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Lutz Sikorski entwickelte Visionen, die heute noch ihrer Umsetzung harren.
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Lutz Sikorski entwickelte Visionen, die heute noch ihrer Umsetzung harren.

Lutz Sikorski

Visionär fernab von politischen Zwängen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Vor zehn Jahren starb Frankfurts Verkehrsdezernent Lutz Sikorski nach schwerer Krankheit. Seine Arbeit blieb unvollendet - und prägt die Stadtpolitik bis heute.

Es war ein Schock. Und der Anfang vom Ende der rot-grünen Stadtregierung in Frankfurt. Am 23. September 1993 sollte der Grüne Lutz Sikorski zum neuen Umweltdezernenten gewählt werden. Doch er scheiterte: In geheimer Wahl fehlten Rot-Grün vier Stimmen. Blass und still zog sich der 43-Jährige damals aus dem Plenarsaal im Römer zurück.

Mehr als 15 Jahre später erlebte der Verkehrsdezernent Sikorski seinen größten Triumph. Am 19. Februar 2009 wurde die Frankfurter Hauptwache für den Individualverkehr gesperrt, eine Fußgängerzone entstand. Aber der Politiker konnte seine Arbeit nicht vollenden – am 5. Januar 2011 starb er an einer heimtückischen Krankheit. Heute, zehn Jahre nach seinem Tod, muss, wer an den Grünen erinnert, auch über vergebene Chancen in der Politik sprechen.

„Lutz ist unvollendet geblieben, er hatte noch eine Menge Pläne im Kopf“, sagt Rosemarie Heilig, die heutige Frankfurter Umweltdezernentin. Die Grüne war in den 90er Jahren als Fraktionsassistentin enge Vertraute Sikorskis. „Wir waren bis zuletzt miteinander befreundet, und ich empfinde mich ein Stück weit als Testamentsvollstrecker von Lutz Sikorski“, erzählt Klaus Oesterling (SPD), der heutige Frankfurter Verkehrsdezernent.

„Er konnte Politik taktisch und strategisch einfädeln, er hatte wenig Aggressivität in sich, dafür Ruhe und Besonnenheit“, erinnert sich die Grüne Jutta Ebeling, frühere Frankfurter Bürgermeisterin und politische Weggefährtin Sikorskis. „Er war ein guter Freund und er war verlässlich, aber er hat auch Fehler gemacht“, urteilt der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz (SPD).

Sikorski war 1985 ins Stadtparlament gewählt worden. Der Vertreter des realpolitischen Flügels hatte einen Lebensweg hinter sich, der für einen Grünen untypisch war. Er war als Reserveoffizier der Bundeswehr bis zum Hauptmann aufgestiegen und arbeitete dann bei einem Chemieunternehmen. Diese Vorgeschichte prägte den Politiker. Die Grüne Heilig beschreibt ihn als einen Mann „mit Haltung“, der sagte, „wo es langging“. Sikorski sei ein Einzelgänger gewesen, habe vieles mit sich ausgemacht.

Als SPD und Grüne 1989 in Frankfurt um die erste rot-grüne Stadtregierung verhandelten, gehörte Sikorski zu den wichtigen Protagonisten am großen Tisch im Frankfurter Hotel Holiday Inn. Ihm gegenüber saß der Sozialdemokrat Wentz. „Lutz hat in den Verhandlungen immer wieder zum Konsens geführt“, sagt der Ex-Stadtrat. Am Ende entstand im Sommer 1989 eine rot-grüne Koalitionsvereinbarung, die auf 55 Seiten ein umfassendes soziales, ökologisches und städtebauliches Reformprogramm für Frankfurt formulierte. „Es war ein Aufbruch“, so Wentz heute. „Vieles, was 1989 vereinbart worden ist, war visionär“, betont Klaus Oesterling. Rosemarie Heilig nennt als rot-grüne Projekte von 1989 die autofreie Innenstadt, die Verkehrsberuhigung der Berliner Straße und einen Wachstumsstopp für den Frankfurter Flughafen. Nichts davon ist bis heute verwirklicht. „Wenn Lutz 1993 Umweltdezernent geworden wäre und Rot-Grün lange gehalten hätte, wären viele Sachen ganz anders gelaufen“, schätzt die heutige Umweltdezernentin.

So aber musste Sikorski fast 13 Jahre warten, bis er doch noch zum Mitglied des Magistrats gewählt wurde. Der Realpolitiker hielt die Grünen mit eiserner Geduld und großer Beharrlichkeit im Rathaus im Spiel. 1995 brach Rot-Grün im Römer endgültig auseinander, nachdem die Wiederwahl der grünen Dezernentin für Frauen und Gesundheit, Margarethe Nimsch, ebenfalls an vier fehlenden Stimmen gescheitert war. Wer die Stadtverordneten waren, die Sikorski und Nimsch die Unterstützung verweigert hatten, konnte nie aufgeklärt werden. Vieles spricht jedoch dafür, dass Sozialdemokraten des rechten Flügels, denen die rot-grüne Agenda zu weit ging, die Koalition torpedierten. Von 1996 an führte Sikorski mit Geschick die Römer-Fraktion der Grünen. Die Partei näherte sich Schritt für Schritt der CDU an. Im Sommer 2006 schlossen CDU und Grüne ihre erste Koalition im Frankfurter Rathaus, und Sikorski wurde am 13. Juli 2006 Frankfurter Verkehrsdezernent.

Die damalige Bildungsdezernentin Ebeling und Sikorski gehörten bei den Grünen zum Führungskreis, der Schwarz-Grün aushandelte. Ebeling betont heute die enge Abstimmung, die zwischen ihr als Magistratsmitglied und dem Fraktionschef geherrscht habe: „Es passte kein Blatt zwischen uns.“ Diese enge Zusammenarbeit zwischen grüner Fraktion und grünen Magistratsmitgliedern gebe es heute nicht mehr: „Die Solotänzer sind unterwegs.“

In den viereinhalb Jahren, die ihm als Verkehrsdezernent bis zu seinem Tod blieben, trieb Sikorski den Ausbau des Radwegenetzes und der Tempo-30-Zonen in Frankfurt voran, setzte durch, dass Radfahren in Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung erlaubt war, brachte die Straßenbahnlinien 17 und 18 auf den Weg. Ex-Bürgermeisterin Ebeling nennt die Sperrung der Hauptwache für den Autoverkehr als Sikorskis zentralen Erfolg. Und sie freut sich über die offenen Bücherschränke für alle, die der Grüne 2009 in Frankfurt einführte.

Sozialdemokrat Wentz zählt Sikorski zu den „großen“ Frankfurter Verkehrsdezernenten. Er wirft ihm aber vor, den Ausbau der U-Bahn zwischen Bockenheimer Warte und Ginnheim, die Vollendung der D-Strecke, aufgegeben zu haben. Der heutige Verkehrsdezernent Oesterling beklagt, dass auch zehn Jahre nach Sikorskis Tod „der Widerstand von IHK und CDU“ gegen die autofreie Innenstadt und die Sperrung der nördlichen Mainuferstraße anhalte. „Hier sind viele Chancen vertan worden.“

Wegen der Corona-Pandemie können nur wenige Freunde und Weggefährten am 5. Januar an Lutz Sikorskis Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof seiner gedenken. In einer gemeinsamen Erklärung betrauert die Führungsspitze der Grünen den Verlust einer „politischen Leitfigur“, für die „fernab von politischen Zwängen“ immer der Mensch im Vordergrund ihres Handelns gestanden habe.

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