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Gedankenaustausch am wiederaufgebauten chinesischen Pavillon.  

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Experimentelle Städtetour in Frankfurt

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Eine experimentelle Städtetour durch Frankfurt macht ihrem Namen Ehre.

Die uralte Menschheitsfrage „Wer macht denn so was?“ ist manchmal unmöglich zu beantworten. Und manchmal ganz leicht.

Stellt man die Frage bezüglich „experimentelles Reisen“ in Frankfurt, lautet die Antwort ganz klar: Katrin Geisler. Seit sie aus der Wiesbadener Diaspora wieder in ihrer Heimatstadt ist, hat sie die Lust gepackt, Frankfurt zu erkunden. Am besten in Gesellschaft. Und auf originelle Art. Die Idee dazu stammt nicht von ihr, sondern aus dem Buch „Lonely Planet Guide to Experimental Travel“, das Rachael Antony und Joel Henry 2005 herausgebracht haben und das die Möglichkeiten der Stadtentdeckung durchaus erweitert.

Es ist die zweite Entdeckungstour, zu der sich mehr als ein Dutzend Mitgeher am frühen Nachmittag vor dem Günthersburgpark trifft. Diesmal hat man sich die griechische Mythengestalt Ariadne zur Leitfigur genommen, deren Faden es Theseus ermöglichte, das Labyrinth zu durchqueren und den Minotaurus totzuschlagen.

„Welche Orte in Frankfurt sind für euch bedeutsam?“, hatte Geisler zuvor die Teilnehmer auf der Internetplattform Meetup gefragt und anhand der Antworten einen roten Faden abseits der üblichen Touristen-Trampelpfade durch die Stadt gesponnen. Ein paar von der ersten Tour sind wieder mit dabei, aber auch ein paar Novizen, Alt- und Neubürger sind dabei, Zugereiste aus Stuttgart, sogar ein junger Mann aus Syrien, der erst seit kurzem in Frankfurt ist und die Stadt besser kennenlernen will.

Fernweh ins grüne Wien gemildert

Der Treffpunkt ist zugleich auch die erste Station der Tour: der säende Mann, der als Denkmal die Besucher des Günthersburgparks begrüßt. „Sei frei, immer“ hat ein Unbekannter darauf gesprayt, und Geisler weiß, dass dieser Spruch immer wieder entfernt wird, um kurz darauf wieder aufzutauchen, mit so unerschütterlicher Gewissheit wie der Blutfleck beim Gespenst von Canterville. Wer macht denn so was? Geisler weiß es auch nicht, aber „auf irgendeine komische Art finde ich das großartig“.

Nicht schlecht für den Anfang, aber spätestens an der zweiten Station, dem Chinesischen Garten im Bethmannpark, bricht endgültig das Eis, als eine Mitwanderin, die sich als Elisabeth vorstellt, ihre schaurige Geschichte erzählt. Als sie vor drei Jahren nach langer Zeit in Wien in ihre Geburtsstadt Frankfurt zurückgekehrt sei, sei ihr vieles etwas grau und trist vorgekommen. Doch schnell habe sie zwei Orte gefunden, die das Fernweh ins grüne Wien gemildert hätten: den Chinesischen Pavillon im Bethmannpark und den Koreanischen Pavillon im Grüneburgpark. Beide fielen kurz hintereinander einem bis heute unbekannten Feuerteufel zum Opfer – und Elisabeth fragte sich: „Wer macht denn so was?“ Und ihre Freunde trösteten sie, aber sie sagte ihnen, das sei ja nicht so schlimm, ihr bleibe ja noch der Goetheturm als verbliebener Lieblingsort. Als der kurz darauf auch abbrannte, „da fing’s dann doch an, unheimlich zu werden“, und ihre Freunde rieten ihr: „Wenn dir wieder mal etwas gut gefällt: Behalt’s für dich!“ Das tue sie seitdem, und der Fluch sei wohl auch gebrochen, denn ihr Lieblingsimbiss, das Dönerboot auf dem Main, sei nicht abgebrannt, sondern lediglich durch eine Bugwelle beinahe zum Sinken gebracht worden.

Angesichts solchen Pechs erinnert sich eine Mitwanderin, dass am Eingang des Chinesischen Gartens ein steinerner Löwe mit einer Steinkugel im Maul steht, die bei Berühren Glück bringen soll. Vor Ort stellt die Gruppe dann entsetzt fest, dass Bösewichter die Kugel geklaut und dafür dem Steinlöwen sogar einen Zahn ausgeschlagen haben. Und schon wieder stellt sich die bange Frage: Wer macht denn so was?

Die Antwort wird auch auf den nächsten Stationen der Tour, darunter illustre Plätze wie der Ort der Stille in der Liebfrauenkirche oder das italienische Konsulat, nicht gefunden. Klar ist aber, dass es demnächst eine dritte experimentelle Stadttour geben wird – „vielleicht mal etwas mit Fahrrad“. Einen Termin gibt es noch nicht, aber wer Interesse hat, sollte ab und an mal auf meetup.com das Stichwort „Experimentelles Reisen“ eingeben.

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