Ein Foto vom Juli 2020: Stephan Ernst (l) diskutiert mit seinem Verteidiger Frank Hannig, der in der Bild-Zeitung blättert.
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Ein Foto vom Juli 2020: Stephan Ernst (l) diskutiert mit seinem Verteidiger Frank Hannig, der in der Bild-Zeitung blättert.

Mordfall Lübcke

Anwälte im Zeugenstand

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Wer hat Stephan Ernsts Geständnisse erfunden? Im Lübcke-Prozess sagen Verteidiger des Angeklagten aus. Die zweite Tatversion, in der Ernst nicht geschossen hat, soll von seinem ehemaligen Verteidiger Hannig stammen.

Es ist ungewöhnlich, dass der Verteidiger eines Angeklagten in dessen Prozess als Zeuge aussagt. Doch im Strafverfahren zum Mordfall Walter Lübcke am Frankfurter Oberlandesgericht hat es schon öfter ungewöhnliche Situationen gegeben. An diesem Montag nun, Verhandlungstag Nummer 16, zieht Mustafa Kaplan seine schwarze Anwaltsrobe aus und nimmt auf dem Zeugenstuhl Platz. Der Kölner Rechtsanwalt verteidigt Stephan Ernst, der angeklagt ist, den Kasseler Regierungspräsidenten ermordet zu haben. Ernst hat ihn extra teilweise von seiner Schweigepflicht entbunden.

Das Gericht braucht Kaplans Aussage, weil es die Hintergründe von Ernsts Einlassungen aufklären muss. Ernst hatte den Mord an Lübcke zunächst gestanden und ausgesagt, alleine gehandelt zu haben. Dann hatte er sein Geständnis widerrufen und geschildert, er und sein Freund, der wegen Beihilfe angeklagte Markus H., hätten Lübcke nur verprügeln wollen. Der Schuss sei ein Unfall gewesen, die Tatwaffe habe H. gehalten. Vor Gericht hatte Ernst dann angegeben, dass er geschossen habe, H. aber mit ihm am Tatort gewesen sei.

Seine ersten Einlassungen erklärte Ernst damit, dass sein erstes Geständnis auf seinen früheren Rechtsanwalt Dirk Waldschmidt zurückgehe, der ihm finanzielle Hilfe aus der rechten Szene versprochen habe, falls er Markus H. nicht belaste. Die zweite Tatversion habe sich sein mittlerweile vom Prozess abberufener Pflichtverteidiger Frank Hannig ausgedacht.

Mit der Wahrheit nicht so genau genommen

Diese Erzählung bestätigt Kaplan. Anfang Juli habe Hannig ihm gegenüber zugegeben, dass die zweite Tatversion „seine Erfindung gewesen ist“, sagt Kaplan. Dass Markus H. auf Lübcke geschossen habe, habe er Ernst in den Mund gelegt, um H. zu einer Aussage zu provozieren. In Wirklichkeit habe Ernst immer die dritte Version des Tatablaufs geschildert. Es habe ihn verwundert, sagt Kaplan, dass ein Rechtsanwalt zugibt, „dass er eine Lüge konstruiert hat“. Auf Nachfrage habe Hannig ihm sinngemäß erklärt, als Strafverteidiger dürfe er lügen.

Auch an anderer Stelle habe Hannig es mit der Wahrheit nicht so genau genommen: Er habe etwa vorgehabt, Ernst wahrheitswidrig vor Gericht aussagen zu lassen, dass seine Frau ihn telefonisch unter Druck setze, endlich die Wahrheit über den Mord zu sagen. Das habe er verhindert, sagt Kaplan.

Als zweiten Zeugen vernimmt das Gericht Rechtsanwalt Dirk Waldschmidt. Waldschmidt, der als rechter Szeneanwalt gilt und einen weiteren Anwalt als Zeugenbeistand dabei hat, berichtet, ein Unbekannter habe ihm am Telefon gesagt, Ernst sitze in Untersuchungshaft und brauche einen Anwalt. Den Anrufer habe er nicht der „rechten Subkultur“ zugeordnet, sagt Waldschmidt, er habe eher sachlich gesprochen. Als er Ernst im Gefängnis besuchte, habe dieser ihm gegenüber seine Unschuld beteuert. Er habe ein Alibi von einem Kollegen, die DNA-Spur am Hemd des Opfers sei vielleicht vom Verfassungsschutz gelegt worden. Er habe Ernst versprochen, sich erst einmal die Ermittlungsakten anzusehen, sagt Waldschmidt. Kurz danach habe er im Radio gehört, dass Ernst bereits ein Geständnis abgelegt habe. „Das hat mich aus allen Wolken geholt.“

Als die Richter zu der Frage kommen wollen, ob Waldschmidt dem Angeklagten Ernst tatsächlich Geld aus der rechten Szene versprochen hat, blockt dessen Zeugenbeistand ab. Eine Antwort auf diese Frage sei von Waldschmidts partieller Entbindung von der Schweigepflicht nicht gedeckt.

Nach kurzem Hin und Her beschließt der Senat, den Rechtsanwalt für Anfang November noch einmal als Zeugen zu laden.

Auch Frank Hannig wird noch als Zeuge erwartet. Der Prozess wird fortgesetzt.

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