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Die Kamera aus massivem Mahagoniholz ist ein Erbstück von Uwe Behrendts Urgroßvater.

Kultur

Magische Fotografien in Frankfurt

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Der Fotograf Uwe Behrendt bannt mit der Kamera seines Urgroßvaters Bilder auf Glasplatten.  

Jetzt bitte ganz still sitzen, nicht wackeln, nicht zittern. Der Fotograf Uwe Behrendt nimmt den Verschluss von seiner gut 120 Jahre alten riesigen Kamera, die ausschaut wie aus einem Stummfilm, und zählt. 20 Sekunden können sehr, sehr lang sein, selbst wenn mein Nacken in einer Stütze steckt, die unerwünschte Bewegungen fixieren soll. Wie ich in die Kamera schauen, welche Drehung mein Kinn haben soll, das hat Behrendt zuvor auf den Millimeter genau arrangiert.

Mein Handy besitze ich seit gerade mal zwei Jahren, es war schon ein paar Mal mit im Urlaub, und auf der Speicherkarte befinden sich aktuell 11 019 Fotos. Für die allermeisten wird sich wohl niemand jemals wieder interessieren, nicht einmal ich selbst. Die Welt ertrinkt in einer gedankenlos geknipsten Flut an Bildern. Sie kosten nichts und sind unendlich reproduzierbar. Selbst schlichte kleine Kameras haben inzwischen eine technisch so raffinierte Ausstattung, dass Schärfe und Belichtung sich von selbst regeln. Was für Welten liegen zwischen Uwe Behrendts historischer Plattenkamera und meinem Mobiltelefon mit Foto-Funktion!

Behrendt entstammt einer Fotografenfamilie, deren Tradition ehrfurchtgebietend ist. Die schwere Kamera mit dem Mahagoni-Gehäuse, mit der er heute – nach einer langen und erfolgreichen Karriere als Werbefotograf, damals natürlich mit der neuesten Technik – fotografiert, ist dieselbe, mit der schon der Urgroßvater arbeitete; in allen Generationen seither gab es Profi-Fotografen. Die Kamera hat die Flucht aus Ostpreußen überstanden und funktioniert auch heute noch tadellos.

Wer Uwe Behrendt mit seiner uralten Kamera Modell sitzt, muss lange stillhalten – die Belichtungszeit kann auch mal 20 Sekunden betragen.

Mit ihr bannt Behrendt Bilder auf postkartengroße Glasplatten, in einem von dem Briten Frederic Scott Archer im Jahr 1851 entwickelten Verfahren, der Collodion-Wet-Plate-Fototechnik. „Das war im Vergleich zur Daguerrotypie ein großer Fortschritt. Da musste man stundenlang stillsitzen für ein Porträt“, sagt er.

Die Bilder, die in seinem kleinen Atelier am Frankfurter Dornbusch entstehen, sind Werke, die im Gedächtnis bleiben, die einen eigenartigen Zauber ausstrahlen. Wenn man Behrendt beim Arbeiten zuschaut, merkt man, dass jeder Handgriff sitzt, dass der Fotograf die komplexen Abläufe schlafwandlerisch sicher beherrscht. Trotzdem ist es ein Verfahren, das Zeit und große Sorgfalt benötigt. Lange hat er selbst mit Chemikalienlösungen, Belichtungszeiten und Entwicklerbädern experimentiert. „Manchmal ist es verhext“, sagt er. „Es wird entweder gut oder gar nix.“

Behrendts historische Kamera ist eine Diva, das Verfahren abhängig vom Wetter und der Luftfeuchtigkeit, von der Temperatur und der exakten Mischung der Chemikalien. Und trotz der langen Erfahrung des Fotografen bleibt auch ein Überraschungsmoment, wenn die Glasplatte schließlich entwickelt ist. Das macht vielleicht den besonderen Reiz aus.

Betrachtet man Behrendts Bilder von bekannten Frankfurtern wie dem früheren Leistungsschwimmer Michael Groß, der HR-Journalistin Anja Kohl oder dem SPD-Politiker Turgut Yüksel, sind diese ganz eigenartig aus der Zeit gefallen. Ob Prominente oder Unbekannte porträtiert sind, tut der Wirkung keinen Abbruch, die Fotografien irritieren mit ihrem Changieren zwischen historischer Aufnahme, die irgendwann im 19. Jahrhundert im Wilden Westen entstanden sein könnte, und Gegenwartsfotografie. Erstmals sind Uwe Behrendts Porträts nun in einer großen Einzelausstellung in Frankfurt zu sehen, die am kommenden Dienstag, 17. September, eröffnet wird.

Wer Behrendt Porträt sitzt, der muss viel Zeit mitbringen. Vielleicht liegt darin auch ein Geheimnis dieser Bilder: Die Gesichtszüge entspannen sich mit dem Stillsitzen irgendwann, posieren kann man einfach nicht so lange. Die Kamera macht etwas Verborgenes sichtbar. Ich habe mich immer über Menschen gewundert, die behaupteten, ich sähe meinem verstorbenen Vater so ähnlich – in Behrendts Porträt nehme ich selbst erstmals die Ähnlichkeit wahr.

Uwe Behrendt, ein Selbstbildnis mit Plattenkamera.

Fotografie ist bei dem gebürtigen Niedersachsen, der im Januar 1966 nach Frankfurt zog und seither hier lebt, nicht nur eine hohe Kunst, sondern auch ein bewundernswertes Hand-Werk im wahrsten Wortsinne. FR-Fotograf Peter Jülich, der dem Kollegen bei seiner Arbeit über die Schulter schauen darf, ist begeistert von den Geräuschen, dem Rascheln des Stoffs, der den großen Sucher der Kamera verdeckt, oder dem leisen Rumpeln der Platten, die ins Gehäuse eingesetzt werden.

Ein Klicken hingegen gibt es nicht, hier verschließt ein Deckel das Kameraobjektiv, wird per Hand abgenommen und wieder aufgesetzt, wenn die Platte belichtet ist. Behrendt verwendet schwarzes Glas, so entsteht kein Negativ, sondern gleich ein Positiv, das abgescannt werden kann – da begegnen sich dann doch ganz alte und ganz neue Technik.

Schlieren und Streifen können beim Fotografieren und Entwickeln entstehen, das macht einen ästhetischen Reiz aus. Behrendt kennt viele Tricks, variiert die Beleuchtung, spielt mit dem Licht. Doch nicht immer gefällt ihm das Ergebnis. Bei unserer Porträtsitzung – im Atelier ist es sehr warm – gibt er sich erst mit der fünften Aufnahme zufrieden.

Das heißt, vier Mal eine Platte vorbereiten, vier Mal entwickeln, vier mal Enttäuschung beim Fotografen. Und natürlich vier Mal sehr lange stillsitzen – denn schon bis ein Bild arrangiert und die Kamera vorbereitet ist, dauert es viele Minuten. Zwar ist das Material Silberjodid sehr teuer, die Glasplatte lässt sich aber immer wieder abwaschen und wiederverwenden.

Behrendt macht alles selbst, vom Beschichten des Glases mit dem süß riechenden Klebstoff Kollodium und dem dünnen Überzug aus teurem Silbernitrat über das Arrangieren und Ausleuchten seiner Modelle bis zum Entwickeln in einer kleinen zeltartigen Dunkelkammer. Das alles muss schnell gehen, vom Herrichten der Glasplatte bis zum selbst gemischten Entwicklerbad bleiben nur wenige Minuten.

Dass es diesmal technische Schwierigkeiten gibt, hat aber wohl doch einen anderen Grund als die Temperatur. Eine an diesem Tag erstmals in Betrieb genommene Laborlampe passte nicht zu der alten Technik.

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