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Maraike Bückling ist eine hervorragende Kennerin barocker Elfenbeinkunst – und hat sich darüber die Begeisterung für die feinen Kunstwerke bewahrt.

Kultur

Liebieghaus Frankfurt: Fast schon ein Museum

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Das Frankfurter Liebieghaus zeigt mit der barocken Elfenbeinsammlung Reiner Winkler eine herausragende Neuerwerbung. Kuratorin Maraike Bückling führt FR-Leser zu den schönsten Stücken

Das Frankfurter Liebieghaus ist eines der stilleren Museen Frankfurts, doch unter Kennern zählt es nicht nur wegen des verträumten Gartens und des bekannten Cafés im versteckten Innenhof zu den schönsten seiner Art in Deutschland, sondern auch wegen seiner erlesenen Sammlung, die Werke vom alten Ägypten bis zum 19. Jahrhundert umfasst.

Die alte Villa am Mainufer ist eines von vielen Beispielen bürgerlichen Engagements für die Stadt. Schon ihr Erbauer, der böhmische Textilbaron Heinrich von Liebieg, wünschte sich hier ein Kunstmuseum. Seit 1909 ist eine erlesene Skulpturensammlung in dem seither mehrfach erweiterten Haus untergebracht, die dank vieler Stiftungen heute eine der weltweit führenden ist.

In diesem Jahr ist das Liebieghaus dank einer großzügigen Stiftung des Wiesbadener Unternehmers Reiner Winkler um eine ganze Abteilung reicher. Der 94-Jährige übertrug dem Museum seine legendäre Kollektion barocker Elfenbeinschnitzereien, seit den 1960er Jahren mit viel Glück und Geschick sowie der Unterstützung eines der führenden internationalen Experten aufgebaut. „Das ist die bedeutendste Privatsammlung weltweit“, schwärmt Kuratorin Maraike Bückling, für die der Zuwachs ein fast gänzlich neues Arbeitsgebiet eröffnet.

Denn bisher besaß das Liebieghaus nur wenige barocke Elfenbeinarbeiten. Für die Sammlung sei es eine großartige Ergänzung, sagt Bückling. Das Liebieghaus hat sein gesamtes Kellergeschoss für die kleinen Meisterwerke freigeräumt. Es ist fast schon ein neues Museum im Museum, das hier für die Öffentlichkeit plötzlich und unerwartet entstand und seit Ende März zugänglich ist.

„Chronos auf der Weltkugel“ des Bildhauers Matthias Steinl.

Wer Geduld und ein scharfes Auge hat, der kann hier versinken im Meer der Details. Hier toben wilde Jagden und dort erotische Spiele, antike Mythen werden erzählt, prominente Zeitgenossen porträtiert und Heilige in Verzückung oder Marter gezeigt, im schimmernden Weiß des Elfenbeins, eines der kostbarsten Materialien der Zeit.

Eine von Bücklings Lieblingsszenen – dafür braucht der Betrachter ein sehr scharfes Auge oder eine besonders gute Lupe – befindet sich auf dem Fuß einer großen Deckelkanne, die der Elfenbeinschnitzer Balthasar Grießmann um 1660/70 geschaffen hat. Winzige Kinder spielen im Wasser mit Schwänen und rätselhaften mythologischen Tieren. Das ist so fein gearbeitet, so voller Witz und Fantasie, dass man es kaum für möglich hält. Ein Knäblein hat mit seiner Angel offenbar drei millimetergroße Fische gefangen. Grießmann gibt mit seinem Schnitzmesser sogar die Schuppen wieder. Bückling lächelt, als sie die Szene zeigt.

Mit der Kuratorin durch die Ausstellung zu spazieren, ist ein besonderes Vergnügen, denn die Expertin kennt die Werke und ihre Künstler, kann erzählen und auf zahllose Details wie die Fischlein hinweisen. Die Besucher sind in der Regel fasziniert von den neuen Stücken.

Begeistert ist Bückling auch von den sehr seltenen Werken des sogenannten Furienmeisters, der vermutlich für die Fürstbischöfe von Salzburg arbeitete. Das sind Raritäten, die kaum ein anderes deutsches Museum zu bieten hat – das Liebieghaus besitzt nun gleich drei davon. Bückling zeigt die große Figur einer stehenden, recht fülligen Nackten. Vielleicht ist es Eva? „Schauen Sie sich mal die Rückseite an, wie wunderbar hier die Haare geschnitzt sind.“

Dabei spart Maraike Bücking nicht aus, dass das Material Elfenbein heute heftig umstritten ist und international strengsten Handelsverboten unterliegt. Die Gier nach dem „weißen Gold“ brachte die Elefanten in den vergangenen 150 Jahren an den Rand des Aussterbens. „Selbstverständlich thematisieren wir das“, sagt Bückling. „Den Besuchern ist das ja auch sehr wichtig, sie fragen oft. Unsere Stücke stammen fast alle aus dem 17. und 18. Jahrhundert, als die Jagd auf Elefanten höchst gefährlich und Elfenbein unglaublich kostbar war.“ Was heute hier in Frankfurt zu sehen ist, war nur für die reichsten Fürstenhäuser ihrer Zeit erschwinglich.

Die Ausrottung der Tiere begann erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als man anfing, Elfenbein industriell zu verarbeiten und Klaviertasten, Besteckgriffe und Billardkugeln daraus herzustellen. Interessanterweise führten die große Nachfrage und das schwindende Angebot auch zur Entwicklung des Kunststoffs. Reiner Winkler übrigens hat solche modernen Dinge nicht gesammelt.

Verlosung

Die FR verlost eine Führung am 1. August, 17 Uhr, durch die Skulpturensammlung im Liebieghaus.  Wer dabei sein möchte, registriert sich bis 29. Juli, 10 Uhr unter https://fr.de/gewinnspiel mit dem Losungswort „Liebieghaus“. Nur die 15 Gewinner werden benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Das Liebieghaus , Schaumainkai 71, in Frankfurt, ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags auch bis 21 Uhr.

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