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Ein unauffälliges Zeichen: Die Straßenbahn steht still, aus Anlass der bundesweiten Schweigeminute.

Gedenkminute für Opfer der Neonazi-Morde

Schweigen und Schreien

Die Straßenbahnen stehen still: Wie Frankfurter die Gedenkminute für die Opfer der Neonazi-Morde erleben.

Von Johannes Kral und Ursula Rüssmann

Melde dich, sobald es etwas Neues gibt“, sagt der Mann im dunklen Anzug, klappt sein Handy zu und widmet sich wieder der Börsenzeitung. Wir sind in der U-Bahn, es ist kurz vor zwölf Uhr, die Bahn verlässt die Konstablerwache Richtung Preungesheim. Ein ganz normaler Tag. Noch.

Planmäßiger Halt an der Musterschule. Einige Fahrgäste steigen aus, neue kommen dazu. Normalerweise würde die Bahn jetzt weiterfahren. Nicht heute. Es ist wenige Sekunden nach zwölf, als eine Durchsage aufklärt: „Verehrte Fahrgäste, wir gedenken nun der Opfer rechtsextremistischer Gewalt. Der Betrieb steht für einen Augenblick der Ruhe still.“

Bundesweite Schweigeminute

Die bundesweite Schweigeminute für die Opfer der Neonazi-Morde, von Gewerkschaften und Arbeitgebern initiiert, hier wird sie spürbar. Im Abteil schweigen die Gäste. Still ist es aber nicht. Aus den Kopfhörern zweier Jugendlicher summt leise Hip-Hop. Touristen aus Shanghai rascheln mit dem Stadtplan. Ein Handy klingelt. Der Mann im Anzug drückt den Anrufer weg. Die Neuigkeiten müssen warten.

Auch einige Passanten auf der Straße schließen sich spontan der Gedenkminute an und halten inne. „Ich finde es gut, dass wir den Opfern der Neonazis gedenken“, sagt eine junge Krankenschwester, als die Bahn wieder ins Rollen kommt. „So können wir gemeinsam zeigen, dass wir Fremdenhass in Frankfurt nicht tolerieren.“ Eine pensionierte Lehrerin findet eine Gedenkminute zu wenig. „Mir ist nicht nach Schweigen zumute. Ich hätte lieber eine Minute lauthals geschrien.“ In der Schule zögen die stillen Kinder zumeist den Kürzeren. Die lauten fänden schnell Beachtung: „Warum machen wir nicht einmal eine Schreiminute?“

Ortswechsel. Ilse Schreiber ist kurz nach zwölf bepackt mit Einkaufstaschen auf dem Paulsplatz unterwegs. „Das ist wegen dem Holocaust“, sagt sie zur Gedenkminute – nicht ganz richtig, aber irgendwie auch nicht ganz falsch. Hat sie denn mitgemacht? Leider nein. „Ich bin so in Eile.“ Aber nötig sei so was auf jeden Fall. „Wissen Sie, ich bin selbst Flüchtlingskind. Man muss sich um die anderen kümmern. Wir sind doch alle nackt auf die Welt gekommen!“

„Das nutzt doch nichts, genauso wenig wie Kerzen anzünden.“

Rentner Dieter Stirn, mit seiner Frau Inge Ammermann zum Museumsbesuch in Frankfurt, hält nicht viel vom Schweigen: „Das nutzt doch nichts, genauso wenig wie Kerzen anzünden.“ Na ja, widerspricht Ammermann, „vielleicht doch, es ist ja ein Zeichen“. Jedenfalls wissen sie, dass es um zwölf Uhr „um diese Nazi-Morde“ ging. Das ist deutlich kenntnisreicher als in der Paulskirche, der Wiege der deutschen Demokratie: Die junge Aufsicht des Ausstellungsraums ist ahnungslos.

Nicht so im Rathaus. Vom Pförtner bis zum Abteilungsleiter – wen man auch fragt, alle nicken wissend beim Stichwort „heute um zwölf“. Immerhin hat die Stadtregierung alle Mitarbeiter vorher informiert. Aber mitmachen? Pförtner: „Keine Zeit.“ Michael Fella, Vize-Geschäftsführer der CDU-Fraktionsfraktion: „Ich hatte leider gerade einen externen Anruf. Aber dran gedacht hab ich, damit ist der Zweck ja erfüllt.“ Auch Abteilungsleiter Manfred Müller im Büro der Stadtverordnetenversammlung war gerade im Gespräch. Aber er schätze die Aktion hoch, sagt er, „vor allem wegen der Jüngeren, die oft gar nicht wissen, was hier in Deutschland mal war“.

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