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Auf dem Weg zu den Logistik-Lagerhallen nahe dem Gewerbepark Erlensee.

Frankfurt wächst

Alle wollen nach Erlensee

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Wachstum bringt Steuereinnahmen, birgt aber auch Probleme.

Der Logistik-Standort Erlensee (Main-Kinzig-Kreis) boomt wie kein zweiter im Rhein-Main-Gebiet: In den vergangenen Jahren hat sich in der 15 000-Einwohner-Stadt eine ganze Reihe großer Firmen aus der Sparte angesiedelt, etwa Dachser, Fenthols, Gebr. Heinemann. Im Gewerbepark besetzen Logistiker 15 von 28 Hektar Fläche, auf dem einstigen Militärflugplatz Fliegerhorst, den Erlensee mit der Nachbarkommune Bruchköbel umwandelt, sind es 41 von 100 Hektar.

2018 holten sie die Großmetzgerei Brandenburg aus Frankfurt auf ihr Areal, die hier bis 2025 ihren neuen Hauptsitz mit 1500 Mitarbeitern errichten will. Frankfurt und Maintal bemühten sich vergeblich um die Rewe-Tochter. Brandenburg habe den Kaufpreis bereits bezahlt, sagt der am Wochenende klar wiedergewählte Bürgermeister Erlensees, Stefan Erb (SPD), im Gespräch mit der FR. Die Metzgerei habe ihre Pläne mittlerweile erweitert, werde nicht mehr Fläche verbrauchen, aber mehr investieren, so Erb. Geschätzt könnte die Summe bei gut 300 Millionen Euro liegen.

Es ist nicht der einzige Riese, der kommt: Der Discounter Lidl verlässt Alzenau und baut im ebenfalls zwischen Erlensee und Langenselbold liegenden Gewerbepark II auf mehr als 20 Hektar Fläche ein Zentrallager mit Verwaltung. Weshalb die Firmen Erlensee wählen? Erb, der unter anderem die Wirtschaftsförderung seiner Stadt lobt, hebt die Lage an der A 45 und A 66 und die Nähe zu Frankfurt hervor. Hinzu kommt etwa die große Konversionsfläche und der relativ niedrige Gewerbesteuer-Hebesatz von 400 Prozent.

FR-Stadtgespräch
Frankfurt wächst : Unter diesem Motto steht auch ein FR-Stadtgespräch zu unserer Serie, zu dem die Frankfurter Rundschau für Donnerstag, 12. September, 19 Uhr, in das Haus am Dom, Domplatz 3, einlädt.

Wie viel Wachstum verträgt die Stadt noch? Wo können neue Wohnungen entstehen? Wie kann Frankfurt eine Stadt für alle bleiben? Was kann die Politik tun, damit die Mieten nicht noch weiter steigen? Solche Fragen stehen im Mittelpunkt der Diskussion.

Auf dem Podium sprechen Planungsdezernent Mike Josef (SPD), Lisa Hahn von der Initiative Mietentscheid, Architekt Stefan Forster und Bauunternehmer Wolfgang Ries. Die FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert moderieren. cm

Der Sozialdemokrat sieht viele positive Effekte durch die Ansiedlungen: In den vergangenen acht Jahren seien die Gewerbesteuereinnahmen von 1,4 auf 5,1 Millionen Euro gestiegen, habe Erlensee etwa 1000 qualifizierte Arbeitsplätze gewonnen, die zum Großteil nach Tarif bezahlt würden.

Die Strategie ist umstritten. Kritik – etwa an Versiegelung, Umweltschäden und hohem Verkehrsaufkommen – weist Erb zurück. Er argumentiert zum Beispiel damit, dass der regionale Flächennutzungsplan diesen Anteil an Logistik vorsehe, auch auf dem Fliegerhorst-Areal, das ansonsten gar nicht hätte entwickelt werden dürfen und ohnehin weitgehend versiegelt gewesen sei. Zudem würden Ausgleichsflächen geschaffen, Altlasten saniert. Die Laster würden Umgehungsstraßen nutzen und nicht zur Hauptverkehrszeit fahren. Lidl schaffe im Gegenzug eine Blühwiese und spare durch den Umzug in sein Versorgungsgebiet 300 000 Lastwagenkilometer pro Jahr ein.

Renate Tonecker-Bös (Grüne), die bei der Wahl gute 20 Prozent erzielte, hält dagegen: So habe es beispielsweise schon vor der Lidl-Ansiedlung geheißen, Erlensee hätte sein „Logistik-Soll“ erfüllt. Die Wiese sei wie ein Feigenblatt, sehr klein im Vergleich zu den mehr als 20 Hektar verbrauchter Fläche und zerstörter Natur. Zersiedelung und Versiegelung seien große Probleme, die Verkehrsbelastung auch durch viele Einpendler enorm. Bei den Arbeitsplätzen wiederum macht Tonecker-Bös darauf aufmerksam, dass die meisten „internen“ Stellen bei den Firmen nach Tarif bezahlt sein mögen – jedoch etwa viele Lieferwagenfahrer, die aus Osteuropa stammen, als Subunternehmer ausgebautet werden.

Spätestens wenn die Mitarbeiter von Brandenburg und Lidl die Gewerbegebiete ansteuern, wird ein Problem drängender: der öffentliche Nahverkehr. Das sieht auch Erb so. Auf dem Fliegerhorst-Areal liegen Gleise, auch deshalb hofft er, dass Erlensee einen Bahnanschluss bekommt. Er räumt ein, dass die Mühlen bei diesen Projekten oft langsam mahlen. Doch die notwendigen Fahrgastzahlen werde Erlensee bald eindeutig erfüllen.

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