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Liesel Christ und Wolf Schmidt in der HR-Fernsehserie „Die Hesselbachs“ in den 60er Jahren.

Frankfurter Volksschauspielerin

Liesel Christ wäre heute 100 Jahre alt geworden

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Liesel Christ war „Mamma Hesselbach“ und „Mutter Courage“. Sie zeigte, was der Frankfurter Dialekt künstlerisch und literarisch vermochte.

Zwangsläufig tauchen da die Bilder der Kindheit wieder vor meinen Augen auf. Der Fernsehkindheit selbstverständlich. Obwohl, selbstverständlich war da gar nichts. Meine Eltern besaßen Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts gar keinen Fernsehapparat. Nicht, weil diese schwarz-weiße Flimmerkiste zu teuer gewesen wäre. Nein, mein Vater stand diesem neumodischen Medium grundsätzlich skeptisch gegenüber. Und meine Mutter hörte sowieso lieber ihre Opernplatten, im Sessel vor dem Musikschrank.

Also musste ich sehen, mit acht Jahren, woher ich meine Fernseherfahrungen bekam. Und ich stand dabei ganz schön unter Druck. Denn in der Klasse wurde jeden Werktag morgens natürlich über das geredet, was am Vorabend im Fernsehen gezeigt worden war. Zum Glück besaßen die Buchs, unsere Nachbarn, einen Fernseher, eine riesige hölzerne Kiste, die auf einem gedrechselten Rolltisch im Wohnzimmer stand. Davor auf dem Boden auf dem Teppich saß ich. So lernte ich Liesel Christ kennen.

Am Dienstag würde die gebürtige Frankfurterin, zur Welt gekommen in der Wohnung ihrer Eltern im Nordend, ihren 100. Geburtstag feiern. Wenn sie nicht im Sommer 1996 gestorben wäre. Weit über tausend Menschen strömten damals auf dem Hauptfriedhof zusammen, um Abschied zu nehmen von „unserer Liesel“.

Liesel Christ war „Mamma Hesselbach“

Anfang der 60er Jahre, als ich im Fernsehen der Schauspielerin begegnete, war sie ein Star über Frankfurt und Hessen hinaus. Nicht unter ihrem eigentlichen Namen, sondern als „Mamma Hesselbach“ in der Serie des Hessischen Fernsehens von 1960 bis 1963 und von 1966 bis 1967. In insgesamt 51 Folgen verkörperte sie die resolute „Frau Direktor“ eines Familienunternehmens, eben der Hesselbachs. Eigentlich ging es aber um den „Prototyp der deutschen Hausfrau und Mutter“, um das „Urbild der hessischen Mamma“, wie es der Schauspieler Joost Siedhoff einmal sagte, der in der Serie ihren Sohn spielte.

Da ist das entscheidende Stichwort gefallen: hessisch. Denn als „Mamma Hesselbach“ bereitete die Schauspielerin das vor, was sie mit der Gründung des „Frankfurter Volkstheaters“ 1971 vollendete. Über Jahrzehnte zeigte Christ dann als Prinzipalin dieser Bühne, was der Frankfurter Dialekt künstlerisch und literarisch vermochte. Am 18. Juni 1971 gab es die allererste Premiere des Volkstheaters, damals noch im Großen Saal des Volksbildungsheims am Eschenheimer Turm. Für einige Zeit kreuzten sich in diesem Gebäude das moderne Mundarttheater und das Theater der Neuzeit, denn der Saal war auch die Spielstätte des Theaters am Turm (TAT), das dort seit 1963 der Avantgarde den Boden bereitete.

Liesel Christ riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin

Zusammen mit ihrem langjährigen künstlerischen Leiter Wolfgang Kaus, der im Sommer 2018 gestorben ist, wagte sich Christ an immer ehrgeizigere Stücke in Mundart. 1979 brachte sie den „Urfaust“ im hessischen Dialekt heraus. Immer wieder stand die Schauspielerin selbst auf der Bühne und riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Christ war stolz darauf, dass sie ein neues Publikum für das Theater erschlossen hatte. „Der Arbeiter, der einfache Bürger, der seine Klassiker nicht so kennt wie der, der auf der höheren Schule war“, komme zu ihren Aufführungen, sagte sie einmal.

Ein unvergessener Höhepunkt blieb 1981 die Inszenierung von Bertolts Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. Über Jahrzehnte hatte Christ, die in den 30er Jahren die Hochschule für Musik und Theater in Frankfurt besucht hatte, davon geträumt, diese Titelrolle zu spielen. Jetzt verwirklichte sie sich diesen Traum. Sie erkämpfte sich den Part gegen mancherlei Skepsis, so wie sie sich vieles erkämpfte im Leben. Und die Schauspielerin überraschte damals nicht nur Renate Bang, Kritikerin der Frankfurter Rundschau, durch die Härte, mit der sie die Mutter Courage auf die Bühne brachte. Alles Volkstümliche schien da von ihr abgefallen. 

In den ersten zehn Jahren seines Bestehens zog das Frankfurter Volkstheater 625 000 Besucher an, zeigte 49 Inszenierungen mit knapp 2200 Vorstellungen.

Liesel Christ versuchte aus dem künstlerischen Gefängnis der Mundartrollen auszubrechen

Es wird gerne vergessen, dass Christ schon 40 Jahre alt war, als sie mit der „Mamma Hesselbach“ einem breiten Publikum bekannt wurde. Nach der Schauspielschule hatte sie zur nationalsozialistischen Zeit in Koblenz, Heilbronn, Görlitz auf der Bühne gestanden, hatte Erfolge als Operettensoubrette gefeiert. 1953 gründete sie mit anderen die Landesbühne Rhein-Main, spielte dort zum ersten Mal in Mundart.

Bis zuletzt führte Christ nicht nur das Volkstheater, sondern stand auf der Bühne. Im letzten Jahrzehnt freilich erwiesen sich die Mundartrollen zunehmend als künstlerisches Gefängnis, aus dem die Schauspielerin vergeblich auszubrechen versuchte. Ausflüge ins Fernsehen, etwa als Küsterin Agnes Bebel in der ZDF-Serie „Mit Leib und Seele“, bestätigten zwar ihre Popularität, wurden von der Kritik aber eher ungnädig aufgenommen. Anfang der 90er Jahre brach sie zum ersten Mal zusammen, kehrte noch einmal auf die Bühne zurück. Doch es ließ sich nicht mehr verbergen, dass die Schauspielerin an Demenz litt. Letzte Auftritte überstand sie nur noch mit Hilfe ihrer Kollegen, die ihren Text weitersprachen.

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Ihr Publikum hielt Liesel Christ bis zuletzt die Treue. Nach dem Tod der Prinzipalin führte ihre Tochter Gisela Dahlem-Christ das Haus weiter. Doch am 25. August 2013 fiel im Volkstheater der letzte Vorhang mit dem Stück „La Cage aux Folles“. Heute sieht sich der Schauspieler und Kabarettist Michael Quast mit seiner „Fliegenden Volksbühne“ in der Tradition von Liesel Christ.

Die Gala

„Was fer e Theater“ heißt die Gala, zu der die Volkstheater-Frankfurt-Stiftung und hr2-Kultur für den Dienstag, 16. April, 19.30 Uhr, in das Foyer des hr-Sendesaals, Hessischer Rundfunk, Bertramstraße 8 in Frankfurt, einladen. Es soll an die Schauspielerin und Theaterdirektorin Liesel Christ erinnert werden, die am heutigen Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre.

Wegbegleiter und Freunde erinnern sich. Luca Zamperoni spielte schon als Jugendlicher am Volkstheater und kannte Christ noch persönlich. Der Wirtschaftsjournalist Frank Lehmann stand beim Volkstheater auf der Bühne. Der frühere Focus-Chefredakteur Helmut Markwort spielte in der „Jedermann“-Inszenierung vor dem Frankfurter Dom den Tod.

Karten für 13 Euro sind erhältlich unter 069/ 155-2000 oder unter www.hr-ticketcenter.de. Weitere Informationen gibt es unter www.hr2-kultur.de (jg)

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