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Makkabi Frankfurt: Vom ersten Tag an auf Hilfemodus geschaltet

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Von: Timur Tinç

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Makkabäer und Helfer aus Überzeugung: Boris Schulmann (links) und Alon Meyer.
Makkabäer und Helfer aus Überzeugung: Boris Schulman (links) und Alon Meyer. © Monika Müller

Der Sportverein TuS Makkabi hat 400 Geflüchtete aus der Ukraine in Frankfurt untergebracht und tut vieles mehr. Unter anderem können Kinder kostenlos den Sport ihrer Wahl im Verein treiben, außerdem werden weiter Spenden gesammelt.

Vier verpasste Anrufe und 32 Whatsapp-Nachrichten. „Das geht noch“, sagt Boris Schulman schmunzelnd nach dem eineinhalbstündigen Gespräch. In den ersten Wochen des Ukraine-Krieges habe sein Handy gar nicht mehr aufgehört zu klingeln und zu summen. Der 44-Jährige ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs damit beschäftigt, Menschen aus der Ukraine nach Deutschland zu holen, sie unterzubringen, sie zu verpflegen, Formulare für sie auszufüllen und sich in allen anderen Formen um sie zu kümmern. „Wir haben aktuell 400 Menschen in Frankfurt untergebracht“, berichtet er. Mal in privaten Unterkünften, mal in Hotels. Insgesamt 1000 Menschen seien mit der Unterstützung von anderen Helfern ins gesamte Bundesgebiet gebracht worden.

Mit „wir“, meint er seinen Verein, den TuS Makkabi Frankfurt. Wenige Stunden nach Kriegsausbruch hatten sich die Makkabi-Präsidenten in ganz Europa zusammengeschlossen und eine Taskforce eingerichtet. „Binnen 24 Stunden waren wir komplett vernetzt und hatten Kontakt mit Makkabi Ukraine“, sagt Alon Meyer, Vorsitzender des Frankfurter Klubs und Präsident von Makkabi Deutschland. Zum Teil seien Präsidenten der jeweiligen Länder an die ukrainische Grenze gefahren und hätten von dort Makkabäer, aber auch Nicht-Makkabäer aus dem Land gebracht. „Wir machen da keine Unterschiede“, betont Schulman. Er hat die Koordination für Makkabi Frankfurt übernommen, da er selbst aus der Ukraine stammt und Russisch spricht.

Schulman ist in Czernowitz geboren, mit einem Jahr kam er nach Deutschland. Er ist Schriftführer beim TuS Makkabi und im Gemeinderat der jüdischen Gemeinde. „Am dritten Tag nach Kriegsausbruch waren die ersten Leute hier“, erzählt der Immobilienverwalter. Über bekannte Hoteliers hat er Unterkünfte organisiert. Ausnahmslos alle seien sofort hilfsbereit gewesen. „Anfangs war das überschaubar. Ich bin mit den Leuten einkaufen gegangen, wir haben abends eine Pizza bestellt und anderntags Frühstück organisiert. Aber dann ging es richtig los.“

50 bis 100 Menschen kamen täglich aus den Kriegsgebieten in Frankfurt an. Schulman erreichten verzweifelte Anrufe von Geflüchteten, die seine Nummer als Kontaktperson bekommen hatten. „Mich hat eine Frau mit einem Säugling von der ukrainisch-polnischen Grenze angerufen und gefragt, wo sie hin soll“, berichtet er. Es seien immer Akutsituationen, die sofort gelöst werden mussten. Nach einer Woche aber habe er sein Handy ausgeschaltet, wenn er zu Bett ging. Aus Selbstschutz. „In letzter Zeit schlafe ich aber auch sehr schlecht“, gibt er zu. Die vielen Gespräche mit Geflüchteten seien belastend. „Es ist ein Horror. Eine ganz, ganz schreckliche Situation“, sagt Schulman. Die Menschen fliehen nicht nur vor dem Krieg, sie müssen an der Grenze Entscheidungen treffen. Verlassen sie ihre Männer, Söhne und Brüder und gehen weiter, oder bleiben sie doch in ihrem Land?

„Die Leute, die weitergegangen sind, kommen in den ersten Tagen aus dem Weinen nicht mehr heraus“, sagt Schulman. Kürzlich sei ein junger Mann angekommen, der seinen todkranken Vater zurückgelassen und gefilmt habe, wie dieser vor dem Bombenhagel in den Wald geflüchtet sei. „Der hatte zerrissene Schuhe, gar nichts bei sich. Wie soll dieser Mensch hier ankommen? Der braucht psychologische Betreuung vom ersten Tag an“, sagt Schulman. Menschen jüdischen Glaubens vermittelt er an die Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde. Diese gehe auch in die Hotels und betreue die Menschen vor Ort, auch Nichtjuden. „Viele Freiwillige, die geholfen haben, hören auf, weil sie es psychisch nicht mehr können.“

Parallel zu den Unterbringungen wurden auf der Tennis- und Squashanlage des TuS Makkabi zusammen mit dem jüdischen Studierendenverein Sachspenden gesammelt. Sechs Fahrzeuge reichten nicht, um alles zu transportieren. Daraufhin wurde ein Bus, der Menschen nach Frankfurt gebracht hat mit Medikamenten, Kinderkleidung, Hygieneartikeln und Lebensmitteln gefüllt. „Wir hatten den Vorteil, dass wir die Sachen direkt in die Ukraine bringen konnten“, sagt Schulman. Wegen der Bombenangriffe auf Lemberg sei das nun nicht mehr möglich. „Ob wir eine neue Route finden, müssen wir sehen.“ Der letzte Bus sei am Donnerstag von dort abgefahren.

Die ersten ukrainischen Kinder nehmen das kostenlose Sportangebot des Vereins wahr, Schwimmen, Fußball, Taekwando, Krav Maga, und bekommen dafür die entsprechende Kleidung gestellt. „Wir wollen die Menschen auch miteinander vernetzen“, sagt Meyer. Wenn das Wetter wärmer wird, soll es ein Treffen auf dem Sportgelände samt Mittagessen zwischen Geflüchteten und Helfer:innen geben. „Das ist nicht nur ein Angriff auf die Ukraine, sondern auf unsere demokratische Werteordnung und auf uns alle“, sagt Meyer. Heute sei es die Ukraine, morgen Lettland, übermorgen Polen. „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen.“ Es sei ein demokratisches Prinzip, in Not geratenen Menschen zu helfen. „Man tut das ja in erster Linie auch für sich selbst, um in den Spiegel schauen zu können.“

Boris Schulman findet, dass die Stadt nach drei Wochen mittlerweile ganz gut organisiert ist. In den ersten Tagen und Wochen sei es schwierig gewesen. „Die Stadt muss bei den Hoteliers aber finanzielle Klarheit schaffen, wie es weitergeht.“ Dann werde es höchstwahrscheinlich mehr Zimmer geben. Im Moment neigten sich die Unterbringungsmöglichkeiten dem Ende zu.

Die meisten Fragen, die er gestellt bekommt, sind: Wann können die Kinder in die Schule? Wann können wir Sprachkurse machen? Wann können wir arbeiten? Wie geht es weiter?

„Es geht das Gespenst herum, die Leute müssten wie die syrischen Flüchtlinge damals in Turnhallen“, erzählt Schulman. Er setze sich jedoch dafür ein, dass die Menschen, die er nach Frankfurt gebracht hat, auch hier bleiben können. In die Hotels werden Hygieneartikel, Kleidung, Spielsachen gebracht, die Geflüchteten könnten sich bedienen. „Wir haben auch ein Netzwerk von russischsprachigen Ärzten, an die sich die Menschen wenden können.“

Der ganze große Teil der Flüchtlinge hoffe, schnell wieder in die Ukraine zurückkehren zu können. Wenn die Menschen aber erst einmal realisierten, dass ihre Städte kaputt und womöglich ihre Liebsten gestorben sind, „kommt auf uns noch eine große Welle von psychologischer Betreuung auf uns zu“, befürchtet Schulman. Schnell zu Ende gehen sieht er diesen Krieg nicht.

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