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Mit dem Musical „The Rocky Horror Show“ gelang dem English Theatre in den 90er Jahren ein Coup. Es war monatelang ausverkauft.

Hintergrund

English Theatre: A little London in Frankfurt

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Vor 40 Jahren begann das English Theatre in einem Frankfurter Hinterhof – damals hätte wohl niemand gedacht, dass die Stadt nach turbulenten Zeiten und einer Insolvenz heute Heimat für das größte englischsprachige Theater Kontinentaleuropas ist.

Wie bekannt ist das English Theatre in Frankfurt 40 Jahre nach seiner Gründung in einem Sachsenhäuser Hinterhof? „Die meisten Frankfurter glauben, so etwas gäbe es auch in Köln, München oder Stuttgart“, sagt Theaterchef Daniel Nicolai, der das Haus seit inzwischen bereits 17 Jahren leitet. „Aber das ist überhaupt nicht so.“ Immerhin herrscht Nicolai mit viel Charme und Geschick über das größte englischsprachige Theater in Kontinentaleuropa,

Zum 40-jährigen Bestehen will die Frankfurter Institution deshalb kräftig auf die Pauke hauen, das Jubiläumsprogramm ist besonders aufwendig, und seit Mittwochnachmittag fährt nun auch eine eigene bunte Straßenbahn mit Werbung für das Theater durch Frankfurt. Zur Präsentation setzte sich Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) selbst ans Steuer, und auch sein Eschborner Kollege Mathias Geiger (FDP) fuhr mit. Eschborn ist einer der Hauptsponsoren.

Kurz vor dem Brexit geht es eben nicht nur um englischsprachige Auftritte, sondern auch um Argumente, mit denen man internationale Firmen davon überzeugen könnte, bei einem Ausstieg Großbritanniens von der Insel aufs Festland zu ziehen (siehe nebenstehendes Interview). Immerhin ist Frankfurt die wohl internationalste Stadt Deutschlands, die englischsprachige Gemeinschaft dank Banken und Firmen aus der ganzen Welt durchaus nennenswert.

Intendant Nicolai sitzt am Rande des kleinen Begrüßungsfests in der Bar des Hauses, das das English Theatre traditionell vor jeder Neuinszenierung für seine meist aus London angereisten Schauspieler, Kostümbildner und Techniker organisiert. Wochenlang haben sie schon in London geprobt, jetzt ist das Team aus Schauspielern und Technikern endlich dort, wo die harte Arbeit wartet. Nervosität liegt zehn Tage vor der Premiere in der Luft, an diesem Tag sehen die meisten erstmals die Bühne, den 300 Zuschauer fassenden Saal und das Drumherum, staunen darüber, dass dies hier mal als ein Parkhaus geplant war.

Von der teils sehr bewegten Geschichte dürften sie wenig ahnen, und dass es das Haus heute immer noch gibt, ist erstaunlich. Gegründet 1979 von vier theaterbegeisterten englischen Muttersprachlern, spielte das „Café Theater“ in den ersten Jahren in einem Sachsenhäuser Hinterhof, zog dann unter der Leitung der US-Amerikanerin Judith Rosenbauer in die Hamburger Allee über das jetzige Kino Orfeos Erben. „Das English Theatre war Judiths Baby“, sagt Marie-Luise Herbst, Vorgängerin Nicolais. „Ohne sie gäbe es das Theater nicht. Sie hat Klinken geputzt, Sponsoren gesucht, kannte alle wichtigen Leute in Frankfurt.“

1990 vermittelte die Stadt Frankfurt neue Räume in der Kaiserstraße. „Ich glaube, heute ist in dem Haus ein Hamburger-Grill“, sagt Herbst. Sie kommt ins Schwärmen angesichts großer Inszenierungen wie der „Rocky Horror Show“, mit der das Theater in den 90er Jahren einen großen Coup landete. Monatelang waren die Vorstellungen ausverkauft, zweimal sei das Stück wegen des enormen Erfolgs verlängert worden. „Das war der spannendste Job meines Lebens“, sagt die Rentnerin heute. Sogar eine Produktion am New Yorker Broadway stemmte das Theater 1999.

Die neue Saison im English Theatre Frankfurt beginnt am Freitag, 30. August, mit „„One Flew Over the Cuckoo’s Nest“, Regie Derek Anderson, zu sehen täglich außer montags jeweils um 19.30 Uhr, sonntags um 18 Uhr.

Eintrittskarten gibt es direkt im Theater im Sockel des Bankenhochhauses Gallileo, Gallusanlage 7, unter Tel. 069/24 23 16 20, per E-Mail box-office@english-theatre.de oder www.english-theatre.de.

Direkt nach dem geplanten Brexit am 31. Oktober folgt am 2. November das Musical „Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street“, bei dem ebenfalls Derek Anderson Regie führt. aph

Trotzdem schlitterte das Haus im Jahr 2002 in die Insolvenz. „Vielleicht waren die Aufführungen zu aufwendig“, vermutet Herbst. „Der Fehler war, dass wir für die Produktionen einfach zu viel Geld ausgegeben haben. Judith hatte einen sehr hohen Anspruch, und das war wohl einfach zu teuer. Dass der Freundeskreis des Theaters sie nach der Insolvenz bat aufzuhören, muss sie tief verletzt haben.“

Um ein Haar hätte die finanzielle Krise das Ende des Betriebs bedeutet. Intendant Nicolai, der damals ganz neu war, denkt mit Schaudern an die turbulenten Zeiten. „Die Besucher haben das vielleicht gar nicht so wahrgenommen. Für sie ist nur etwa eine Woche das Programm ausgefallen“, erinnert er sich. „Hinter den Kulissen musste ich die Schauspieler davon überzeugen, dass sie ihr Geld bekommen werden, wenn sie auftreten, und wir hatten ständig Treffen mit dem Insolvenzverwalter und mit den Banken.“

Der Umzug von der Kaiserstraße in den Sockel des damals ganz neuen Gallileo-Turms der damaligen Dresdner Bank fiel mit dem Neuanfang zusammen. „Bundeskanzler Schröder hat den Turm eröffnet, und wir haben gleichzeitig Premiere gefeiert“, sagt er. Die Bank als Hauptsponsor übernahm damals die Miete für die neuen Räume. Viele Engagierte hätten eine Vision gehabt, das habe den Betrieb schließlich gerettet, sagt Nicolai – erst seit dem Neustart nach der Insolvenz schreibt man es übrigens „Theatre“, nicht mehr „Theater“.

Auch die Jahre danach waren nicht einfach. „Man merkte dass nach dem Anschlag vom 11. September 2001 deutlich weniger Amerikaner kamen“, sagt Nicolai. „Auch die Finanzkrise haben wir deutlich gespürt. Das war alles nicht so schön.“ Inzwischen steht das Theater, seit der Insolvenz eine gemeinnützige GmbH, aber auf recht stabilen Fundamenten, kann mit einem anspruchsvollen, ausschließlich selbst produzierten Programm rund 70 Prozent seines Etats einspielen. Die Zuschauerzahlen stiegen deutlich – kamen in der Krise rund um die Insolvenz nur noch 30 000 Besucher im Jahr, sind es inzwischen rund 70 000. Die meisten Vorstellungen sind ausverkauft.

Die neue Spielzeit beginnt mit einem berühmten, ja legendären Stück, „Einer flog übers Kuckucksnest – „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ von Dale Wasserman nach einem Roman von Ken Kesey. Regie führt Derek Anderson, der in Frankfurt inzwischen schon wohlbekannt und mit dem English Theatre vertraut ist. Unter anderem hat er hier bereits „Hand to God“ und „The Lion in Winter“ inszeniert. „Als ich hier anfing, hat noch niemand an einen Brexit gedacht“, sagt er. „Eigentlich wollte ich das Kuckucksnest gar nicht machen. Denn als ich mal Kritiken älterer Inszenierungen gelesen habe, hieß es immer: Der Hauptdarsteller ist schon ganz o.k., aber Jack Nicholson war in der Verfilmung doch besser.“

Trotzdem ließ sich der junge Regisseur vom English Theatre überzeugen, die Tragikomödie in Frankfurt zu inszenieren, schließlich sei sie doch faszinierend und immer noch sehr aktuell. Dabei setzt er sich mit einem eleganten Regie-Einfall von der Jack-Nicholson-Verfilmung und allen vorherigen Inszenierungen ab. Die Zeiten haben sich eben sehr verändert, seit der Film 1975 uraufgeführt wurde. Nicholsons Rolle des McMurphy übernimmt nun eine Frau, Ewa Dina, und die tyrannische Oberschwester spielt ein Mann, Nigel Faris. Die Premiere ist am Freitag kommender Woche, „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ ist bis zum 19. Oktober zu sehen.

Es läuft gut im English Theatre, und auch Andersons neue Inszenierung verspricht, ein Erfolg zu werden. Dennoch ist die Zukunft nicht so rosig, wie es angesichts dessen erscheinen mag. Theater-Chef Nicolai weist darauf hin, dass der Mietvertrag 2021 ausläuft. Wie es dann weitergehen wird, ist bisher noch völlig offen. Bleibt zu hoffen, dass auch dann klar ist: The show must go on.

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