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„Echte Witzfiguren vor gefälschten Picassos“, eines der Schlüsselwerke.

Ausstellung

Der Magier des Undenkbaren

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Das Caricatura-Museum feiert den großen komischen Künstler Ernst Kahl mit einer Ausstellung zum 70. Geburtstag.

Mit Ernst Kahl können einem die tollsten Dinge passieren. Mal abgesehen vom Inhalt seiner Werke, wenn etwa ein Hakenkreuz-Ärmel-Mann zum Gröfaz sagt: „Heil!“, der Führer antwortet: „Kräuter!“ , und der Dritte im Raum trocken bemerkt: „Der Führer wird langsam tüdelig“.

Nein, auch im echten Leben ist Ernst Kahl für Überraschungen gut. Man fährt arglos ins hinterletzte Dorf an der Ostsee und begegnet dem genialen Künstler im Forsthaus Hessenstein, respektive zweien seiner Gemälde aus dem Zyklus fatal stolpernder Restaurant-Servicekräfte, die mit verklärtem Blick im Begriff sind, dem Gast die Suppe vor die Brust zu pfeffern. Auf der Herrentoilette des Landgasthofs gewahrt der Besucher alsdann ein exzellentes Ausstellungsplakat, das an eine zurückliegende Kahl-Schau in Australien (!) erinnert und käuflich zu haben ist. Wer es erwirbt, schafft die Voraussetzung dafür, dass der Künstler kurze Zeit später wie durch ein Wunder 70 Jahre alt wird und aus diesem Anlass eine Ausstellung in der Caricatura ziert, dem Frankfurter Museum für Komische Kunst.

Da ist nun vom 7. Februar bis zum 12. Mai eine erkleckliche Zahl Kahl’scher Werke ausgestellt, darunter 100 Acrylgemälde, 180 Tuschezeichnungen und Aquarelle, dazu Collagen, Motivteller, Audio- und Videoinstallationen sowie eine royale Arschhaarsammlung. Dazu später mehr. Zunächst die lobenden Worte des Museumsleiters Achim Frenz, der Kahl – auf sanften Druck Kahls – als schönsten Künstler der Welt bezeichnet sowie dessen Ausstellung wie üblich als schönste Ausstellung der Welt im schönsten Museum der Welt. Einen „Feingeist der Hochkomik“ heißt er den norddeutschen Alleskönner, einen „Magier des Undenkbaren“.

Ernst Kahl, geboren am 11. Februar 1949 im Kreis Plön, besuchte die Schule in Tröndel, verkaufte Antiquitäten in Lütjenburg – und holte später so viele Preise als Künstler, dass ihm die Caricatura nun eine große Ausstellung zum 70. Geburtstag widmet. Die Eröffnung ist am heutigen Mittwoch, 18 Uhr, die Laudatio hält Filmregisseur Detlev Buck. ill

Das kommt nicht von ungefähr. Immerhin startete der junge Ernst Kahl vielversprechend ins Leben: Nach einer abgebrochenen Lehre als Klischee-Ätzer entfloh er 17-jährig dem Elternhaus, 30 Mark in der Tasche, brach das Studium an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste ab, die ihn ohne Abi und ohne Eignungsprüfung aufgenommen hatte, arbeitete als Leichenwäscher im Krankenhaus und Hilfslehrer auf der Hallig Hooge. Später trat er mit Diashows in Kneipen auf („Buenos Dias“), musizierte in der Chaos-Combo „Die Trinkende Jugend“ und schaffte folgerichtig 1985 den Durchbruch mit seinem Buch „Bestiarium Perversum“ über absonderliche Tiere, die es nicht gibt.

Ernst Kahl schrieb die Drehbücher zu den Kultfilmen „Werner beinhart!“ (1989) und „Wir können auch anders“ (1993), er begann vor mehr als 20 Jahren die Zusammenarbeit mit Filmemacher Detlev Buck, der auch am Mittwochabend die Laudatio bei der Eröffnung hält. Der Kurzfilm „Der Lober“ (1996) zeigt beide gemeinsam in einer der Videoinstallationen der Schau. Buck: „Wie geht’s dir, so allgemein?“ Kahl: „Ja, ich würd’ sagen, man atmet“.

Das tut er glücklicherweise immer noch, auch wenn ihm die Folgen einer schweren Operation das Sprechen erschweren. „Früher war meine Stimme glockenhell!“, sagt er und lässt sich nicht davon abhalten, aus eigenen Werken abendfüllend zu zitieren. Und aus dem eigenen Leben. Da soll es sich weiland zugetragen haben, dass die Prinzessin Tatjana von Hessen ihn, die arme Kirchenmaus, aufsuchte, und „unglaubliche fünf Bilder“ auf einmal kaufte: „Plötzlich war Geld im Haus“. Heute soll ihro Hoheit mehr als 70 echte Kahls ihr Eigen nennen.

Apropos Hoheiten. Auf kleinen roten Kissen präsentiert Kahl in der Caricatura „The Royal Arse-Hair-Collection“. Es finden sich dort Einzelstücke aus der Gesäßbehaarung von Queen Mom, Theresa May, Lawrence von Arabien, David Beckham, Sir Elton John, Queen Victoria und Sir Winston Churchill. Befragt, wie er an die Preziosen kam, holt der Jubilar weit aus. Sein Urgroßonkel sei „an der Front mit Hitler“ gewesen und bei der Gelegenheit bereits Inhaber eines wertvollen Sammlungsfundaments geworden. Später habe er, Kahl, die Haarauswahl von seinem Onkel James McCrawford übernommen. Noch später sei ein Gitarrist seiner Band ausgestiegen, weil ihm die Sache mit Adolf Hitlers Arschhaar zuwider gewesen sei, auch wenn Kahl zu beschwichtigen versucht habe: „Stell dich nicht so an, ist doch nur ein Arschhaar!“ 

Die herrliche Ausstellung bietet darüber hinaus eine Vielzahl von Zeichnungen, Postkarten, illustrierten Reisetagebüchern, Entscheidungshilfen zwischen Christentum und Hinduismus („Gute Religion“ oder „Scheißreligion“?), Tyrannen auf Briefmarken, den Klassiker „Wie schmeckt der Clown?“ – „Irgendwie komisch“, filmische und musikalische Kooperationen etwa mit Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun. Die Schau zeigt mal Strichmännchen, mal ganz feine Kunst. Und viel Obszönes. Das grandiose Werk „Unvergessen - die Muslimbrüder, Werner Muslim und Günther Muslim“ ist nebst zahllosen weiteren Abbildungen im ebenso grandiosen Ausstellungskatalog enthalten.

Ostsee-Urlauber jedoch werden fortan mit einer bitteren Wahrheit leben müssen. Das Melbourne-Plakat auf der Toilette des Forsthauses Hessenstein, sagt Ernst Kahl: „Das ist ein Fake“.

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