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Hermann Düringer vor der Peterskirche in Frankfurt, wo er von 1975 bis 1982 als Pfarrer tätig war.

Die 68er in Frankfurt

„Man sang Choräle gegen die Studenten“

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Erst besetzte er die Frankfurter Peterskirche mit, dann wurde Hermann Düringer dort Pfarrer. Ein Gespräch über die Revolte 1968 in der Kirche.

Herr Düringer, Sie wollten Pfarrer werden und kamen 1967 zum Studium an die Frankfurter Universität. Wie war die Atmosphäre damals?
Ich kam nach Frankfurt an das Theologische Konvikt in der Freiherr-vom-Stein-Straße, um Griechisch und Hebräisch zu lernen für mein geplantes Theologiestudium. Ich habe mich zusätzlich bei den Philosophen eingeschrieben. Ein Jahr zuvor hatte ich in einem „Arbeit und Leben“-Seminar den späteren Sexualwissenschaftler Günter Amendt kennengelernt, der beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) aktiv war. Der hat mich stark motiviert. Es war großartig, wie er mit uns Schiller und Brecht gelesen hat und wie er das mit der Kritischen Theorie Adornos verband. Deswegen habe ich mich dann bei Adorno eingeschrieben.

Sie haben ihn gehört?
Ja. Zwei Semester lang habe ich keine Vorlesung von ihm versäumt.

Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Die erste Vorlesung, die ich hörte, war Ästhetik. Da verstand ich anfangs nur „Bahnhof“. Das änderte sich im Verlauf des Semesters. Ich hatte mir damals fleißig Notizen gemacht, die habe ich vor kurzem noch mal durchgearbeitet. Die zweite Vorlesung war eine Einführung in die Soziologie. Es ging vor allem um den Positivismusstreit, der mich stark interessierte.

Aber Sie wollten Pfarrer werden.
Das war für mich überhaupt kein Widerspruch. Völlig beeindruckt war ich übrigens von Adorno am 2. Juli 1968. Er kam in die Vorlesung im Hörsaal VI und berichtete, dass am Vortag der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gestorben sei, der Mann, der die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt initiiert hatte. Und Adorno forderte uns auf, den ganzen vollbesetzten Hörsaal VI, uns zu einer Gedenkminute für Fritz Bauer zu erheben. Und ich dachte: Ein solches Ritual? Das kann nicht gutgehen hier, im Hörsaal VI, dem Ort heftiger, manchmal chaotischer Debatten. Aber siehe da: Der gesamte Hörsaal VI stand eine Minute lang schweigend für Fritz Bauer.

War Fritz Bauer damals bei den Studenten ein Begriff?
Ich hatte den Namen schon mal gehört, aber tatsächlich informiert war ich nicht. Aber es gab natürlich Studenten, die schon die Auschwitzprozesse erlebt hatten. Noch mal zu Adorno: Er war einfach imponierend. Die Art und Weise, wie er druckreif vortrug ohne Manuskript. Und was er vortrug, traf den Nerv der Zeit. Ich habe mich von da an weiter mit der Frankfurter Schule beschäftigt und später über den von Adorno geprägten Jürgen Habermas promoviert.

Einerseits genoss Adorno eine gewisse Verehrung bei den Studierenden, andererseits wurde er auch für sein autoritäres Verhalten kritisiert.
Die Beziehungen zwischen Adorno und den Studierenden sind schließlich sehr unglücklich verlaufen. Zunächst mal ließ er die Polizei holen, als sein Institut besetzt worden war. Dann gab es das sogenannte Busen-Attentat von den Frauen auf ihn, als die sich halb auszogen und ein Flugblatt verteilten mit den Worten „Adorno als Institution ist tot.“Es ist tragisch, dass es so endete.
 
Es wird bis heute darüber gestritten, ob nicht die Auseinandersetzungen an der Universität Adorno so verstört hatten, dass sie zu seinem frühen Tod 1969 führten. Freunde erlebten ihn in den Wochen vor seinem Tod als erschöpft und deprimiert.
Ich kann mir das gut vorstellen. Das war schrecklich, ja.

Wie haben Sie das Theologie-Studium und den Protest miteinander vereinbaren können?
Ich habe mein Theologie-Studium von Anfang an so begriffen, dass es darum geht,  die Gesellschaft zu verändern, hin zu mehr Freiheit, Emanzipation und Gerechtigkeit. Schon 1967 wurde dabei Rudi Dutschke für mich enorm wichtig. Den habe ich richtig ein wenig angehimmelt. Als ich an Weihnachten 1967 hörte, dass er in Berlin an Heiligabend in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche nach einem Go-in gesprochen hatte, besaß das für mich etwas Prophetisches. Dutschke hat für mich eine ganz wichtige Rolle gespielt. Am 5. Februar 1968 kam Dutschke nach Frankfurt ...

... und rief zum Sturm auf das US-Generalkonsulat auf.
Und wir sind natürlich hin. Es war das erste Mal, dass ich nass wurde bei einem Wasserwerfereinsatz. Dutschke war eine wirklich beeindruckende, charismatische Persönlichkeit. Ich habe erst später erfahren, welche starken christlichen Wurzeln er besaß ...

... durch seine Eltern in Ostdeutschland.
Ja, genau, in Luckenwalde. Ich bin vor kurzem in Luckenwalde gewesen und finde es beschämend, dass in Luckenwalde nichts an Dutschke erinnert. Während es in Berlin erfreulicherweise eine Straße gibt, die seinen Namen trägt. Theologie-Studium und Protest waren für mich sehr lange eine Einheit. Ich erlebte natürlich auch, dass den Protest ganz stark auch antiklerikale, antireligiöse Strömungen prägten.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Revolutionärer Geist gehörte dazu. Mit den antireligiösen Affekten bin ich gelassen umgegangen. Ich muss gestehen, dass mich eine überhebliche Haltung schützte: „Ihr wisst es nur noch nicht besser.“ Die Beschäftigung mit Adorno war da wichtig, weil Adornos Denken offen war für Theologie. Freunde, die mit mir angefangen hatten, Theologie zu studieren, sind zum Teil abgesprungen. Sie sind zur Psychologie und zur Soziologie gewechselt. Für mich aber blieb die Theologie zentral. Da halfen mir besonders die Schriften von Helmut Gollwitzer. Der brachte die Theologie und die Gesellschaftskritik zusammen.

Die Kirche hat sich 1968 zu einem Schutzraum für den Protest entwickelt.
Ja. Das war schon 1967 so. Ich habe nebenbei nie verstanden, warum man die ganze Protestbewegung nach 1968 benannt hat. Für mich war das entscheidende Jahr 1967. Da entstanden die Proteste nach dem Tod von Benno Ohne- sorg. Und die Evangelischen Studentengemeinden haben sich zum Schutzraum für die Protestierenden entwickelt. Das hat mir sehr imponiert. Der Berliner Bischof Kurt Scharf war vermittelnd tätig. Er hatte viel Verständnis für den Protest.

In Frankfurt kamen die Studenten in die Peterskirche.
Das verlief für die Gemeinde eher beschämend. Zu den Studenten, die dabei waren, gehörte Karsten Voigt, der spätere SPD-Bundestagsabgeordnete. Er hat davon berichtet. Über die Osterfeiertage gab es dann auch hier in Frankfurt die großen Proteste.

Ließ der Pfarrer die Studenten ein?
Brauchte er nicht. Die Tür war offen. Die Gemeinde war versammelt zum Gottesdienst. Die Studenten sind rein, Hans-Jürgen Krahl als Wortführer ist sofort auf die Kanzel gegangen und wollte das Anliegen des Protests erklären. Aber die Gemeinde hat versucht, die Studenten zu vertreiben. Man stimmte Choräle an.

Konnte Krahl sprechen?
Ja, aber ob er gehört wurde, weiß ich nicht. Der Pfarrer war offensichtlich überfordert und unfähig, auf das Anliegen der Studenten einzugehen.

Mit Ihnen zusammen ist später eine ganze Generation junger Pfarrer in die evangelische Kirche gekommen, die durch ’68 sozialisiert worden waren. Hat es einen Aufbruch in der Kirche gegeben?
Ich war Pfarrer in der St. Petersgemeinde von 1975 bis 1982. Viele Gemeindemitglieder warteten darauf, dass sich etwas tat, in der Jugendarbeit zum Beispiel. Meine Tätigkeit als Pfarrer in der Peterskirche habe ich immer auch als Einsatz für den Stadtteil verstanden, zum Beispiel als Mitglied in der Aktionsgemeinschaft Innenstadt. Es ging um Verkehrsberuhigung in den Wohnvierteln und um Belebung der Innenstadt. Man kann es heute kaum glauben: In den 70er Jahren wollte, wer konnte, aus der Stadt raus und ins Umland ziehen oder musste umziehen, weil viele Wohnungen für Büros und Praxisräume zweckenfremdet wurden. Diesem Trend wollten wir entgegenwirken und verhindern, dass in der Innenstadt nur noch ein paar Hausmeisterwohnungen übrig blieben.

Ganz so schlimm ist es nicht gekommen.
Erfreulicherweise. Inzwischen gibt es eher einen starken Zuzug in die Innenstadt.

Hat sich durch ’68 etwas an den Formen des Gottesdienstes geändert?
Ja. Es wurde viel experimentiert. Gottesdienste wurden dialogischer. Ich war befreundet mit Stadtjugendpfarrer Martin Jürges, der später durch den Absturz eines Starfighters getötet wurde. Mit ihm und anderen wurden in der Peterskirche neue Formen von Jugendgottesdiensten mit Bands verwirklicht. Eugen Eckert gründete mit FreundInnen die Band „Habakuk“. Die heutige Jugendkulturkirche in St. Peter ist eine logische Fortsetzung. Insgesamt wurde das Leben in der evangelischen Kirche offener und lebendiger durch Anstöße, die auf die 68er-Bewegung zurückgehen. Nicht zuletzt dadurch, dass Frauen eine stärkere Rolle spielten und durch die Einführung der Frauenordination auch Pfarrerin werden konnten.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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