. Wir haben, um die Zeit zu überbrücken, eine siebenstündige Rheinfahrt gemacht. Ich wusste gar nicht, dass sowas geht.“ Renate streicht sich eine Locke aus dem Gesicht. Das Kapitel „Höllensturz“ beschreibt die Zeit rund um die Diagnose. Das Bild „Höllensturz der Verdammten“ von Peter Paul Rubens hängt in der Pinakothek in München. „Obamas-faule-Lehman-SPD“ ist das fünfte Kapitel. „Als ich bei der ersten Runde Chemo auf die Isolierstation eingeliefert wurde, begann die Wahl in den USA. Als ich aufwachte, war Obama Präsident“, erzählt Renate. Wäre ihr Leben zu diesem Zeitpunkt noch normal gewesen, hätte die Radiojournalistin über all das berichtet.

Dann das sechste Kapitel: „Marianengraben“. Ingrid: „Die tiefste Stelle im Ozean.“ Renate: „Alles dunkel, kein Leben mehr.“ Die häufig lachenden, zumindest schmunzelnden Schwestern werden ernst. „Der Marianengraben ist die Zeit meiner Diagnose, als ich erfuhr, dass es mich auch erwischt hat“, sagt Ingrid. Und Renate: „Ich hatte da schon alle Haare verloren und trug eine blonde Perücke. Das einzig Wichtige für mich war, dass meine Leukozyten hoch genug wären und ich damit fit genug, um Ingrid im Krankenhaus besuchen zu können.“ Den Titel des Kapitels „Mützenluder“ haben sie dem Wirt ihrer Lieblingskneipe zu verdanken. „An dem Abend trugen wir zwei unsere Perücken.“ Die beiden lachen wieder, richtig glücklich. „Und als wir reinkamen sagte er: ‚Na Ihr Mützenluder!‘“ Fanden sie urkomisch.

„Zwei Wochen nach der ersten Runde fallen die Haare aus“

Tatsächlich könne man seine Uhr nach der Chemo stellen: „Zwei Wochen nach der ersten Runde fallen die Haare aus“, sagt Renate. Und: „Ohne Haare ist es wahnsinnig kalt am Kopf.“ Man sehe so zerbrechlich aus, sagt Ingrid, die leiser wird: „Man sieht ja die gesamte Kopfplatte, das ist… es ist berührend.“ Ihre Schwester schaut sie an. In beiden Blicken dieser lebhaften Frauen zeigt sich in dem Moment die Dimension dessen, was beide durchlitten haben – in der jeweiligen Todesangst um die andere. Ihr bisheriges Leben ist zu einem Überleben geworden. „Ich habe durch diese Zeit die tiefe Erkenntnis gewonnen, dass man auch sterben kann“, sagt Ingrid, „dass man angezählt ist.“ Entscheidend für ihre Schwester Renate ist die Feststellung, „dass ich nur ein Leben habe, es ist kein Prolog zu einem anderen“. Noch müssen sie regelmäßig zur Nachuntersuchung. „Zurzeit ist alles in Ordnung. Bleibt das so, gelten wir in drei Jahren als gesund“, sagt Renate. Ihre Schwester rechnet kurz und lächelt: „Nein, fast in zwei.“

Der Fremde, Markus, rief Renate zwei Monate nach ihrer gemeinsamen Nacht an und fragte, wie es ihr denn so gehe. „Da war ich schon in der Chemo“, sagt sie. Und das er ihr Leben gerettet habe, „unser beider Leben“. Als Widmung haben Renate und Ingrid Müller in ihr Buch geschrieben: „Für meine Schwester“.

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