Klimaforscher Christian Schönwiese.
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Klimaforscher Christian Schönwiese.

Porträt

Der Mann fürs Extreme

Das Wetter hat ihn schon als Kind fasziniert. „Die Eiszeiten, Klimaschwankungen – all das wollte ich ganz genau wissen“, erinnert sich Christian-Dietrich

Von Astrid Ludwig

Das Wetter hat ihn schon als Kind fasziniert. „Die Eiszeiten, Klimaschwankungen – all das wollte ich ganz genau wissen“, erinnert sich Christian-Dietrich Schönwiese. Aus Leidenschaft wurde Profession. Schönwiese studierte Meteorologie mit Schwerpunkt Klimatologie, 1968 in München. „Das war damals ziemlich abseits. Ich war ein Exot“, sagt der heute 70-Jährige. 1976 veröffentlichte der nun emeritierte Professor der Frankfurter Goethe-Universität sein erstes Buch über Klimaschwankungen: „Das hat zu dieser Zeit die Öffentlichkeit gar nicht interessiert.“

War Schönwiese damals ein Pionier, als er darüber schrieb, wie sich das Klima wandelt, weil der Mensch Einfluss nimmt? Er winkt ab: „Dazu gab es bereits 1896 erste Theorien.“ Der schwedische Forscher und Nobelpreisträger Svante Arrhenius machte die Kohlenutzung für Auswirkungen verantwortlich, die heute als Erderwärmung und Treibhauseffekt in aller Munde sind. Langfristig, so der Schwede, werde die Temperatur auf der Erde wegen CO2-Emissionen um 1,5 bis sechs Grad ansteigen. „Damit lag er in etwa richtig“, sagt Schönwiese.

Starke Schwankungen

Seit 2006 ist der Professor im Ruhestand, doch noch immer ist er täglich in seinem Büro auf dem Campus Bockenheim. 25 Jahre hat er an der Goethe-Uni die Arbeitsgruppe Klimaforschung geleitet, war Direktor am Institut für Meteorologie und Geophysik, das heute Institut für Atmosphäre und Umwelt heißt. Schönwiese hat eine Vielzahl an Büchern und Publikationen verfasst, ist ein vielbeschäftigter Gutachter. Projekte initiiert hat er für das deutsche Klimaforschungsprogramm, das Bundesumweltministerium wie auch für die weltweit tätige „Münchner Rückversicherung“.

Sein Spezialgebiet sind klimatische Extrem-Ereignisse in Deutschland und weltweit. Heiße Sommer oder wie aktuell schnee- und hochwasserreiche Winter bescheren ihm jede Menge Beobachtungsdaten. „Die Schwankungen werden stärker“, sagt er. 2003 war ein Hitzesommer in Europa, in dessen Folge 55000 Menschen starben. 2007 gab es einen sehr milden Winter, jetzt wiederum zeichnet sich die Jahreszeit durch starke Niederschläge aus.

Schönwiese erforscht Extreme, aber Übertreibungen liegen ihm nicht. Das Wort Klimakatastrophe ist für ihn tabu. „Ich versuche, nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu verharmlosen.“ Klimaschwankungen habe es immer gegeben. Er differenziert zwischen natürlichen Einflüssen durch Sonnenaktivitäten, Vulkanausbrüche oder Zirkulation der Ozeane sowie vom Menschen gemachte Einflüsse auf das Klima durch Treibhausgase, Viehhaltung oder Waldrodung. 2010 hat Schönwiese eine Studie dazu veröffentlicht: 60 Prozent des Klimawandels, sagt er, sind vom Menschen verursacht, 40 Prozent von der Natur.

Folgen für die Enkel

Der Professor untersucht die ökologische und ökonomische Auswirkungen – auch für Deutschland. „Wir haben ja lange Zeit gedacht, dass wir vom Klimawandel nicht betroffen sind, sondern nur tropische Länder wie die Malediven, die im ansteigenden Ozean versinken“. Schönwiese spricht in der Klimaforschung von der „globalen Gerechtigkeit“. Bisher waren Verursacher und Leidtragende meist nicht identisch. Arme Länder wie Bangladesch etwa litten unter der Erderwärmung, obwohl sie diese nicht mitverantworten. „Das Blatt wendet sich“, sagt der Professor. Auch Länder wie die USA und Australien mit ihrem hohen CO2-Ausstoß hätten immer häufiger zu kämpfen mit Dürre, tropischen Wirbelstürmen oder Überschwemmungen. „Sie sind extrem betroffen, tun aber wenig dagegen.“ Rasant wachsende Volkswirtschaften wie China verstärkten den Trend.

Die Folgen des Klimawandels werden sich in Europa mit 20 bis 40 Jahren Verzögerung zeigen, bringt Schönwiese den Begriff der „intergenerationellen Gerechtigkeit“ ins Spiel. „Wir verursachen heute, worunter unsere Enkel werden leiden müssen.“ Es gehe daher heute darum, die Auswirkungen abzumildern – durch gemeinsame internationale Anstrengungen, Anpassungsforschung und umweltschonende Energiepolitik. Stoppen lasse sich der Wandel nicht mehr, glaubt der Forscher. Er ist auch nicht allzu optimistisch, was ein Umdenken und Handeln angeht. „Alle reden vom Klimawandel, aber kaum einer ist bereit, etwa aufs Auto zu verzichten.“ Schönwiese jedenfalls fährt seit Jahren mit der Bahn und öffentlichen Verkehrsmitteln.

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