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Literarischer Grenzgänger

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Von: Denis Hubert

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Der gebürtige Berliner Sherko Fatah  in der Verwaltungsstelle Bergen.
Der gebürtige Berliner Sherko Fatah in der Verwaltungsstelle Bergen. © christoph boeckheler*

Schriftsteller Sherko Fatah erhält heute Abend den Stadtschreiber-Preis. Seit 1974 vergibt die örtliche Kulturgesellschaft den Preis Stadtschreiber von Bergen unter dem Motto „Literatur als Volksfest“.

Heinrich Heine war der erste, der mich wirklich inspiriert hat“, sagt Sherko Fatah und gesteht ein: „Da war ich etwas größenwahnsinnig.“ Der 51-Jährige schreibt seit seiner Schulzeit. „Das war mein Traumberuf.“ Damals konnte er sich nicht vorstellen, wie jemand tausendseitige Romane zu Papier bringt. Auch heute begnügt Fatah sich mit einem knapperen Umfang. „Ich werde nie so ein dickes Buch schreiben, weil ich an den Spannungsbogen glaube.“

Den einzuhalten gelingt ihm offensichtlich: Sherko Fatah wird der neue Stadtschreiber von Bergen. Heute Abend nimmt er den mit 20 000 Euro dotierten Literaturpreis entgegen. „Ich habe mich darüber gefreut“, sagt Fatah, der noch nie Stadtschreiber war. Für die Bergener Variante hat er lobende Worte parat: „Dieses Amt ist das Besonderste von allen, ausgezeichnet durch die besondere Reihe vor mir.“

Tatsächlich haben viele namhafte Schriftsteller die Auszeichnung erhalten – von Robert Gernhardt bis Herta Müller. „Das ist kein Preis für Nachwuchsautoren, sondern eine Prämierung für das Lebenswerk“, erläutert der Vorsitzende der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, Joachim Netz.

Sherko Fatah wurde in Ost-Berlin geboren – als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen. 1975 zog er mit seiner Familie nach West-Berlin, studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Erst seit 2001 arbeitet er als Schriftsteller und lebt auch davon.

In seinen bisherigen Werken bewegt Fatah sich im Spannungsfeld zwischen arabischer und westlicher Welt. Die meisten seiner Bücher, die von Krieg und Gewalt, Folter und Flucht handeln, spielen implizit oder explizit im Irak oder umliegenden Ländern. Laut der Stadtschreiber-Jury, zu der außer Bewohnern des Stadtteils auch namhafte Schriftsteller gehören, erkundet Fatah auf einzigartige Weise Grenzgebiete zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. So sei er ein „interessanter, in die gesellschaftliche und politische Lage passender Stadtschreiber“, wie Jurymitglied und Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese (CDU) sagt.

Seit 1974 vergibt die örtliche Kulturgesellschaft den Preis Stadtschreiber von Bergen unter dem Motto „Literatur als Volksfest“. Die Auszeichnung war die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Mit ihr ist auch ein einjähriges Wohnrecht im Stadtschreiberhaus An der Oberpforte verbunden. Dass es sich dabei nicht um eine Residenzpflicht handelt, unterscheide den Stadtschreiber von Bergen von anderen, sagt Joachim Netz.

Sherko Fatah nimmt das Angebot wahr. „Ich werde oft hier sein“, sagt er, „aber nicht ein Jahr am Stück.“ Auch wenn es für ihn eine Versuchung wäre: Urlaub macht Fatah im Stadtschreiberhaus nicht. „Ich möchte hier an einem Roman weiterarbeiten, den ich in der Schweiz begonnen habe.“ Zu viel verrät der designierte Stadtschreiber zwar noch nicht, doch soll das Werk vom Kalten Krieg handeln – ein Agentenroman, aber auf seine Art.

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