Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auch die Kräuter für die Grüne Soße wachsen im Frankfurter Garten auf dem Danziger Platz.
+
Auch die Kräuter für die Grüne Soße wachsen im Frankfurter Garten auf dem Danziger Platz.

Urban Gardening

Letzte Saison für den Frankfurter Garten

  • VonSabine Schramek
    schließen
  • Thomas Stillbauer
    Thomas Stillbauer
    schließen

Das einst erste Urban-Gardening-Projekt der Stadt muss im nächsten Jahr weichen. Aber es gibt Zukunftspläne an einem neuen Ort.

Matthias Baumgardt spielt nicht nur unvergleichlich gut Gitarre. Er züchtet Tomaten, Kürbisse und Chilis und kocht für die vorläufig wohl letzte Musikdarbietung im Garten 15 Liter Linsensuppe mit Kürbis. „Es wird jetzt zu kalt draußen“, sagt der Musiker und zeigt auf ein Glas Tomaten-Chili-Sauce. „Die wärmt, wenn man es scharf mag.“

Baumgardt gehört zu den gut 40 Mitgliedern des Vereins Bienen-Baum-Gut, der vor drei Jahren den seit 2013 bestehenden Frankfurter Garten übernommen hat. „Ich glaube es erst, wenn es wirklich passiert“, sagt er. „Es“ ist der Umzug des Gartens, denn die Bahn hat ihren Anspruch auf das Grundstück geltend gemacht, um die nordmainische S-Bahn Richtung Hanau auszubauen.

Das löst Besorgnis aus im Garten am Danziger Platz mit seinen Beeten und Bienenstöcken. „Bienen kann man im Winter nicht umsiedeln“, sagt Cher Haurova, die Erste Vorsitzende des Vereins. „Das wäre Genozid.“ Deshalb gibt es bereits jetzt die Absprache, dass die summenden Völker bis Mai 2022 bleiben dürfen. Für alles andere zeichnet sich gerade ein Kompromiss ab.

„Wir haben dem Verein ein Ausweichgelände an der Ostparkstraße angeboten“, sagt Heike Appel, die Leiterin des Grünflächenamts. Es ist das Areal, das noch zum Lückenschluss des Grüngürtels im Ostend fehlt. Noch steht ein Umspannwerk drauf, das die Mainova abreißen will.

Das Problem: Wenn die Gärtnerinnen und Bienenfreunde am Ostbahnhof wegmüssen, bevor der neue Standort soweit ist, stehen sie auf der Straße – mit dicht bewachsenen, tonnenschweren Hochbeeten aus Holz und Beton, mit sechs 2,5-Tonnen-Containern für Werkstatt, Café, Büro und Stauraum. „Auf dem anderen Grundstück wäre momentan nicht einmal Platz zum Zwischenlagern“, sagt Haurova. Auch die Transportkosten könne der Verein nicht stemmen. „Wir müssen abwarten, was passiert.“

SOLAWI

Solidarische Landwirtschaft – gern Solawi abgekürzt – setzt auf Teilhabe: Menschen bauen gemeinsam auf öffentlicher Fläche Obst und Gemüse an und teilen den Ertrag. In den vergangenen Jahren gründeten sich immer mehr dieser Gemeinschaften.

In Frankfurt folgten dem Vorreiter „Frankfurter Garten“ etwa der Verein Solawi (solawi-ffm.de), die Solawi Luisenhof (solawi-luisenhof.com), die Solawi Maingrün (solawi-maingrün.de), der Gemeinschaftsgarten Tortuga
(tortuga-eschersheim.de) die Gallusgärten – Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Gemüseheldinnen schaffen gleich eine Vielzahl sogenannter Permakulturinseln in der Stadt. Als eines der größten Urban-Farming-Projekte wirtschaftet seit 2018 „Die Kooperative“ mit Flächen vor allem in Oberrad (diekooperative.de).

Unterstützung für Projekte der
Solidarischen Landwirtschaft geben der Ernährungsrat Frankfurt
(ernaehrungsrat-frankfurt.de) und der Verein Bionales (buerger-fuer-regionale-landwirtschaft.de).

Amtsleiterin Appel kann ihr Hoffnung machen. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) habe mit beiden Seiten gesprochen – es deute sich an, dass die Mainova den Abriss beschleunigt und die Bahn dem Garten noch etwas mehr Zeit lässt. „Das klappt wohl“, sagt Appel. Es handele sich schließlich um das weithin bekannte allererste Urban-Gardening-Projekt in Frankfurt. Auch bei der Umsiedelung werde man behilflich sein.

Positive Signale kommen auch von der Deutschen Bahn (DB). Benötigt werde der Platz voraussichtlich von Juni an, bestätigt eine Sprecherin auf FR-Anfrage: „Bis dahin kann der Verein die Fläche weiter nutzen. Dies wird die DB in Kürze auch vertraglich mit dem Verein festhalten.“

Der Garten muss den Danziger Platz räumen, weil quer darunter die Station Frankfurt Ost (tief) liegt. Die Bahn plant dort eine sogenannte Baustelleneinrichtungsfläche über die gesamte Bauzeit. Der Straßenverkehr soll weitestgehend aufrecht erhalten werden. Die Sprecherin betont, die Bahn habe den Frankfurter Garten von Anfang an im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt. „Bei der Suche nach einer Ersatzfläche beteiligen wir uns gern an den Gesprächen.“ Mit dem Grünflächenamt sei man im Austausch.

Cher und Corina Haurova hatten 2016 im Frankfurter Garten den „Bienenbaum-Wipfelpfad“ mit initiiert, der 2018 den Bürgerpreis der Stadt Frankfurt und 2019 den Preis für biologische Vielfalt der UN-Dekade erhielt. Der Wipfelpfad gilt als eines der größten Projekte Hessens zum Schutz der Honigbienen. Auf zwei Baumplattformen, die mit einer Hochseilbrücke verbunden sind, können Kinder und Erwachsene sehen, wie Bienenvölker in hohlen, als Gesichter geschnitzten Baumstämmen leben und Honig produzieren.

Wegen Corona konnten viele Führungen und Kurse nicht stattfinden. „Das war hart“, sagt Haurova. Das Geld fehlte. Seit dem Sommer 2020 gab es daher freitags Konzerte, die Baumgardt organisiert. 46-mal seien seither Musiker und Bands in der ganz besonderen Stimmung der solidarischen Landwirtschaft aufgetreten. Die Idee brachte die finanzielle Rettung, zu der auch eine Wasserspende der Mainova in Höhe von 1000 Euro beitrug.

Musiker jammten beim Abschiedkonzert vor ein paar Tagen, in den Liegestühlen letzte Besucher. Wo jetzt noch Gemüse wächst, wird die Deutsche Bahn wieder die Regie übernehmen. Aber bis dahin ist nun doch noch etwas Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare