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Liebieghaus in Frankfurt kauft wertvolle Engel an

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Von: Anja Laud

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Statt der Heiligen Maria Magdalena umschweben die Engel in unserem Bild Stefan Roller, Sammlungsleiter im Liebieghaus.
Statt der Heiligen Maria Magdalena umschweben die Engel in unserem Bild Stefan Roller, Sammlungsleiter im Liebieghaus. © Christoph Boeckheler

Die beiden neuen Figuren in der Sammlung des Frankfurter Liebieghauses sind Beispiele Nürnberger Schnitzkunst. Sie entstanden um 1500.

Für Stefan Roller, den Leiter der Abteilung Mittelalter im Liebieghaus, war schon vor Weihnachten Bescherung. Das Skulpturenmuseum in Frankfurt hat zwei spätgotische Engel für seine Sammlung angekauft, die aus drei Gründen ganz besonders sind. Erstens: Es handelt sich um Figuren aus Nürnberg, die nur sehr selten in Museen zu finden sind. Zweitens: Sie sind für schwebende Engelsfiguren mit 85 Zentimetern ungewöhnlich groß. Und drittens: „Sie sind mit einer großen Virtuosität gefertigt worden“, sagt Roller, dem die Begeisterung deutlich anzumerken ist.

Die beiden Engel haben im großen Mittelaltersaal des Liebieghauses ihren Platz gefunden. Sie müssen einmal Teil einer Figurengruppe gewesen sein. Ihre ungewöhnliche Größe gibt einen Hinweis, wen sie einst umschwebt haben könnten: vermutlich Maria Magdalena, die der Bibel nach bis zu seinem Tod am Kreuz an Jesu Christi Seite blieb und als Zeugin seiner Auferstehung gilt.

„Engel, die den Hirten die Geburt Jesu verkünden oder an der Krippe des Christkinds im Stall von Bethlehem wachen, vor allem aber Engelchen, die Marienstatuen die Krone aufs Haupt setzen und sie zur Himmelskönigin krönen, sind mit etwa 30 bis 45 Zentimeter deutlich kleiner“, sagt Roller, der seit 2006 am Liebieghaus ist. In Darstellungen der „Erhebung der Heiligen Maria Magdalena“ dagegen werde diese häufig von großen Engeln in den Himmel geleitet, zu sehen etwa im Schrein des berühmten Creglinger Altars von Tilman Riemenschneider. Nach Jesu Tod soll sie der Legende nach in Südfrankreich als Eremitin gelebt haben und regelmäßig von Engeln in den Himmel erhoben worden sein, um dort göttliche Nahrung zu erhalten.

Wer die beiden aus Laubholz gefertigten Engel betrachtet, meint wahrnehmen zu können, wie sie gen Himmel fliegen. Ihre Chormäntel, die sie über ihren Alben tragen, scheinen sich mit dem Wind zu bewegen. Die Qualität der Schnitzkunst erlaubt Rückschlüsse auf ihre Datierung, wie der Sammlungsleiter erläutert.

Die Figuren müssen um 1500 in Nürnberg entstanden sein. 1496, vier Jahre davor, war der für seine Virtuosität berühmte Bildhauer Veit Stoß aus dem polnischen Krakau in die fränkische Stadt zurückgekehrt. Seine Art zu arbeiten machte bei seinen Kollegen dort Schule. das zeige die Art der Gewandgestaltung bei den Engeln, so Roller. Bunt bemalt waren die beiden Figuren vermutlich nicht. Bei ihrer Untersuchung fanden sich keinerlei Farbreste, die darauf hindeuten.

Einer der Engel musste einen brutal anmutenden Eingriff erdulden. „Ihm wurde der Kopf abgesägt“, sagt Roller. Um die Blickrichtung der Figur zu ändern, sei ihr ein Holzkeil im Nacken eingesetzt worden. Seitdem ist der Kopf des Engels nach unten geneigt. Ob diese Modifizierung in der Entstehungszeit oder in einem späteren Jahrhundert geschah, ist unklar.

Nicht nur der gut erhaltene Zustand, auch der Umstand, dass sie aus Nürnberg stammen, macht den besonderen Wert der Engel aus. Anders als in anderen Regionen wurden Skulpturen während der Reformation in der Stadt nicht aus den Kirchen entfernt, sondern blieben dort. Deshalb seien nur wenige der Nürnberger Schnitzereien in den Handel gelangt, sagt Roller, der seine Dissertation über die Nürnberger Bildhauerkunst der Spätgotik geschrieben hat.

Der Ankauf ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Die Tochter des Dortmunder Thomas Hinckeldey, aus dessen Sammlung die beiden Engel stammen, lebt in Frankfurt und bot sie dem Liebieghaus an. Zu Rollers großer Freude: „Sie sind eine großartige Bereicherung unser Sammlung.“

Informationen zu Ausstellungen und Öffnungszeiten unter liebieghaus.de

Diesem Engel wurde einst der Kopf abgesägt, um seine Blickrichtung zu verändern.
Diesem Engel wurde einst der Kopf abgesägt, um seine Blickrichtung zu verändern. © Stefan Roller / Liebieghaus

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