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Kurator Tom Uhlig stellt die Ausstellung vor.

Linker Antisemitismus

Wenn Linke Hass reproduzieren

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Die Bildungsstätte Anne Frank hat eine Ausstellung zu Antisemitismus von links erstellt. Die Macher hoffen auf eine breite Diskussion.

Wer politisch links steht, kann überhaupt nicht antisemitisch sein. Diese Überzeugung war lange Zeit mehrheitsfähig in der inner- und außerparlamentarischen Linken, und sie ist auch heute noch häufig zu hören. Dass es so einfach allerdings nicht ist, davon erzählt ab sofort eine neue Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank. Die Schau mit dem Titel „Das Gegenteil von Gut“ thematisiert antisemitische Äußerungen und Einstellungen in der westdeutschen Linken seit der studentischen Protestbewegung der späten 60er Jahre.

Die Ausstellung wolle zur Selbstreflexion vor allem junger Erwachsener einladen, die sich zur politischen Linken rechneten, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte. „Wir wollen nicht entlarven, wir laden zum Gespräch ein.“ Nach wie vor sei Antisemitismus von links ein eher wenig beleuchtetes Thema; mit der Ausstellung und der dazugehörigen Veranstaltungsreihe wolle man das zu ändern versuchen.

Die Ausstellung sei „keine Schreibtischgeburt“, sondern aus einer Reihe von Gesprächen und Workshops in den letzten Jahren hervorgegangen, sagt Tom Uhlig, Mitarbeiter der Bildungsstätte, der die Ausstellung mit seiner Kollegin Katharina Rhein konzipiert hat. Linker Antisemitismus trete oft in der Form des Gutgemeinten auf, an sich nachvollziehbare linke Positionen schlügen in antisemitisches Ressentiment um. Dabei stoße man auf eine „eigentümliche Tragik“, sagt Uhlig: Obwohl die Linke sich Solidarität und Befreiung verschrieben habe und über alle theoretischen Mittel verfüge, den Antisemitismus zu verstehen, seien Linke nicht gefeit gegen antisemitische Stereotype. Das gelte etwa, wenn komplexe Systeme wie der Kapitalismus nur Banken und Konzernen angelastet würden – und die Idee eines „Zentrums der Macht“ anschlussfähig werde für die alte antisemitische Vorstellung vom übermächtigen Juden.

Die Ausstellung nähert sich dem Thema anhand von sieben Kapiteln, die jeweils Infotafeln, Texte und Videointerviews mit Experten oder Aktivisten wie Micha Brumlik oder der Stadtverordneten Jutta Ditfurth umfassen. An den einzelnen Stationen geht es etwa um antisemitische Stereotype im Frankfurter Häuserkampf der 70er Jahre, problematische Symboliken wie die einer alles beherrschenden Krake, allzu platte linke Demoparolen oder auch die bekannten Kontroversen um das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder oder Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“.

Insgesamt bemühe die Ausstellung sich um einen lebensweltlichen Zugang, um jungen Linken den Einstieg in das wichtige Thema leichtzumachen, sagt Kurator Uhlig. Direktor Meron Mendel betont, man wolle mit vielen Leuten ins Gespräch kommen – nicht im „Kuschel-Diskurs“, sondern in Form einer ernsthaften Auseinandersetzung.

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