Hauke Hückstädt leitet das Literaturhaus. Sebastian Schramm/Literaturhaus Frankfurt
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Hauke Hückstädt leitet das Literaturhaus. 

Bücher

Literaturhaus Frankfurt: Literatur geht auch verständlich

  • vonLaura Sprenger
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Hauke Hückstädt hat einen Band mit Literatur in Einfacher Sprache herausgegeben.

Die Folgen der Pandemie erlebten Hauke Hückstädt, der Leiter des Literaturhauses Frankfurt, und sein sechsköpfiges Team als wahre Vollbremsung. Social Distancing als Hemmschuh. Auf Lesungen im Frankfurter Literaturhaus müssen Publikum und Mitarbeitende seit Mitte März vorerst verzichten.

Eine der letzten Veranstaltungen vor dem Lockdown war die Premiere von „LiES. Das Buch“, das Hückstädt im März herausgegeben hat. Die Anthologie versammelt Texte von namhaften Autorinnen und Autoren wie Judith Hermann, Arno Geiger und Nora Bossong. Das Besondere: Es sind Texte in Einfacher Sprache, die sie auf Einladung des Literaturhauses und der Frankfurter Stabsstelle Inklusion verfasst haben.

Einfache Sprache ist klar und verständlich: kurze Sätze, simple Satzstrukturen, kaum Fremdwörter oder Stilmittel. Sie ermöglicht einem Großteil der Menschen den barrierefreien Zugang zu Informationen – oder eben zu Literatur. Auf diesem Gebiet hätten sie Pionierarbeit geleistet, sagt Hückstädt.

Denn das Programm des Literaturhauses habe bis dato viele Menschen ausgeschlossen. Dabei wolle man ein offenes Haus sein, das alle mitnehme. Die große Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber Literatur in Einfacher Sprache habe ihn allerdings selbst überrascht. Im besten Fall sei „LiES“ für jeden interessant, „sogar für die Vielleser, weil sie daran glauben, dass Sprache das Labor unserer Zukunft ist; dass nichts unmöglich ist mit Sprache.“

Literaturhinweis

„LiES. Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache“, hrsg. von Hauke Hückstädt, Piper, Hardcover, 18 Euro. Hörbuch gelesen vom Hrsg. u. a., Hörbuch Hamburg, 18 Euro.

Dass Einfache Sprache das Niveau der Literatur senke, sei „eine untragbare Haltung“, findet Hückstädt. Aus seinen Worten klingt gedämpfter Ärger. „Ist das Bauhaus keine Architektur, weil es sich auf einfache Formen verlässt?“ Kunst bestehe aus Regeln und Regelbrüchen. „Wir erheben den scheinbaren Makel, die Einschränkung, zu einem Plus. Literatur in Einfacher Sprache ist Kunst.“

Dabei soll sie klassische Literatur nicht verdrängen, sondern die rund 30 Millionen Menschen in Deutschland ansprechen, die nicht gut lesen könnten. Dieses Angebot sei längst überfällig in einer Branche, die über zunehmenden Leserschwund klage.

Hückstädts Auftrag zum Amtsantritt in Frankfurt vor zehn Jahren war eindeutig: mehr Publikum gewinnen und das Haus öffnen. Diese Offenheit müsse man vorleben: „Man braucht ein weites Herz. Man muss es ernst meinen und sich für sehr viele Sachen interessieren.“ Ein Grundsatz seiner Arbeit laute: das Publikum niemals unterfordern.

Wenn alles gut läuft, öffnet das Literaturhaus Frankfurt am 1. September wieder seine Pforten. Viele der ausgefallenen Lesungen werden nachgeholt: Unter dem Motto #Zweiterfruehling sollen Bücher, die im Frühjahr und Sommer erschienen sind, die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Mehr als hundert Institutionen haben sich der Kampagne des Netzwerks der Literaturhäuser angeschlossen – laut Hückstädt ein „kollektives Hilfspaket, geschnürt aus Kreativität und Solidarität“. Bücher seien schließlich keine Saisonware.

Was er an seiner Arbeit nach Hunderten Veranstaltungen noch aufregend finde? „Ich schaue gerne Menschen beim Denken zu. Wo passiert das denn sonst noch?“

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