Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker Walter Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts hinter dem Mitangeklagten Markus H. (r) und seine Anwältin Nicole Schneiders.
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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker Walter Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts hinter dem Mitangeklagten Markus H. (r) und seine Anwältin Nicole Schneiders.

Lübcke-Prozess

Anwalt soll Coup geplant haben

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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OLG erörtert, wie es zu verschiedenen Aussagen des Angeklagten im Lübcke-Prozess kam. Zeugen berichten von einer waghalsigen Strategie des früheren Pflichtvertedigers Frank Hannig.

Wie sind die widersprüchlichen Aussagen von Stephan Ernst zum Tod von Walter Lübcke zustande gekommen? Dieser Frage ist das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Donnerstag weiter nachgegangen. Der 46-jährige Ernst, der den Kasseler Regierungspräsidenten im Juni vergangenen Jahres ermordet haben soll, hatte die Tat zunächst gestanden und alle Schuld auf sich genommen. Dann hatte er in einer zweiten Vernehmung behauptet, nicht er, sondern sein Freund Markus H. habe auf den CDU-Politiker geschossen. Vor Gericht hatte Ernst eine dritte Version des Tatgeschehens geschildert, nach der er Lübcke getötet habe, H. aber dabei gewesen sei.

Dem Gericht hatte Ernst gesagt, die Idee zur zweiten Version des Tatablaufs habe sein mittlerweile von dem Verfahren abberufener Pflichtverteidiger Frank Hannig gehabt. Dieser habe Markus H., der wegen Beihilfe zu dem Mord angeklagt ist, zu einer Aussage provozieren wollen. Ernsts aktueller Verteidiger Mustafa Kaplan hatte das bereits am Montag als Zeuge bestätigt: Ihm gegenüber habe Hannig zugegeben, dass die zweite Tatversion seine Erfindung gewesen sei.

Dass Hannig offenbar eine eigenwillige Prozessstrategie verfolgte, berichtet am Donnerstag auch der Kasseler Rechtsanwalt Bernd Pfläging bei seiner Zeugenaussage. Pfläging hatte Ernst ab September vergangenen Jahres vertreten. Er habe in dieser Zeit „viele, viele Gespräche mit Herrn Ernst geführt“, sagt der Anwalt – auch über Frank Hannig.

Ernst sei nämlich unsicher gewesen, ob die Idee seines Pflichtverteidigers zu einer zweiten Einlassung gut sei. Er habe seinem Mandanten „dringend davon abgeraten, das zu tun“, so Pfläging. „Das ist juristischer Blindflug, was hier passiert“, habe er ihm gesagt. Da das erste Geständnis nun einmal in der Welt sei und man die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft noch nicht ganz kenne, sei es sinnvoller, erst einmal zu schweigen.

Er habe im Dezember vergangenen Jahres auch einmal direkt mit Frank Hannig gesprochen, sagt Pfläging. Der Anwaltskollege habe ihm einen „Knaller“ angekündigt, ein „ganz neues Konzept, dass die Strafverteidigung in Deutschland auf neue Beine stellen würde“. Anfang Januar hatte Ernst dann vor einem Ermittlungsrichter die zweite Tatversion ausgesagt. Im Februar, so Pfläging, habe er Stephan Ernst noch einmal in der Untersuchungshaft besucht. „Was war denn das?“, habe er seinen Mandanten gefragt. Ernst habe geantwortet, dass Hannig eine „Aussage-gegen-Aussage-Situation“ schaffen wolle, so dass das Gericht später gezwungen sein würde, zugunsten beider Angeklagter anzunehmen, dass der jeweils andere geschossen habe. Aus seiner Sicht sei dieses Vorgehen „völliger Blödsinn“ gewesen, so Pfläging, im März habe er sein Mandat niedergelegt. Im Gerichtssaal herrscht in diesem Moment allgemeines Kopfschütteln.

Am Nachmittag vernimmt der Senat zwei Sachverständige vom Bundeskriminalamt. Ihre für die Ermittlungen erstellten kriminaltechnischen Gutachten zeigen, dass der Schuss auf Walter Lübcke aus etwa einem bis eineinhalb Metern Entfernung abgegeben worden sein muss. Außerdem belegen die Untersuchungen, dass das tödliche Geschoss mit dem Revolver des Herstellers Rossi vom Kaliber 38 abgefeuert wurde, zu dem Stephan Ernst die Ermittler nach seiner Festnahme geführt hatte. Ernst hatte die Tatwaffe mit anderen Schusswaffen in einem Erddepot auf dem Firmengelände seines Arbeitgebers vergraben. Auch in Ernsts Auto, einem VW Caddy, wurden Schmauchspuren gefunden, am Lenkrad und an drei im Kofferraum gelagerten Decken.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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