+
Ein Ausschnitt aus der Graphic Novel.

Frankfurt

Lesung in Frankfurt: „Das war moderne Sklaverei“

  • schließen

Die Autorin Birgit Weyhe liest aus ihrem Comic „Madgermanes“ – über die DDR-Gastarbeiter aus Mosambik. Bis heute warten sie auf große Teile ihres versprochenen Lohns.

In den Räumen der Bildungsstätte Anne Frank gibt es anlässlich der Sonderausstellung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls „1989/90: Schwarz, Jüdisch, Migrantisch“ heute die „Madgermanes“-Comic-Lesung mit anschließendem Gespräch mit Autorin Birgit Weyhe und Emiliano Chaimite, der als mosambikanischer Gastarbeiter in die DDR kam und heute in Dresden lebt.

Die „Madgermanes“, was so viel heißt wie „Die verrückten Deutschen“, sind ehemalige DDR-Gastarbeiter aus Mosambik. Die Comiczeichnerin Birgit Weyhe hat die Geschichte der „Madgermanes“ in einer gleichnamigen Graphic Novel erzählt. Hierfür wurde sie 2016 beim Internationalen Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet, die wichtigste Ehrung für graphische Literatur im deutschsprachigen Raum.

Auf die „Madgermanes“ ist Weyhe eher durch Zufall gestoßen. Sie besuchte 2007 ihren Bruder in Mosambik. In einer Stadt im Norden des Landes wurden sie auf der Straße von einem Mann auf sächsisch angesprochen. „Atanasi wollte einfach nur Deutsch reden“, erinnert sich Weyhe. Atanasi war der erste ehemalige Vertragsarbeiter, den Weyhe kennenlernte. „Für ihn war die DDR das Land, in dem Milch und Honig floss.“ Als die DDR zusammenbrach, löste sich Atanasis Arbeitsvertrag auf und seine Aufenthaltsgenehmigung erlosch. Das Dilemma: Der Wohnraum und der Arbeitsplatz waren an die Aufenthaltsgenehmigung gebunden. „Das war ein Deal zwischen der DDR und Mosambik“, sagt Weyhe. Die Volksrepublik Mosambik hatte nach der Unabhängigkeit 1975 enge Beziehungen zur DDR. Zehntausende Mosambikaner zog es in den sozialistischen Bruderstaat, um dort zu arbeiten. Die Arbeiter seien mit dem Versprechen, dass sie in der DDR etwas lernen und gutes Geld verdienen können, geködert worden, sagt Weyhe.

Die DDR und die Volksrepublik Mosambik unterzeichneten ein bilaterales Abkommen zum Einsatz von Arbeitskräften. Etwa 22 400 Mosambikaner sollten die schwächelnde DDR-Wirtschaft damals unterstützen. Sie bekamen vor allem anstrengende Jobs in der Schwerindustrie, im Maschinenbau oder in Fleischereien.

Allerdings wollte die DDR die Arbeiter nicht zu lange behalten – und Mosambik wollte die ausgebildeten Arbeiterinnen und Arbeiter zurückhaben, um den Sozialismus zu Hause mit aufzubauen. Die Staatsoberhäupter entwickelten einen Deal. 40 Prozent des Lohns gab es sofort, also noch in der DDR. 60 Prozent jedes Lohns, der über 350 Mark lag, sollte aber zunächst der mosambikanische Staat zur Schuldentilgung bekommen. Später, nach ihrer Rückkehr, sollte den Arbeitern dieser Rest dann ausgezahlt werden. Doch darauf warten die „Madgermanes“ bis heute. „Das war nichts anderes als ein schmutziger Deal auf den Rücken der mosambikanischen Gastarbeiter“, sagt Weyhe.

Einige Mosambikaner kehrten nach dem Zusammenbruch der DDR zurück in ihre Heimat, oftmals als „Verlierer“, wie Weyhe sagt. So wie Atanasi. Er musste, wie viele andere auch, die hohen Erwartungen der Familie erfüllen, doch das konnte er nicht. „Die Rückkehr für Atanasi war schlimm. Er kam mit leeren Händen, denn niemand konnte mit den erworbenen Fähigkeiten in seiner Heimat etwas anfangen“, sagt Weyhe. Seine Familie warf ihm vor, er hätte es sich gutgehenlassen in der DDR.

Als Weyhe zwei Jahre später wieder ihren Bruder in Mosambik besuchte, wollte sie auch Atanasi wiedersehen. Doch daraus wurde nichts, denn Atanasi war verstorben. „Er wurde von einem Auto überfahren als er stark alkoholisiert eine Straße entlanglief“, erinnert sich Weyhe. Er verfiel dem Alkohol. Daraufhin wollte Weyhe mehr über das Leben der „Madgermanes“ erfahren. Sie recherchierte und lernte weitere kennen, deren Geschichten sie in ihrem Comic verewigte. Eine Geschichte handelt von Emiliano Chaimite.

Der heute 43-Jährige kam 1986 in die DDR und absolvierte in einer Magdeburger Gießerei eine Ausbildung. Nach der Wende wollte er nicht zurück in seine Heimat. Er blieb, zog erst nach Berlin, dann nach Dresden. Dort machte er eine weitere Ausbildung zum Krankenpfleger. „Das war eine sagenhafte Chance. Für mich stand fest, dass ich etwas zurückgeben will“, sagt Chaimite. Dresden wurde seine neue Heimat. Die Wende bot ihm eine Chance. Doch Chaimite vergisst nicht, was ihm und den vielen Tausenden Mosambikanern weggenommen wurde. „Insgesamt wurden mir 18 000 DDR-Mark abgezogen.“ Das sei über den ganzen Zeitraum nicht viel gewesen, aber das spiele keine Rolle, denn es gehe um seine Rechte. „Im Einigungsvertrag hat der Staat uns ausgeklammert. Über uns wurde nicht gesprochen, deswegen sieht sich Deutschland auch nicht in der Pflicht, uns auszuzahlen“, sagt Chaimite. Er und die anderen Vertragsarbeiter seien nur billige Arbeitskräfte gewesen. „Das war moderne Sklaverei.“

Seitdem Chaimite in Dresden wohnt, engagiere er sich für Menschen mit Migrationshintergrund und gewerkschaftlich für seine Kolleginnen und Kollegen. Er ist Mitglied in der SPD und kandidierte 2019 für den sächsischen Landtag. 1994 gründete er den ersten mosambikanischen Verein in Dresden und ist aktiv im Ausländerrat.

Chaimite hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die „Madgermanes“ doch noch einen Teil ihrer ausstehenden Löhne erhalten. Der Großteil von ihnen kehrte zurück nach Mosambik. Dort gehen sie in der Hauptstadt Maputo jeden Mittwoch auf die Straße und demonstrieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare