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Mag Literatur und Sprachen: Brigitta Leiße in ihrer Buchhandlung Südseite.

Frankfurt-Bahnhofsviertel

„Die Kunden sind sehr verwöhnt“

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Buchhändlerin Brigitta Leiße spricht im FR-Interview über ihr Geschäft mit den Sprachen und wie es dazu kam. Ihr Motto lautet: Beratung statt Schnelligkeit.

Frau Leiße, wie kam es zur internationale Buchhandlung im Bahnhofsviertel?
Durch Giuseppe Zambon, ein Italiener, der Anfang der 70er Jahre nach Frankfurt kam. Er sah, dass die Gastarbeiter nichts zu lesen hatten und hat angefangen, italienische Bücher einzuführen und einen Vertrieb für Buchhandlungen und Bibliotheken aufzubauen. Als er sah, dass italienische Bücher nicht reichen, hat er andere Sprachen hinzugenommen, wie Spanisch, Portugiesisch, Griechisch. Nachdem ich ihn kennengelernt habe, haben wir uns gedacht, wir könnten auch selbst eine Buchhandlung aufmachen. Im Vertriebslager in Bockenheim war es zu chaotisch dafür. Wir wollten den Kunden die Möglichkeit geben, die Bücher in Regalen anzuschauen. Als wir anfingen, war Zambon für die Mittelmeersprachen zuständig und ich für Deutsch, Französisch, Arabisch, Persisch und Polnisch.

Woher kommt Ihre Leidenschaft?
Ich bin ein Sprachfreak. Und auch ein Literaturfreak. Ich kam aus dem Buchhandel, hatte also eine Basis. Zuvor habe ich in einer Buchhandlung im Hauptbahnhof gearbeitet und war dort für die fremdsprachigen Bücher zuständig. Als es losging mit unserer internationalen Buchhandlung, wollte ich wissen, was wir da haben. So habe ich mich durch die Länder gelesen – und das war ein großes Fest.

Welche Sprachen sprechen Sie?
Ich habe in verschiedenen Ländern gelebt: Frankreich, England, Spanien. Dort habe ich die jeweiligen Sprachen gelernt. Italienisch kam dann von alleine – durch den Umgang mit Giuseppe Zambon, Kunden und bei Aufenthalten in Italien. Ich habe schon in der Schule mit Latein meine große Freude gehabt.

Wie viele Sprachen haben Sie im Angebot?
Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Arabisch, Persisch. Früher hatten wir auch andere Sprachen wie Albanisch, Serbokroatisch, Hindi und Bengali. Mittlerweile haben wir aber die Kontakte nicht mehr und auch das Angebot hat sich verändert, es wurde schwierig, echte Nationalliteratur zu besorgen. Im Deutschen haben wir ein ausgesuchtes Sortiment und viele internationale Autoren auf Deutsch, von denen wir auch die Originaltexte haben. Die Leute sind sehr begierig nach internationalen Autoren. Wenn wir viel lesen und gut auswählen, dann freuen die sich über die Auswahl. Es kommen genug Leute, die beraten werden wollen.

Leben Sie mehr von Stammkunden oder von Laufkundschaft?
Vor allem von der Stammkundschaft. Die kommt aber auch aus anderen Städten. Wenn sie sich in Frankfurt aufhalten, kommen sie vorbei und sind erfreut, wenn sie uns sehen. Es gibt aber auch Leute, die uns neu entdecken, wie etwa Touristen. Allerdings sind es mehr deutsche als ausländische Kunden.

Was wird besonders nachgefragt?
Die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und Michel Houellebecq sind vor Weihnachten sehr gut gegangen. Bei den Spaniern sind es zum Beispiel Rafael Chirbes und Roberto Bolaño. Auf Englisch ist das mit dem Man Booker Prize ausgezeichnete „A Brief History of Seven Killings“ von Marlon James beliebt.

Welche Bücher können Sie empfehlen?
Es gibt so viele! Wenn ich anfange, höre ich nicht mehr auf. Was ich wunderschön finde, ist „Der Garten über dem Meer“ von Merce Rodoreda. Sehr poetisch, sehr gut beobachtet und sehr spannend. Auch zu empfehlen ist „Der falsche Inder“ von Abbas Khider und „Aber der Himmel – grandios“ von Dalia Grinkeviciute. Es gibt so viele schöne Sachen …

Wie läuft das Geschäft?
Es ist schwieriger geworden, weil man merkt, dass die Leute immer mehr im Internet bestellen. Sie sind sehr verwöhnt, sie wollen die Bücher schon in zwei Tagen aus Honolulu haben, obwohl es oft nicht notwendig ist. Man kann auch ein bisschen warten.

Wie kann sich der stationäre Buchhandel behaupten?
Kann ich nicht sagen. Wir sind bemüht, uns zu informieren und viel zu lesen. Wir tun alles, um den Kunden gut zu beraten. Da sehe ich eine Chance. Aber es müssten mehr Leute umdenken und den stationären Buchhandel frequentieren. Buchhandlungen sind Treffpunkte, wo man sich unterhält. Wir geben Tipps und kriegen auch Tipps von den Kunden. Eine ganze Kultur geht verloren, wenn kleine Buchhandlungen wegfallen.

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