Es nieselt und die Stimmung ist nicht die beste: nach einer durchwachten Nacht vor dem Oberlandesgericht.
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Es nieselt und die Stimmung ist nicht die beste: nach einer durchwachten Nacht vor dem Oberlandesgericht.

Mordfall Lübcke

Lübcke-Prozess: Besucher übernachten vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke beginnt in Frankfurt mit einem Ausnahmezustand. Schon dreizehn Stunden vor Prozessbeginn bildet sich vor Gericht eine Warteschlange.

Die ersten Pressevertreter sind schon um neun vor die Tore des Oberlandesgerichts gekommen. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, denn der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke soll am Dienstag um 10 Uhr beginnen. Ist es aber doch, denn die Pressevertreter sind um 9 Uhr am Montagabend gekommen, um sich vor dem Gericht die Nacht um die Ohren zu schlagen.

Wobei der Begriff Pressevertreter in diesem Fall etwas erschreckend Wahres hat, denn bei den Nachtwächtern handelt es sich fast ausnahmslos um Studenten, die von den wenigen Medien, die sich das noch leisten können, einen Platzhalterlohn im untersten dreistelligen Bereich gezahlt bekommen. Erst kurz vor Prozessbeginn geben sie ihren Platz an ausgeschlafene Medienmenschen ab. Eine Zeitung geht auf Nummer sicher und hat für das Schlangestehen eigens zwei Sicherheitsmänner engagiert.

Die Erklärung für den Rummel, den sonst nur ein neues I-Phone verursacht, liegt wohl in der etwas seltsam anmutenden Organisation des Oberlandesgerichts, das zwar Akkreditierungen vergeben hatte, aber keine Platzgarantie. Wer einen von den 19 heiß begehrten Presseplätzen innerhalb des Gerichtssaals wolle, der müsse früh aufstehen, hieß es seitens des Gerichts. Oder eben aufstehen lassen.

So eine Szene kann ja durchaus pittoresk sein. „Noch zehn Stunden bis Prozessbeginn“, twittert die Reporterin einer sehr großen Zeitung am Montagabend unter einem Bild, das sie vor dem Gerichtssaal zeigt. Und wird am Dienstagmorgen von ihren Followern gefeiert, als sie „völlig durchweicht“ das baldige Ende ihrer Wartepassion ankündigt. Es spricht für sie, dass sie in der Nacht wohl nicht allzu großspurig aufgetreten ist, denn von den bezahlten Anstehern hat, wie diese beteuern, niemand gemerkt, dass sie auch in der Zeit zwischen ihrem spätabendlichen Fototermin und dem morgendlichen Einlass ja irgendwie anwesend gewesen sein muss.

Stimmung ein wenig gereizt

Die Stimmung ist am Dienstagmorgen vor dem Oberlandesgericht jedenfalls ein wenig gereizt, der immer stärker nieselnde Regen hellt sie auch nicht auf, und selbst Oberlandesgerichtspräsident Roman Poseck, der sich unter das Volk gemischt hat, wirkt ein wenig unzufrieden mit der Gesamtsituation. „Aber wie hätte man es denn anders machen sollen?“, fragt er sich. Um dem enormen Publikumsinteresse und den Corona-Regeln gerecht zu werden, hätte man einen riesigen externen Saal anmieten müssen.

Richtig bedrohlich wird es aber nicht. Das verhindert schon die bloße Anwesenheit der Polizei, die an diesem Morgen in einer Präsenz auftritt, wie sie das Oberlandesgericht zumindest in der jüngsten Vergangenheit nicht erlebt hat. Schwer und leicht bewaffnete Polizisten stehen rund um das Gerichtsgebäude und in sämtlichen Zufahrtsstraßen. Und immerhin die Polizei liefert ein Beispiel für perfekte Organisation. Kurz nach 9 Uhr kündigt lediglich ein die Bleichstraße sperrendes Polizeiauto an, dass gleich etwas passieren wird. Die Fotografen, die hier schon seit Stunden auf der Lauer stehen, sträuben instinktiv ihre Objektive. Dann geht alles ganz schnell. Zwei Kleintransporter, flankiert von zwei Pkw, alle in Zivil lackiert und mit getönten Scheiben, biegen um die Ecke. Ein Transporter sperrt die Seilerstraße für den nachfolgenden Verkehr, der andere, in dem die Angeklagten Stephan Ernst und Markus H. sitzen, verschwindet hinter der sich schließenden Panzertür der Gerichtsgarage. All das geschieht mit der Präzision und Eleganz eines professionellen Balletts.

Zeitgleich mit dem Prozessbeginn trifft sich ein gutes Dutzend Demonstranten zum Flashmob vor dem benachbarten Polizeirevier auf der Zeil. Zuerst erinnern sie dort an die Opfer der NSU-Morde, dann an den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten.

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