Mordfall Lübcke: Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (r) steht vor Verhandlungsbeginn neben seinem Verteidiger Mustafa Kaplan.
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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (r) steht vor Verhandlungsbeginn neben seinem Verteidiger Mustafa Kaplan.

Mordfall Walter Lübcke

„Ich wollte damit nichts zu tun haben“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Prozess sagen die Ehefrau und ein guter Freund des Hauptangeklagten Stephan Ernst aus. Beide haben noch heute mit den Geschehnissen zu kämpfen.

Die Frau spricht so leise, dass man sie in dem großen, holzgetäfelten Gerichtssaal nur schwer verstehen kann. Immer wieder müssen die Richter sie bitten, etwas lauter und ins Mikrofon zu sprechen. Doch die Stimme der Zeugin bleibt dünn. Und ihre Antworten bleiben knapp, oft bestehen sie nur aus einen simplen „Ja“ oder „Nein“.

An vielen Stellen macht die Frau, die einen Rechtsanwalt mitgebracht hat, auch deutlich, dass sie die ihr gestellten Fragen nicht beantworten will. „Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen“, sagt sie dann etwa.

Die Aussage der zierlichen Frau, die an diesem Dienstag vor dem Frankfurter Oberlandesgericht als Zeugin vernommen wird, war mit Spannung erwartet worden. Es handelt sich um die Ehefrau von Stephan Ernst, der im Juni vergangenen Jahres den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben soll. Im Jahr 2001 hatte die 44-Jährige den heute 46 Jahre alten Neonazi geheiratet, mit dem sie zwei Kinder hat.

Entsprechend behutsam beginnt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel die Befragung. Sie könne als Ehefrau des Angeklagten die Aussage verweigern, erklärt er der Zeugin – und als das Gespräch später einmal stockt, bemerkt er, ihm sei durchaus klar, dass die Situation für sie nicht einfach sei.

Das Gericht hat vor allem Fragen zur Tatnacht, zur Nacht auf den 2. Juni vorigen Jahres. Die Zeugin wiederholt frühere Angaben, dass sie gegen Mitternacht vor ihrem Haus in Kassel zwei Autos gehört habe. Das erste Fahrzeug sei schnell gefahren und habe stark gebremst, das zweite sei langsamer gewesen. Danach habe sie die Türen beider Autos und die Haustür gehört. Wenige Minuten später sei ihr Mann ins Schlafzimmer gekommen. Er habe das Haus aber noch einmal verlassen. „Mein Mann braucht mir nicht zu sagen, wohin er geht“, sagt sie auf die Frage hin, ob er ihr das erklärt habe.

Die Schilderung der Szene mit den Autos ist relevant, weil das Gericht die Frage klären muss, ob Stephan Ernst, der den Mord an Walter Lübcke gestanden hat, allein handelte. Oder ob seine Angaben stimmen und sein wegen Beihilfe angeklagter Freund Markus H. ebenfalls am Tatort war. Zu Markus H. sagt Ernsts Frau, dass sie ihn nie gesehen habe – wie sie auch sonst keinen Freund ihres Mannes kenne. Sie habe gewusst, dass er in einem Schützenverein schieße, aber nie gefragt, mit wem.

Die Frage der Staatsanwaltschaft, ob zu Hause über Politik gesprochen worden sei, lässt die Zeugin unbeantwortet. Sie will auch nichts zu ihrer Ehe und ihrer Familie sagen.

Dafür berichtet sie etwas anderes: Der erste Rechtsanwalt ihres Mannes, Dirk Waldschmidt, habe ihr nach Stephan Ernsts Verhaftung eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: Sie solle sich wegen der Finanzierung ihres Hauses keine Sorgen machen, weil „die Kameraden“ ihr helfen würden. Sie habe das so verstanden, „dass die von der rechten Szene sind“, sagt die Zeugin. Und sie habe die Nachricht gelöscht. „Ich wollte einfach damit nichts zu tun haben.“

Die Aussage passt zu Stephan Ernsts Angaben, Waldschmidt habe ihm finanzielle Hilfe aus der Neonaziszene versprochen – unter der Voraussetzung, dass er Markus H. nicht belaste. Damit hatte Ernst erklärt, warum er in seinem später widerrufenen ersten Geständnis alle Schuld auf sich genommen hatte.

Nachmittags vernimmt das Gericht Habil A, einen Arbeitskollegen und Freund von Stephan Ernst. Der 35-Jährige beschreibt den Angeklagten, den er nur beim Vornamen nennt, als ruhigen, hilfsbereiten Menschen, der „wie ein Bruder“ für ihn sei. Als Rechter sei Ernst ihm nie aufgefallen, Walter Lübcke nie ein Thema gewesen. Er und Ernst hätten einmal gemeinsam eine Pegida-Demo besucht – und sein Freund habe ihm erzählt, dass er mal nach Wolfhagen gefahren sei, Lübckes Wohnort.

Zwei Tage nach Lübckes Tod, so Habil A., habe Ernst ihn gefragt, ob er ihm ein Alibi für den Tatabend geben könnte – er habe mit jemandem „ein Geschäft“ abgewickelt und der wolle ihm jetzt Probleme machen. Er hätte nie gedacht, dass Ernst jemanden umbringen könnte, sagt A., der mit den Ereignissen noch im Zeugenstand spürbar überfordert ist: „Seit einem Jahr ist mein Leben so die Hölle.“

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