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Löwen, Ponys und eine Stimme ohne Sinn

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Von: Stefan Behr

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Klimawandel und Seuchenvorsicht: am Samstag in der Eissporthalle keine Themen.
Klimawandel und Seuchenvorsicht: am Samstag in der Eissporthalle keine Themen. © Renate Hoyer

„Family on Ice“ lockt Massen in die Eissporthalle.

Es gibt da diesen alten Witz von dem Offenbacher, der Eisangeln will. Also begibt er sich aufs nächste Eis, packt Angel und Pickel aus und beginnt, ein Loch ins Eis zu hacken. Da lässt plötzlich eine machtvolle Stimme Eis und Offenbacher erbeben: „Hier gibt es keine Fische!“ Der Offenbacher fällt auf die Knie, reckt die Hände empor und ruft: „Bist Du es, o Herr, der mich ruft?“ „Nein“, sagt die Stimme, „ich bin der Sprecher der Frankfurter Eissporthalle.“

In jedem Witz steckt immer auch ein bisschen Wahrheit. In der Eissporthalle gibt es wirklich keine Fische. Aber dafür hat’s Löwen. Und auch die Stadionstimme existiert. Man versteht sie nur leider nicht.

Am Samstag lockt die Eissporthalle unter dem Tagesmotto „Family on Ice“ wieder jede Menge Schlittschuhfreunde an. Das mag am „abwechslungsreiches Mitmach-Programm“ liegen, das die Veranstalter versprochen haben, das sich erfreulicherweise aber in vernünftigen Grenzen hält. Es mag natürlich auch am freien Eintritt liegen, dass es rund um den Schlittschuhverleih so munter zugeht wie am Morgen an der Talstation einer Skigebiets-Hauptgondel.

Auf dem Inneneis der Halle herrscht hingegen bereits Après-Ski-Atmosphäre. Beim öffentlichen Training der Löwen zeigen Mitglieder des Eishockeyteams, begleitet von einem unüberhörbarem Heavy-Soundtrack, dass auf dem Eis mitunter raue Sitten herrschen. In den Musikpausen meldet sich auch immer wieder die Stadionstimme zu Wort und sagt so Sachen wie „Anal nathrakh urthvas bethad dokhjel djenve“, Merlins Zauberspruch aus „Excalibur“, zumindest versteht man das. Ist aber auch egal, das Geschehen auf dem Spielfeld erklärt sich größtenteils von selbst und kann für Nichtspieler mit dem Merksatz „Betreten der Eisfläche lebensgefährlich“ beschrieben werden.

Auf der Eisbahn draußen vor der Halle tummeln sich derweil die spaßorientierten Eis-Zivilist:innen von der Anfängerin bis zum Angeber, ungestört von störenden Mitmach-Programmen, abgesehen vom „My Little Pony“-Glücksrad. Ein Little Pony ist ein US-amerikanisches Zeichentrickwesen, eine ethisch und ästhetisch fragwürdige Kreuzung aus Einhorn und Glücksbärchi. Wem keine Wünsche einfallen, dem haben die Glücksradbetreiber Spickzettel mit Wünschenswertem hingehängt, etwa „Glück für die Welt“ oder „ein leckeres Mittagessen“. Letzterer bleibt aber ein frommer Wunsch, denn das benachbarte Hallenrestaurant gebeut per Aushang: „Es ist untersagt, nicht in unserem Restaurant erworbene Speisen und Getränke in unseren Räumen zu verzehren“ - was ein leckeres Mittagessen faktisch sehr schwierig macht. Glück für die Welt wird auch eher selten erdreht, viel öfter gibt es My-Little-Pony-Püppchen, was für die Gewinnerinnen aber auch ein gutes Stück Glück zu bedeuten scheint.

Seltsamerweise ist es tatsächlich so, dass man an diesem Tag an diesem Ort die Worte Glücksradgewinnerinnen und Eishockeyspieler gar nicht gendern muss. Die Zahl der Mädchen beim Löwen-Training entspricht exakt der Zahl der Jungen, die vor dem My-Little-Pony-Glücksrad anstehen - wobei es in der Mathematik noch umstritten ist, ob es sich dabei überhaupt um eine Zahl handelt. Woran könnte das liegen? Vielleicht wüsste die Stadionstimme die Antwort, aber man würde sowieso bloß „Klaatu verata nektu“ oder so verstehen und danach so schlau als wie zuvor sein. „Ich könnte es dir verraten“, säuselt das Little Pony, das sich von hinten herangeschlichen hat und zärtlich am Ohr des Beschlichenen knabbert, „du musst es dir nur wünschen!“ Aber so dringend will man es nun auch nicht wissen, denn sonderlich seriös wirkt so ein Little Pony nicht. Es ist wohl so, dass nicht nur eisangelnde Offenbacher in der Eissporthalle die seltsamsten Dinge sehen oder hören. Aber bei freiem Eintritt darf man da nicht meckern.

Niklas Keller schleift die Kufen der Schlittschuhe. Renate Hoyer (2)
Niklas Keller schleift die Kufen der Schlittschuhe. Renate Hoyer (2) © Renate Hoyer

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