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„Mama, du hast alles richtig gemacht“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Musiker Daniel Wirtz in der Kaiserpassage.
Musiker Daniel Wirtz in der Kaiserpassage. © Alex Kraus

Daniel Wirtz ist durch die TV-Show „Sing meinen Song“ bundesweit bekannt geworden. Jetzt ist er für zwei Echos nominiert. Im FR-Interview verrät er unter anderen, in welchem Song am meisten über ihn selbst zu erfahren ist.

Daniel Wirtz trägt Bart zu Wollmütze. Der 40-jährige Frankfurter leidet aber nicht unter der Hipster-Attitüde. Er ist tatsächlich Rockstar.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Wirtz. Sie haben gleich zwei Echo-Nominierungen und eine LEA-Nominierung in der Kategorie „Club-Tournee des Jahres“: Wie fühlt sich das an?
So eine Nominierung ist immer ein Fluch und ein Segen gleichzeitig. Ich war vor acht Jahren schon mal für den LEA nominiert gewesen. Und da habe ich das Ding eben nicht gekriegt, sondern nur den zweiten Platz gemacht. Da habe ich lange dran geknuspert. Zum Trost habe ich mir den LEA aus Pappmachee nachgebaut und mir selbst verliehen (lacht).

Viele Fans schrieben auf Ihrer Facebook-Seite, dass die Echo-Nominierung verdammt spät komme. Wie wichtig war Ihre Teilnahme im vergangenen Jahr bei der Vox-Sendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ mit Xavier Naidoo als Gastgeber für Ihre Karriere?
Meine Musik war nicht besser oder schlechter vor neun Jahren als heute. Nur ist es durch die Show so, dass eine große Öffentlichkeit zum ersten Mal mitbekam, was ich mache.

Sie wurden in der Show als der Typ mit den bösen Schimpfwörtern in seinen Songs verkauft. Bei Ihrem aktuellen Album wird aber wenig geflucht und das F-Wort benutzt. Warum?
In diesen Abschnitt meines Lebens hat mir mal keine Frau das Herz aus der Brust gerissen und mit der hohen Hacke reingetreten. Das ist auch mal okay und dann sind die Songs eben ein bisschen anders.

Mit 15 haben Sie bereits in Ihrer Heimatstadt Heinsberg in Nordrhein-Westfalen mit der Musik angefangen. Mit 23 bekamen Sie einen Plattenvertrag als Sänger der Rockband Sub7even. Mit dem Song „Weatherman“ landeten Sie im Jahr 2000 in den Charts und waren sogar als Starschnitt in der Bravo. Wie sehr hat sich Ihre Musik seitdem entwickelt?
Der Hauptunterschied ist, dass ich früher zu Sub7even-Zeiten über das Wetter gesungen habe und jetzt Platten mache über Sachen, die mir was bedeuten. Da musste ich auch die Sprache wechseln. Also von Englisch zu Deutsch. Sonst hätten mir die Worte gefehlt.

Sie waren mit Sub7even mal Vorband der Böhsen Onkelz. Wie kam es dazu?
Wir bekamen damals die Anfrage, ob wir bei einem Benefizkonzert zugunsten von Opfern von rechter Gewalt, das die Onkelz veranstaltet hatten und das unter der Schirmherrschaft der Ausländerbeauftragten der Stadt Bremen stand, nicht Lust hätten aufzutreten. Wir dachten: „Klar machen wir das, ist ja für eine gute Sache.“ Danach ist aber über uns die Hölle losgebrochen. Plötzlich waren wir eine Band, die mit den angeblichen Nazis spielt, und wurden von Festivals ausgeladen und nicht mehr im Radio gespielt. Am Ende verloren wir sogar unseren Plattenvertrag. Das tat den Onkelz leid, weil eine junge Band, die gerade noch nach Amerika geschaut hatte, wegen ihrer Einladung kein Teil der Popwelt mehr war. Sie haben uns deshalb angeboten, ihre Vorband für 26 Konzerte zu sein. Für uns war das eine gute Schule. Und natürlich hatten wir vorher mit der Band selbst viele Gespräche geführt. Wir hätten die Auftritte natürlich nicht gemacht, hätte ich nur eine Sekunde das Gefühl gehabt, ich wäre mit Rechtsradikalen unterwegs gewesen. Dann hätte ich sofort auf der Hacke umgedreht.

Bei welchem Ihrer Songs erfährt man am meisten über Sie?
„Ne Weile her“ ist sehr persönlich. Ich habe ihn 2006 geschrieben. Offener kann man sein Leben nicht preisgeben. Wenn die Leute mich nicht kennen und den Song zum ersten Mal hören, geht ihnen erst mal der Mund weit auf, denn die erste Textzeile lautet: „Ich hab gefickt, ich hab betrogen. Mich durch’s Leben gelogen.“ Und in dem Kontext geht es weiter und wird nicht schöner.

Sie zogen wegen der Liebe vor zehn Jahren nach Frankfurt. Mit der Frau sind Sie nicht mehr zusammen, aber das Bahnhofsviertel lieben Sie immer noch sehr und leben dort mit Ihrer Freundin und Ihrem gemeinsamen zweijährigen Sohn. Warum dieses Viertel?
Das Bahnhofsviertel war für mich als Musiker prädestiniert, weil ich auch nach 22 Uhr hier noch die Gitarre rauspacken kann. Das geht in keinem anderen Stadtteil. Hier ist immer Lärm und es gibt bis tief in die Nacht vom Döner bis Sushi alles. Ein Traum für jeden Kreativen. Vor fünf Jahren wusste ich, ich will hier für immer bleiben, und habe mir hier eine Wohnung gekauft.

Sie sind auch Teil des Projekts TAB. Mit Kunst- und Musikaktionen soll eine „Entkriminalisierung“ der Taunusstraße stattfinden. Die Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule warf Ihnen und Stadtrat Markus Frank vor, Drogensüchtige aus der Taunusstraße vertreiben zu wollen. Sie wurden wüst angefeindet. Wie war das für Sie?
Ich weiß nicht, ob die Damen und Herrschaften der Frankfurter Hauptschule jemals jemanden in ihrem Freundeskreis an Heroin verloren haben. Ich habe zwei enge Freunde an die Droge verloren. Würde ich nicht Musik machen, wäre ich im sozialen Dienst tätig. Ich fand ihre Kunstperformance vor dem Römer, wo sie so taten, als würden sie sich Heroin spritzen, nicht lustig. Ich habe auf ihre Anfeindungen nicht reagiert, weil ich ihnen nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben wollte. TAB und die vielen kreativen und engagierten Leute im Viertel setzen sich nicht gegen Menschen ein, sondern für ein lebenswertes Bahnhofsviertel. Wir wollen die Taunusstraße entkriminalisieren, und zwar ohne Polizeigewalt oder Polizeikontrolle. In dem Moment, wo es hier Musik und Kunstaktionen gibt, können die Drogendealer nicht mehr ungestört ihren Geschäften nachgehen. Es geht nicht um Gentrifizierung oder darum, Junkies zu vertreiben. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade wird von der Stadt auf der Niddastraße die Fixerbude aufgestockt. Das ist allemal wichtiger für das Viertel, als sich mit neuen Anwohnern zu beschäftigen, die nach ihrem Einzug über einem Nachtclub als erstes Flugblätter gegen Lärmbelästigung verteilen. Das ist nicht das Westend. Hier gehört Lärm dazu.

Sie erzählten mal, dass in Ihrem Elternhaus Musik nie groß zelebriert worden sei. Können Ihre Eltern Ihre Musik heute wertschätzen?
Bei uns zu Hause war es ehrlich gesagt sogar ziemlich still. Diese Ruhe hat mich vielleicht dazu getrieben, so laute Musik zu machen. Meine Mutter ist großer Fan und mein Vater stolz auf mich. Ich musste meiner Mutter aber irgendwann erklären, dass alles mit mir in Ordnung ist. Denn wenn man sich meine ersten drei Alben anhört, kann man sich als Elternteil schon mal hinterfragen: Was habe ich falsch gemacht? (lacht). Ich habe ihr deswegen den Song „Hier“ gewidmet. Die Kernaussage ist: „Mama, mach dir keine Sorgen, du hast alles richtig gemacht.“

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